Mehr Chancengleichheit durch freie Schulwahl
Wettbewerb in der Bildung (2): Warum sich Sozialdemokraten und Lehrer für diese Reform einsetzen müssten
11. Mai 2012 | Pageviews: 1484 | Patrik Schellenbauer
In der Diskussion um die freie Schulwahl steht häufig nicht die Qualität und die Effizienz des Bildungsangebots im Vordergrund, sondern die Sorge um die soziale Durchmischung und um die Chancengerechtigkeit. Letztendlich geht es um den gesellschaftlichen Kitt in einem mehrsprachigen und vielgestaltigen Land.
An diesem Punkt neigt die Debatte zur Romantisierung. Die alte Dorfschule auf dem gleichnamigen Gemälde von Albert Anker (1896) scheint sich derart ins kollektive Gedächtnis eingebrannt zu haben, dass man die heutigen Realitäten nur mit getrübter Linse wahrnehmen will. Sicher gibt es sie noch, die Dorfschule als Ort des Zusammengehörigkeit, wo Arm und Reich, Alteingesessene und Zugezogene, Begabte und Unbegabte gemeinsam die Schulbank drücken.
Heute bestimmt das Einkommen, wer Wahlfreiheit hat
Der Lebensalltag der meisten Schweizerinnen und Schweizer sieht aber ganz anders aus. Vier Fünftel von ihnen leben nicht mehr im ländlichen Idyll, sondern in Städten und ausufernden Agglomerationen. In der urbanen und suburbanen Siedlung ist die räumliche Segregation und damit die soziale Entmischung längst Realität geworden. Der Mechanismus dazu ist der Bodenmarkt, der Standortunterschiede in den Mieten und Hauspreisen einpreist.
Für den Umzug an eine bevorzugte Lage muss darum ein Eintrittspreis bezahlt werden, so auch für gute öffentliche Schulen in begüterten Gemeinden. Mehr noch: in den Preisunterschieden der Gemeinden drückt sich nicht primär deren Schulqualität aus, sondern die (progressive) Einkommenssteuer. Ein hohes Einkommensniveau der Einwohner einer Gemeinde schlägt sich deshalb überproportional stark in teuren Mieten nieder. Das Eintrittsticket per Zuzug ist darum für Normalverdiener häufig unerschwinglich. Das Einkommen bestimmt, wer heute über faktische Wahlfreiheit verfügt und wer nicht. Irritierend ist, dass gerade jene Kreise, die an vorderster Front gegen die Entmischung kämpfen, der freien Schulwahl nichts Positives abgewinnen können.
Haushalte mit kleinem Budget wären die Profiteure der Reform
Aber ist die Schulqualität in den wohlhabenden Gemeinden tatsächlich höher? Dazu genügt ein Blick auf die Maturitätsquoten im Kanton Zürich. Während in einigen Gegenden am Zürichsee fast die Hälfte der Schüler eine Mittelschule besucht, liegt die Quote im ländlichen Zürcher Weinland teilweise unter 10%. Vermutlich neigen die Weinländer mehr als die Seeanstösser zu praktischen Bildungsgängen wie einer Berufslehre. Trotzdem fällt es schwer, die ganze Differenz allein mit den vorhandenen Unterschieden in den Bildungsvorlieben zu erklären.
Verschiedene Untersuchungen für die Schweiz (Wolter 2011, Merzyn und Ursprung 2005) zeigen denn auch, dass die Zustimmung zur freien Schulwahl mit steigenden Einkommen abnimmt. Anders gesagt: Die Profiteure der Reform sind die Haushalte mit kleinem Budget. Schwer verständlich ist daher, dass der aufgeklärte Teil der Sozialdemokratie mehr Wettbewerb zwischen den Volksschulen nicht zu seinem ureigenen Anliegen macht. Da mag deren angeborener Hang zum Paternalismus mitspielen, der es Eltern nicht zutraut, den grösseren Handlungsspielraum zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ein wichtiger Faktor ist aber auch die Lehrerschaft, deren politische Heimat vorwiegend links liegt und die die starre Zuweisung vehement verteidigt.
