Verschwenden wir Pflegeressourcen?

Der Fachkräftemangel muss auch über die Nachfrage gesteuert werden

Die Schweiz weist die höchste Dichte an Pflegefachpersonal pro Einwohner in der OECD auf, und die Ausbildung von neuem Personal wurde in den letzten Jahren stark vorangetrieben. Im Diskurs rund um den Fachkräftemangel im Gesundheitssektor muss deshalb nicht nur das Angebot, sondern auch die sehr hohe Nachfrage in der Schweiz hinterfragt werden. 

Personalmangel im Gesundheitsbereich ist ein Dauerthema, nicht nur bezüglich Ärzten, sondern auch hinsichtlich Pflegefachleuten. Doch ein Fachkräftemangel kann zwei Ursachen haben: ein zu knappes Angebot oder eine zu hohe Nachfrage. Vergleicht man das Angebot mit anderen OECD- Ländern, kann in der Schweiz von keinem Mangel die Rede sein: Mit 17,4 Pflegefachpersonen pro 1000 Einwohner weist unser Land die höchste Dichte auf (vgl. Grafik). Dies entspricht etwa 140ʹ000 Pflegefachpersonen, die in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen sowie bei Spitex-Organisationen tätig sind. Nur Norwegen mit 16,7 und Dänemark mit 16,3 Pflegefachpersonen pro 1000 Einwohner weisen eine ähnlich hohe Dichte auf. Der OECD-Schnitt liegt mit 9,1 fast halb so tief, und unsere Nachbarländer reihen sich deutlich hinter uns ein (Deutschland 13,0, Frankreich 9,4, Österreich 7,8, Italien 6,1).

Pflegepersonaldichte in der Schweiz

Die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus sind allerdings in dieser Statistik nicht ersichtlich. Die OECD unterscheidet zwischen «professional nurses» und «associate professional nurses». Erstere verfügen über eine Ausbildung auf Tertiärstufe, also einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss, letztere über eine Ausbildung auf Sekundärstufe, in der Schweiz etwa als sogenannte Fachfrau/Fachmann Gesundheit (FAGE). Von den 17,4 Pflegefachpersonen pro 1000 Einwohnern in der Schweiz besitzen knapp zwei Drittel (11,1) eine Ausbildung auf Tertiärstufe und ein Drittel (6,3) eine auf Sekundärstufe. Wenn auch beide Ausbildungen mehrere Jahre dauern, ist der Fokus der einzelnen Abschlüsse und die damit erlangten Kompetenzen unterschiedlich. Will man wissen, wie viele Pflegefachkräfte komplexe Fälle behandeln oder früh Krisensymptome erkennen können, ist die Anzahl Personen mit Tertiärbildung eher die passende Vergleichsgrösse. Will man hingegen wissen, wie viele Fachpersonen am Patientenbett einfache Wunden behandeln, Blutperfusionen vornehmen oder Medikamente abgeben, dann ist sehr wohl die  Gesamtzahl der in der OECD-Statistik erfassten Pflegekräfte relevant.

Starke Ausbildungsdynamik

Im Jahr 2000 verfügte die Schweiz noch über nur 12,9 Pflegefachpersonen pro 1000 Einwohner. Seitdem ist das Angebot pro Kopf um 35% gestiegen. Heute zählen sekundäre Ausbildungen im Gesundheitssektor zu den beliebtesten Studienrichtungen. Der kürzlich erschienene Schlussbericht des Bundesrats zum Masterplan Bildung Pflegeberufe zeigt, dass sich von 2007 bis 2014 allein die Abschlüsse Fachfrau/Fachmann Gesundheit mehr als verdoppelt haben. Mit 83,6 Ausbildungsabschlüssen pro 100ʹ000 Einwohner (alle Ausbildungsstufen) ist die Schweiz im internationalen Vergleich auch ganz vorne dabei (OECD-Schnitt 47) und wird einzig von Dänemark und Südkorea übertroffen. Neben der Ausbildungsrate wird das Angebot auch durch eine hohe Immigration an Pflegefachkräften aufgestockt. 2012 besassen 27% aller Pflegefachpersonen in Alters- und Pflegeheimen einen ausländischen Abschluss.

