Eine kurze Geschichte der Schweizerischen Staatsverschuldung
12. Dezember 2011 | Pageviews: 3461 | Boris Zürcher
Für ein Land, das sich hinsichtlich seiner Staatsverschuldung für geradezu mustergültig hält, verfügt die Schweiz über relativ wenig statistische Information zur tatsächlichen Staatsverschuldung über die Zeit. Seit 1990 sind zwar konsolidierte Verschuldungskennzahlen für Bund, Kantone und Gemeinden verfügbar, bereits für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Daten jedoch mehr als nur dünn gesät. Dunkles Mittelalter herrscht dann, wenn es um Informationen ab der Staatsgründung 1848 bis zum Zweiten Weltkrieg geht. Für den Bund sind Zahlen ab 1913 vorhanden, eine konsolidierte Staatsrechnung mit entsprechendem Schuldenausweis sucht man jedoch vergeblich. Umso verdankenswerter sind daher die Bemühungen des IMF, eine international vergleichbare Datenbank zusammenzustellen, die auch einen historisch relevanten Zeitraum abdeckt.
Die Grafik zeigt deutliche Unterschiede in der Höhe der Verschuldungsquoten ab der Wende zum letzten Jahrhundert. Am niedrigsten liegt die Datenreihe zur Verschuldung des Bundes in Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), die ab 1913 durchgehend verfügbar ist. Demgegenüber weist die Datenreihe des IMF, die schon 1899 beginnt, leider mehrere Unterbrüche auf. Dasselbe gilt für die Datenreihe basierend auf der Online-Datenbasis zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz (Zur Unterscheidung der Schuldenberechnung nach IMF und EFV bzw. BFS siehe hier).
Vom Verlauf her gibt es zwischen den Datenreihen aber markante Übereinstimmungen. Ein erster massiver Anstieg der Verschuldung ist während des Ersten Weltkrieges zu beobachten. Glaubt man den Zahlen, waren die öffentlichen Haushalte und vor allem der Bund zuvor beinahe schuldenfrei. In der Zwischenkriegszeit folgte dann ein Schuldenabbau um fast 10 Prozentpunkte. Diese Abbauperiode findet dann aber mit der massiven Ausdehnung der Verschuldung ab Mitte der 1930er Jahre ihr Ende. Die Verschuldung steigt bis zum Kriegsende auf Rekordhöhen, je nach Datengrundlage auf 57% des BIP (für die Bundesschulden), auf 79% des BIP (nach der Datenreihe des IMF) oder auf knapp 73% (gemäss den Daten zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Schweiz). Es folgt anschliessend eine Periode der massiven Schuldenreduktion bis in die Mitte der 1970er Jahre, beim Bund auf noch rund 6% des BIP , insgesamt auf 35% bis 38% des BIP. Dies entspricht einer Reduktion um 50 Prozentpunkte beim Bund beziehungsweise um über 40 Prozentpunkte für die gesamte öffentliche Verschuldung.
Diese Schuldenreduktion in der Nachkriegszeit wurde bemerkenswerterweise nicht durch Einsparungen beziehungsweise einen Abbau staatlicher Leistungen erzielt – die Staatsquote ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges laufend gestiegen –, sondern sie ist vor allem die Folge eines starken Wirtschaftswachstums von durchschnittlich real über 3% jährlich bis zum Beginn der 1970er Jahre. Ein bedeutender Anstieg der Verschuldung ist dann wieder während der Stagnationsphase ab Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er Jahre zu beobachten: Beim Bund allein steigt die Verschuldung von rund 8% des BIP im 1989 auf knapp 28% des BIP 1998, insgesamt von 27% auf 56% des BIP (BFS) beziehungsweise von 31% auf 72% des BIP (im Jahr 2005, gemäss IMF). Seit 2005 geht die Verschuldung wieder zurück, um 8 Prozentpunkte beim Bund und um 16 bis 17 Prozentpunkt auf konsolidierter Basis (Bund, Kantone, Gemeinden und Sozialversicherungen). Auch dieser Rückgang wurde wesentlich von einem relativ hohen Wirtschaftswachstum unterstützt, hinzu kam – im Unterschied zur Nachkriegszeit – vor allem die Einführung der Schuldenbremse auf Bundesebene ab 2002, die einen ganz wesentlichen Anteil an der Schuldenreduktion hat.
Besonders die Daten des IMF zeigen deutlich, dass die beiden Höhepunkte der Verschuldung der öffentlichen Haushalte in den letzten rund 110 Jahren, jener am Ende des Zweiten Weltkrieges und jener Anfang der Jahrtausendwende, fundamental unterschiedliche Ursachen haben: das eine Mal waren es die Kriegsanstrengungen, die Aufrüstung usw., das andere Mal war es die Bewältigung der Stagnationsphase zu Beginn der 1990er Jahre bei gleichzeitigem Ausbau der (wohlfahrts-)staatlichen Leistungen. Die Schweiz hat mit der Schuldenbremse vermutlich gerade noch rechtzeitig Gegensteuer gegeben.








Lieber Boris. Zu Deiner Darstellung der immensen Schuldenszunahme des Bundes von 8 auf 28% des BIP im Jahrzehnt 1989-1998 gehört eine Erklärung. Sonst könnte man schliessen, der Bund hätte damals dermassen defizitär gewirtschaftet. Rund 60% der damaligen nominellen Schuldenzunahme des Bundes entstand in den 1990er Jahren durch die sog. Ausfinanzierungen, nicht etwa durch Budgetdefizite: durch die Ausfinanzierung der verselbständigten Bundespensionskassen, das heisst der Publica, der Pensionskassen der Post und der Bahnen. Das waren blosse Nachzahlungen von nicht einbezahlten Arbeitgeberbeiträgen des Bundes seit den 1950er und 1960er Jahren. Zudem wurde die finanztechnische Fonds-Ausgliederung der gesamten Bahninfrastruktur des Bundes bilanztechnisch mit einer Verschuldung zulasten der Bundesbilanz abgebucht. – Neben diesen rechnungslegungstechnischen Neuverschuldung hatte die Schweiz in den 1990er Jahren während 6 Jahren praktische Nullwachstum – mindestens zur Hälfte verursacht durch die Fehlleistungen der damaligen Nationalbank-Leitung; und dies führte zu den Budgetdefiziten bei Bund, Kantonen und Gemeinden in den Neunziger Jahren.
Beste Grüsse Rudolf Strahm (altNationalrat, ehem.Preisüberwacher)