Das Prestige des Lehrerberufs ist – trotz Tertiarisierung der Ausbildung – in den letzten Jahrzehnten relativ zu anderen Berufen gesunken. Gleichzeitig fühlen sich die Lehrpersonen vermehrt unter Druck gesetzt. Eingezwängt zwischen ständigen Reformen, Integrationsfragen, disziplinarischen Problemen, Genderanliegen, aufmüpfigen Eltern und über Hand nehmender Bürokratie sehen sie ihre Felle endgültig davon schwimmen, sollten sie nun auch noch dem rauen Wind des Wettbewerbs ausgesetzt werden.
Diese Wahrnehmung des Wettbewerbs ist sehr einseitig. Jeder Veränderungsprozess birgt neue Perspektiven und Chancen. Gerade der Entdeckungscharakter des Wettbewerbs würde den Pädagogen mehr individuelle Handlungs- und Gestaltungsspielräume eröffnen, ganz abgesehen davon, dass sie zwischen Arbeitgebern wählen könnten, die differenzierter wären als heute.
Lesen Sie demnächst, welche Rolle dem Staat in einem System der freien Schulwahl zukommt.
Dieser Text beruht auf einem Beitrag, der im Kaleidos-Jahresbericht 2011 publiziert wurde.








Patrik Schellenbauer räumt sauber auf: Die soziale Durchmischung der Schulen ist heute nur noch eine antiquierte Vorstellung ohne Realitätsbezug. Chancengerechtigkeit und integrative Kraft der Volksschule ebenso. Zumindest in der Stadt Zürich sind die Quartiere erwiesenermassen nicht mehr sozial durchmischt. Die Frage, ob ein Kind einen guten Schulabschluss erreicht, hängt in hohem Masse vom Bildungsstand und Einkommen der Eltern ab.Wenn nur 3% der SchülerInnen im Gymnasium aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, ist es um die integrative Kraft der Volksschule schlecht bestellt. Die freie Schulwahl fördert die Qualität und bedürfnisgerechte Vielfalt der Schulen und die Chancengerechtigkeit, indem sie allen Eltern eine Wahlmöglichkeit erlaubt. Gegenargumente beruhen vor allem auf Angst um Privilegien und Angst vor Veränderung. Deshalb Ja zur Schulwahlinitiative!
Der sozialen Entmischung muss nicht nur in der Schule, sondern auch in den Gemeinden begegnet werden. Wohnzonen für Reiche und Arme müssen, soweit dies der Makro-Standort zulässt, in der gleichen Gemeinde in ausgewogener Mischung angeboten werden. Im Übrigen kann der horizontale Lastenausgleich ausgebaut werden, um die ärmeren Gemeinden auch beim Schulangebot besser zu stellen.
Ein Artikel, der nüchtern die Realität beleuchtet, stets sauber hergeleitet und belegt. Ein Artikel der mit Täuschungen und Mythen aufräumt.
Der Artikel ist eine hervorragende Analyse der Auswirkungen, welche die freie Schulwahl mit sich bringen würde! Eltern wären gleichberechtigte Partner zu den Schulen in der Bildung der Kinder! Die Wahl der Schule wäre kein Privileg der reichen mehr!
Ich befürworte die freie Schulwahl und werde am 17. Juni “Ja” stimmen!
Der Artikel von Patrick Schellenbauer trifft den Nagel auf den Kopf. Dass SP und Grüne nicht geschlossen für eine Freie Schulwahl stimmen, die eine grosse Ungerechtigkeit beseitigen würde, was Chancengleichheit angeht, ist nur durch Voreingenommenheit, Stärke der Lehrergewerkschaften und Angst zu erklären. Der FDP-Mutterpartei (die Jungfreisinnigen haben im Verhältnis 10:1 für die “Ja” Parole gestimmt) kann man es nicht verübeln: ihre Klientel will die teuren Privatschulen für sich behalten und sich nicht mit dem Fussvolk mischen, Besitzstandswahrung der Segregation ist hier also angesagt.
Trotzdem bleiben drei Problemkreise, die gelöst werden müssen, und zu denen die Freie Schulwahl einen positiven Beitrag leisten kann: (i) die heutigen, zu hohen Kosten können dank Wettbewerb gesenkt werden, (ii) die ungenügende Qualität (nachzulesen in PISA und EVAMAR) wird auch automatisch verbessert dank Wettbewerb, und (iii) das Wohl des Kindes, nicht der Machtanspruch einer Bildungsbürokratie, muss im Vordergrund stehen. Vor allem das sind wir unseren Kindern schuldig!