Die Nachfrage nach Pflegefachpersonal reduzieren

Der Fachkräftemangel in der Schweiz lässt sich also nicht nur durch ein knappes Angebot erklären. Die hohe Personaldichte pro Einwohner ist vielmehr Abbild einer hohen Nachfrage, die zum Teil durch die sehr dezentralen Strukturen des Schweizer Gesundheitssystems verursacht werden. Diese geografische Nähe wird von der Bevölkerung geschätzt, sie hat jedoch Konsequenzen für die Effizienz der Organisationen. Die Schweiz zählt etwa gleich viel Spitalbetten pro Einwohner wie der OECD-Durchschnitt. Die Schweizer Spitäler sind allerdings deutlich kleiner und haben im Mittel einen Drittel weniger Betten als in der OECD. Auch bieten fast 60 Prozent der Alters- und Pflegeheime weniger als 60 Pflegebetten an, was in der Branche als Minimalausstattung für einen wirtschaftlichen Betrieb betrachtet wird. Im Spital wie im Pflegeheimbereich werden Skaleneffekte damit nicht realisiert. Viele Ressourcen (z.B. beim Pikettdienst in der Nacht oder am Wochenende, bei Aus- und Weiterbildungen) werden nicht optimal ausgelastet. Auch in der ambulanten Pflege müssten neue Modelle entwickelt werden, damit sich Pflegepersonen vermehrt auf die medizinische Pflege und Angehörige auf Pflegehilfe konzentrieren können. Damit könnten wertvolle, qualifizierte Ressourcen besser eingesetzt werden.

Um beim Pflegepersonal Angebot und Nachfrage besser ins Gleichgewicht zu bringen, braucht es deshalb eine zweifache Strategie: eine gezielte Investition in die Ausbildung des Fachpersonals einerseits und die optimale Nutzung bestehender Pflegeressourcen anderseits. Nur so kann der Fachkräftemangel mittelfristig und nachhaltig entschärft werden.

 

Schlagwörter: Alterspflege, Gesundheitskosten
Dr. Cosandey setzt sich seit 2011 als Senior Fellow und Forschungsleiter Sozialpolitik von Avenir Suisse mit dem Reformbedarf in der Altersvorsorge, der Organisation und Finanzierung der Alterspflege und Fragen der Altersarbeit auseinander. Nach seiner Promotion an der ETH war er mehrere Jahre als Strategieberater bei The Boston Consulting Group, danach bei der UBS tätig. Jérôme Cosandey hält zudem einen Master der Universität Genf in internationaler Wirtschaftsgeschichte.
Kevin Kienast arbeitet seit April 2015 als Researcher bei Avenir Suisse.

6 Kommentare

  • Chantal Donzé

    Das Interessante ist nicht wieviel Pflegefachperson pro 1000 Einwohner, sondern wieviel Pflegefachperson pro 1000 Einwohner im Alter von 70 oder 75 oder 80. Mit der höchsten Lebenserwartung in Europa ist es klar, dass wir mehr Pflegefachperson brauchen. Mit mehr arbeit bei den Frauen ist es klar, dass sie nicht gleichzeitig Eltern, Kindern und Mann neben dem Beruf noch pflegen können.
    Die Kultur spielt auch eine wichtige Rolle in der Frage, ob die Eltern im Altersheim landen, oder zu Hause von den eigenen Kindern betreut werden : Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Polen, Länder wo die Leute noch sehr gläubig und eher ein Familienverhältnis pflegen, beweisen es.
    Und : man kann ein gesellschaftliches Problem nicht so engsinnig, managerial und nur wirtschaftlich lösen. Deswegen Reaktionen auf Ihre kalte Analyse.

    • Jérôme Cosandey

      Sehr geehrte Frau Donzé

      Sie haben Recht, der Vergleich pro 1000 Einwohner berücksichtigt die Altersstruktur der Bevölkerungen nicht. Wir werden demnächst eine umfassende Studie veröffentlichen, die viel feiner und besser solche Faktoren integriert.

      Und natürlich, wie Sie sagen, spielen die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede eine grosse Rolle, weil sie die Nachfrage nach Pflegepersonal bestimmen. Das ist genau unser Punkt.

