Wie 40‘000 Basler ins Umland zogen

Zahlreiche Fehlanreize begünstigen die Zersiedelung der Schweiz

17. Januar 2012 | Daniel Müller-Jentsch

Land ist in der dichtbesiedelten Schweiz eine knappe Ressource. Trotzdem gibt es bei der Siedlungsentwicklung zentrifugale Kräfte, die eine verstreute und flächenintensive Besiedlung fördern. Besonders ausgeprägt war dieser Trend zur «Suburbanisierung» in der Metropolregion Basel. Zwischen der Stadt und ihrem Umland fand in den vergangenen Jahren ein regelrechter Bevölkerungsaustausch statt. Während die Einwohnerzahl von Basel-Stadt zwischen 1970 und 2010 um 46‘000 Personen schrumpfte, wuchs jene von Basel-Landschaft um 53‘000 Personen (ohne den Sondereffekt durch den Kantonswechsel des Laufentals 1994). Die Pendlerströme in umgekehrter Richtung nahmen in einer ähnlichen Grössenordnung zu. Folgen dieser kleinen Völkerwanderung waren die Zersiedlung des Basler Umlands und wachsende Verkehrsströme.

«Agglo» ist in

In der gesamten Schweiz kam es in den letzten Jahrzehnten zu einem massiven Agglomerationswachstum mit vielfältigen Ursachen. Zwei wichtige Treiber sind das Bevölkerungswachstum und der kontinuierliche Flächenverbrauch pro Kopf – als Folge von Wohlstandswachstum, kleineren Haushalten und einem wachsenden Bestand an Zweitwohnungen. Die disperse Siedlungsentwicklung wird aber auch durch den Ausbau der Strassen- und Schieneninfrastruktur gefördert. Dadurch sind die zeitlichen Distanzen stark geschrumpft. Die Subventionierung des Öffentlichen Verkehrs hält die Kosten des Pendelns niedrig und trägt dazu bei, dass immer mehr Leute in die Agglomerationsgürtel der Städte ziehen. Alleine zwischen 1970 und 2000 nahm die Zahl der Pendler um 41% zu. Auch die Präferenz zum Haus im Grünen trug dazu bei.

Lasche Auflagen auf dem Land, strikte in der Stadt

Fast alle Gemeinden haben den Anspruch, zu wachsen, und gerade ländliche Regionen versuchen auch über grosszügige Einzonungen und günstiges Bauland, Neubürger und Firmen anzuziehen. Entsprechend befinden sich in den meisten Kantonen die grössten Bauzonenreserven in peripheren Lagen. Neben der Preisdifferenz bei Bauland führt auch das Stadt-Land-Gefälle bei der Regulierung (geringe Auflagen auf dem Land, viele Vorschriften in der Stadt) zu vermehrter Bauaktivität auf der grünen Wiese. All diese Faktoren begünstigen den Trend zur Zersiedelung der Schweiz. Um ihn aufzuhalten, bedarf es dringend raumplanerischer Massnahmen zur Siedlungsbegrenzung und Siedlungssteuerung. Genau dieses Anliegen steht im Focus der laufenden Teilrevision des eidgenössischen Raumplanungsgesetzes (RPG).

Im «Kantonsmonitoring Raumplanung» untersuchte Avenir Suisse die Siedlungsentwicklung und die Instrumente zur Siedlungssteuerung in den 26 Kantonen.

Am 27. Januar 2012 hat die Basler Zeitung dieses Thema in einem eigenen Artikel aufgegriffen: «Wie die Stadt Basel 46000 Menschen verlor» (mit freundlicher Genehmigung der Basler Zeitung)

5 Kommentare auf "Wie 40‘000 Basler ins Umland zogen"

  1. Schneider Alex sagt:

    Dem Wunsch nach dem Haus im Grünen kann eben immer weniger entsprochen werden, weil die Nutzungsansprüche an den Agglomerationsraum (inkl. Grünflächen) immer einschränkender wirken. Da hilft auch eine bessere Koordination über die Grenzen nicht viel weiter. Was wirken würde, die Einschränkung der Zuwanderung in die Schweiz, wird ja mehrheitlich abgelehnt.

