Vom Anreiz, (ein) wenig zu arbeiten

Höhere Zweitverdienste werden wie Luxusgüter besteuert

In der Schweiz ist Teilzeitarbeit besonders beliebt, vor allem bei Frauen. Dies hat spezifische Gründe, die nicht nur mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun haben. Die gleichmässige Verteilung der Primäreinkommen wird dadurch geschmälert. 

zweitverdienerinnen_600Die rekordhohe Erwerbsquote in der Alterskategorie von 16 bis 64 Jahren beschert der Schweiz auch hinsichtlich der Einkommensverteilung regelmässig Spitzenplätze. Die Quote betrug im Jahr 2011 82,5%. Der Zusammenhang zwischen Teilnahme am Arbeitsmarkt und Teilhabe am Wohlstand ist offensichtlich: Je mehr Menschen in Arbeit sind, desto breiter wird das erarbeitete Sozialprodukt verteilt. Eine hohe (gemessene oder verdeckte) Arbeitslosigkeit führt hingegen zu mehr Ungleichheit als sämtliche Unterschiede in den Löhnen. Nimmt man das Schweizer «Beschäftigungswunder» unter die Lupe, so zeigt sich eine Besonderheit. Der Anteil der Teilzeitangestellten an allen Erwerbstätigen liegt mit 34% deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Während der tiefe Anteil Teilzeit arbeitender Männer mit 13% nicht besonders auffällt, liegt die Teilzeitquote der erwerbstätigen Schweizer Frauen mit 60% fast doppelt so hoch wie in der EU-27 (32,5%). Nur die Holländerinnen sind noch öfter teilzeitbeschäftigt.

Mehr Frauen mit kleineren Pensen

Schweizer Frauen sind heute fast so häufig erwerbstätig wie die Männer. Es ist für Frauen zur Norm geworden, auch in der Kleinkinderphase im Arbeitsmarkt zu bleiben. Als Folge dieses Wandels ist die weibliche Erwerbsquote seit 1991 von 67% auf 78% gestiegen. Gleichzeitig aber hat der Teilzeitanteil noch stärker zugenommen, um rund einen Drittel von 46% auf 60%. Das weibliche Gesamtarbeitsvolumen hat deshalb nur wenig zugenommen. Welche Faktoren stehen hinter der weiblichen Vorliebe für Teilzeitarbeit? Ist eine einfach eine spezifische Eigenart der Schweizerinnen?

Der Dauerbrenner und bestens bekannte Grund ist noch immer die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zwar wurde das Angebot an familienexterner Kinderbetreuung in den letzten Jahren massiv ausgebaut und Blockzeiten an den Schulen gehören heute vielerorts zum selbstverständlichen Standard. Trotzdem ist es noch immer ein kleines Kunststück, die zunehmenden Ansprüche an Flexibilität und Verfügbarkeit in einem anspruchsvollen Job  mit fixen Öffnungszeiten von Krippen oder den Ansprüchen von Schulkindern unter einen Hut zu bringen. Aber das alles ist nicht neu, und vor allem vermag es die Zunahme des Teilzeitanteils nicht vollständig zu erklären. Es sind auch ökonomische Faktoren und falsch gesetzte Anreize am Werk.

  • Im EU-Länderquerschnitt gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Lohnniveau und dem Anteil der Teilzeit beschäftigten Frauen. Die Grafik 1 zeigt , dass der weibliche Teilzeitanteil der EU-Länder mit steigendem kaufkraftbereinigtem Lohnniveau zunimmt. Diese einfache Gleichung erklärt über 70% der Variation der Teilzeitquoten. In Tieflohnländern (z.B. Polen und Ungarn) bewegt sich der Anteil zwischen 5% und 20%, während er in den Hochlohnländern (z.B. Deutschland und Dänemark) um 40% liegt. Das bedeutet: Viele von uns arbeiten Teilzeit, weil wir es uns leisten können. Übrigens spielt der Zusammenhang zwischen Lohnniveau und Teilzeitanteil auch bei den Männern, allerdings viel weniger ausgeprägt.
  • Die Teilzeitquote der Schweizer Frauen von fast 60% ist aber auch so nicht vollständig erklärbar, sie müsste – gemessen am Lohnniveau – bei etwa 43% liegen. Hier kommen steuerliche (Fehl-)anreize ins Spiel. Um die «Heiratsstrafe» zu mildern, wurde in der direkten Bundessteuer 2008 ein gesonderter Abzug für Ehepaare eingeführt, die beide erwerbstätig sind. Grundsätzlich ist die Hälfte des tieferen Einkommens (minus Berufsauslagen und Sozialversicherungsbeiträge) abzugsfähig, mindestens jedoch 8‘100 Franken und höchstens 13‘400 Franken. Die Kantone kennen jeweils eigene Bestimmungen. Die ersten gearbeiteten Stunden werden dadurch sehr tief besteuert, teilweise sogar negativ.
  • Mit steigendem Anstellungsgrad gewinnt die Einkommensprogression immer mehr an Gewicht. Zum einen ergibt sich die Belastung – abhängig vom Einkommen des Erstverdieners – aus der formellen Steuerprogression von Bundes-, Kantons- und Gemeindesteuern. Bei mittleren Einkommen kommt die Reduktion von einkommensabhängigen Transfers hinzu. Ins Gewicht fällt vor allem die Vergünstigung der Krankenkassenprämien. Müssen Kinder extern betreut werden, sind einkommensabhängige Krippentarife sowie zusätzliche Betreuungstage zu berücksichtigen. Unter Einschluss von AHV/IV- und BVG-Beiträgen ergeben sich bei mittleren Einkommen nicht selten Grenzsteuersätze auf dem Zweiteinkommen von 80%, in Einzelfällen sogar 100%.

Arbeiten lohnt sich nicht immer

Der Doppelverdienerabzug (bei gemeinsamer Steuerveranlagung) wirkt faktisch wie eine Subvention einer (geringen) Arbeitsmarktpartizipation von Frauen, der Zusatzverdienst bei höherem Anstellungsgrad wird hingegen – explizit oder implizit – massiv besteuert. Zusammen mit dem Wohlstandseffekt des hohen Lohnniveaus erklärt dies, warum Frauen in der Schweiz zwar (fast) alle arbeiten, der Teilzeitanteil aber einzigartig hoch und der durchschnittliche Anstellungsgrad tief liegt. Für Frauen mit gut verdienenden Ehepartnern ist ein höherer Mehrverdienst ein Luxusgut.

Dieses Beschäftigungsmuster beeinflusst auch die Einkommensverteilung. Während nämlich die Schweizer Stundenlöhne die gleichmässigste Verteilung aller OECD-Länder aufweisen, zeigen die ausbezahlten Löhne aufgrund des hohen Teilzeitanteils eine höhere Ungleichheit, die sich bis zu den verfügbaren Einkommen der Haushalte fortpflanzt. Die Verteilung der Einkommen wird also auch von steuerlichen Anreizen und dem Wohlstandsniveau selbst beeinflusst.

Schlagwörter: Arbeitsmarkt, Gleichstellung, Progression
Dr. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Direktor von Avenir Suisse und betreut schwergewichtig die Themen Bildung, Arbeitsmarkt, Verteilung sowie Immobilien. Er ist ausserdem Lehrbeauftragter der ETH Zürich für Immobilien- und Stadtökonomie. Frühere berufliche Stationen waren die Zürcher Kantonalbank, wo er den Bereich Immobilienrisiken leitete sowie eine Stelle als Oberassistent an der ETH Zürich.
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