      Im politischen Diskurs heute reden wir nur, wie man diese Nachfrage befriedigen kann (über zusätzliches Angebot). Wie unsere Gesellschaft sich organisieren und aufstellen sollte, welche Rolle die pflegenden Angehörigen, welche die professionellen Fachkräfte übernehmen sollte, wird leider viel zu wenig thematisiert.

      Beste Grüsse, Jerome Cosandey

  • Joachim Cerny

    Schade, dass Sie sich nur auf den quantitativen Aspekt konzentriert haben und qualitative Momente völlig ausblenden. Da wären einerseits die ausgesprochen dürftigen Pflege-/Betreuer-/Patientenkontaktzeiten in den umliegenden Ländern, Sicherheitsaspekte (SIRS dokumentierte Zwischenfälle im Vergleich zum Ausland) und nicht zuletzt Zustände in den Pflegeheimen, welche Sie so sicher nicht in Schweizer Institutionen vorfinden möchten. Aber das hat eben seinen Preis!
    So sehr ich sonst mit den Analysen von Avenir suisse einig gehe, aber hier haben Sie ein Feld ausgesprochen wissensfrei beackert und liefern die wesentlichen Antworten nicht wirklich.
    Freundliche Grüsse
    Joachim Cerny
    Cerny Consulting
    Beratungen im Gesundheitswesen

    • Jérôme Cosandey

      Sehr geehrter Herr Cerny

      Ich bin mit Ihnen einig, die Frage der Qualität und allgemein des Leistungsniveaus werden absolut zentral sein.

      In einer alternden Gesellschaft, wo das Verhältnis der 80-Jährigen und älter zur aktive Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren um 40% zunimmt, ist es nicht nur eine Frage des Preises, wie Sie schreiben, sondern auch der verfügbaren Personalressourcen. „Just more of the same“ ist keine Lösung mehr.

      Sie fragen nach konkreten Ansätzen? Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ich glaube, dass die sehr dezentralen Strukturen überdacht werden müssen. 94% der Schweizer Bevölkerung kann ein Spital innert 15 Fahrminuten erreichen, 97% der Bevölkerung hat sogar ein Alters- und Pflegeheim innert 10 Fahrminuten. Eine massvolle Konzentration könnte Personalressourcen schonen, ohne dass die verfügbare Zeit pro Patienten darunter leidet. Die Qualität würde auch steigen, weil die Fallzahlen pro Krankheitsbild und Institution steigen würden.

      Im ambulanten Bereich wird die Bedeutung von intermediären Strukturen zunehmen müssen. Polikliniken, betreutes Wohnen Siedlungen mit „Spitin“ (also hausinterne Spitex), Demenzen-WG sind hier mögliche Stichworte.

      Ich will auch nicht, dass die Qualität künftig sinkt. Wir müssen aber unsere Anspruchshaltung – unsere Nachfrage – ändern, über neue Betreuungsmodelle nachdenken. „Nur“ zusätzliches Personal auszubilden oder aus dem Ausland zu importieren, ist weder finanzierbar noch nachhaltig.

      Beste Grüsse,
      Jerome Cosandey

  • Antonia Jann

    Möglicherweise ist die „Pflegepersonaldichte“ der Tatsache geschuldet, dass in der Schweiz im Gesundheitswesen viele Teilzeitarbeitende beschäftigt sind. Oder vergleichen Sie full time equivalents?

    • Jérôme Cosandey

      Sehr geehrte Frau Jann

      Die Teilzeit-Thematik ist ein wichtiger Punkt. Gerade im Gesundheitssektor, wie Sie treffend schreiben, arbeiten viele Frauen Teilzeit. Das Angebot wäre um einiges grösser, wenn man die Beschäftigungsgrade dieser Pflegefachpersonen erhöhen könnte. Teil der Teilzeitanstellungen spiegelt individuellen Präferenzen. Teil davon ist aber die Folge fehlender Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie, weitere sind die Konsequenzen der Steuerpolitik, die das Zweiteinkommen in der Familie deutlich stärker belasten, und somit negative Anreize gegen eine Pensumerhöhung setzen.

      Beste Grüsse,
      Jerome Cosandey

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