    Zum Basler Theater: Ich meine, die Besucher sollten mehr bezahlen und nicht die Kantone und Gemeinden im Einzugsgebiet. Avenir Suisse verteidigt doch sonst immer vehement das Verursacherprinzip!

  2. Schneider Alex sagt:

    Zwei Bemerkungen:
    Basel-Stadt ist ein Sonderfall: 1. Hat die Stadt praktisch keine Landreserven. 2. Sind die nahen Landesgrenzen ein Hindernis für eine stadtnahe Entwicklung in nördlicher und westlicher Richtung.

    Die Einwohnerzahl der Stadt steigt seit 2007 wieder an. Es gibt Bevölkerungssegmente, die das urbane Leben bevorzugen (Studierende, RentnerInnen, neu Zugewanderte).

    Der Drang nach mehr Wohnfläche, grüner Umgebung, tieferen Steuern, besseren Rahmenbedingungen für die Kinder, weniger Umweltbelastung, etc. kann und soll nicht aufgehalten werden. Einzig vernünftige Bremse ist ein Stopp der massiven Zuwanderung in die Schweiz.

    • Daniel Müller-Jentsch sagt:

      Es geht nicht darum, den Leuten vorzuschreiben, wo sie wohnen, sondern darum, Fehlanreize für eine disperse Siedlungsentwicklung zu reduzieren. Derzeit tragen beispielsweise die Pendler nur die Hälfte ihrer ÖV-Kosten selber, konsumiert das Umland Zentrumsleistungen der Städte, ohne sie hinreichend zu bezahlen (Stichwort Theaterabstimmung in BL), und nutzen periphere Gemeinden überdimensionierte Bauzonen als Mittel im Standortwettbewerb. Um das starke Agglomerationswachstum zu kanalisieren, bedarf es zudem gewisser raumplanerischer Steuerungsinstrumente, wie sie im Rahmen der RPG-Revision vom Ständerat vorgeschlagen wurden.

      • Schneider Alex sagt:

        Wenn Sie die Ausdehnung der Einfamilienhauszonen auf dem Land beschränken, schreiben Sie den Leuten eben doch vor, wie sie wohnen sollen. Man will von Art. 15 RPG, welcher heute eine reine Bedarfsplanung erlaubt, zu einer zumindest regional gesteuerten Siedlungsentwicklung übergehen. Damit würde man selbstverständlich Lenkungsdruck auf die Wohnwünsche der Bevölkerung und die Standortwünsche der Wirtschaft ausüben.

        Das Abo-Tarifsystem des Tarifverbundes Nordwestschweiz ist anerkanntermassen ein Unsinn. Es subventioniert die langen Pendelwege.

        Das Zentrum bietet auch Zentrumsleistungen an, welche die Landbevölkerung gar nicht wünschen. Fragen Sie einmal nach, welcher Teil der Bevölkerung in BL die zum Teil abgehobenen Theateraufführungen in BS besuchen oder besuchen wollen. Es ist nur ein kleiner Prozentsatz. Mit einer Beteiligung an Zentrumsleistungen muss auch ein Mitspracherecht verbunden werden. Für Kultur und Sport sollte zudem die Verursacherfinanzierung ausgebaut werden.

    • Daniel Müller-Jentsch sagt:

      Der Wunsch nach dem Haus im Grünen ist zu respektieren, aber wo dieser Wunsch am besten ausgelebt werden sollte hängt auch von anderen Faktoren ab, wie etwa die Kosten der Infrastrukturerschliessung, die Notwendigkeit Siedlungs- und Verkehrsentwicklung zu koordinieren oder dem Wunsch im städtischen Umland Gebiete mit hohem Freizeitwert von Bebauung freizuhalten. Gerade in Agglomerationen – sprich Siedlungsstrukturen, die Gemeinde und Kantonsgrenzen überschreiten – bedarf es einer gewissen Koordination. Aufgabe der Raumplanung ist es, Nutzungskonflikte im Raum zu lösen und diese machen an Gemeindegrenzen nun leider nicht halt.

      Zum Basler Theater: Die Hälfte des Publikums stammt aus Basel-Landschaft und eine Beteiligung an den Kosten erscheint daher legitim.

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