Freihandelsgegner schaden dem Volk

Die Schweiz ist Nutzniesserin der Globalisierung

Wenn die wichtigsten Handelspartner der Schweiz Hindernisse abbauen, kann uns das nicht kaltlassen. Wer anderes behauptet, betreibe ökonomischen Voodoo, schreibt Patrik Schellenbauer in einem Gastbeitrag im «Tages-Anzeiger». Der Avenir-Suisse Chefökonom analysiert darin die Bedeutung des Freihandelsabkommens TTIP für unsere Löhne, unsere Jobs und die Karrierechancen der kommenden Generation.

Ob das Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU je Realität wird, und wenn ja, in welcher Form, steht in den Sternen. Nach dem Brexit sind die Chancen für TTIP nicht gestiegen, denn mit Grossbritannien verliert die EU auch etwas von ihrer «special relationship» mit den USA. Unklar ist weiter, unter welchen Bedingungen sich der Drittstaat Schweiz andocken könnte. Schweizer TTIP-Debatten zum jetzigen Zeitpunkt gleichen darum einem Schattenboxen.

Nörgeln von allen Seiten

Trotzdem wird eine Schweizer TTIP-Drohkulisse hochgezogen, die den angeblichen Wachstumsfanatikern und Globalisierungsgläubigen das Fürchten lehren soll. Die Allianz vereint unterschiedlichste Kräfte und Haltungen: Zu den ökologischen Kritikern (Stichworte: Genmais, Hormonfleisch) und Kapitalismusnörglern (Stichwort: Macht der Konzerne) gesellen sich einmal mehr die Bauern (Stichwort: Selbstversorgung). Sie brachten 2006 ein Freihandelsabkommen mit den USA schon vor den eigentlichen Verhandlungen zu Fall. Einmal mehr fürchten sie das Ende des rigiden Schweizer Agrarprotektionismus, denn Freihandel mit den USA ist ohne Öffnung der Landwirtschaft nicht zu haben.

A team of dockworkers at work on a container ship in Rotterdam

Hafenarbeiter auf einem Containerschiffs in Rotterdam. (Wikimedia Commons)

In der Unsicherheit um TTIP gibt es eine Gewissheit: Die Schweiz ist Nutzniesserin der Globalisierung, sie hat die Chancen in einem Ausmass gepackt, wie nur wenige andere Länder. Der hohe Wohlstand der Schweizer Bevölkerung ist zu einem viel grösseren Teil dem Aussenhandel und ausländischem Kapital zu verdanken, als viele wahrhaben möchten. Das sieht man daran, dass wir mehr als die Hälfte unserer Wertschöpfung exportieren, um dafür ausländische Güter und Dienstleistungen zu konsumieren. Es hat sich eine Wahrnehmungsschere geöffnet zwischen wirtschaftlicher Realität und einer Innensicht, die an Selbstüberschätzung leidet oder sich in Klein-Klein-Kritik übt.

Es kann uns nicht kaltlassen, wenn die zwei wichtigsten Handelspartner vertiefte Handelsbeziehungen anstreben. Das Risiko, dass Schweizer Produzenten beim Marktzugang gegenüber ihren europäischen und amerikanischen Mitbewerbern ins Hintertreffen geraten könnten, betrifft unseren Wohlstand. Das ist keine Angstmacherei. Das Risiko betrifft nicht primär die Kapitalrenditen, denn Kapital ist mobil und sucht sich bessere Anlagemöglichkeiten, wenn ein Standort ins Abseits gerät. Es betrifft vor allem die Arbeit: unsere Löhne, unsere Jobs und die Karrierechancen der kommenden Generation. Auch die hohe internationale Kaufkraft unserer Frankenlöhne würde leiden. Hohe Löhne können nur mit hoher Produktivität bezahlt werden, wer anderes behauptet, betreibt ökonomischen Voodoo. Antreiber der Produktivität sind die exportierenden Unternehmen, denn sie sind dem globalen Wettbewerb ausgesetzt und können im Hochlohnland nur überleben, wenn sie laufend optimieren. Wer sie behindert, schadet der ganzen Bevölkerung.

Bauern als Vetomacht

Es ist stossend, dass ausgerechnet die Bauern erneut als Vetomacht auftreten wollen und dabei in Kauf nehmen, dass exportierende Unternehmen Schaden nehmen – und damit auch die ganze restliche Wirtschaft. Dabei steuert die Landwirtschaft grosszügig berechnet nur ein halbes Prozent zur Wertschöpfung bei. Bei den Kosten der Landwirtschaftspolitik denkt man zuerst an die 3,7 Milliarden Franken Subventionen und Direktzahlungen. Die könnten wir uns als reiches Land fürwahr leisten. Die wahren Kosten der Landwirtschaftspolitik bestehen aber darin, dass sie dem Land zunehmend die Chance verbaut, sich in einer (allen Unkenrufen zum Trotz) weiter vernetzenden Welt zu behaupten. Die Schweiz ist dank Offenheit und Freihandel reich geworden. Sie wird ihren Wohlstand auf Dauer nur halten können, wenn sie diese Prinzipien auch in Zukunft hochhält.

Dieser Beitrag ist im «Tages-Anzeiger» vom 4. Juli 2016 als Gastbeitrag erschienen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Schlagwörter: Globalisierung, TTip, Wachstum, Wohlstand
Dr. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Direktor von Avenir Suisse und betreut schwergewichtig die Themen Bildung, Arbeitsmarkt, Verteilung sowie Immobilien. Er ist ausserdem Lehrbeauftragter der ETH Zürich für Immobilien- und Stadtökonomie. Frühere berufliche Stationen waren die Zürcher Kantonalbank, wo er den Bereich Immobilienrisiken leitete sowie eine Stelle als Oberassistent an der ETH Zürich.

4 Kommentare

  • Laslo Sherna

    Sehr geehrter Herr Dr. Schellenbauer

    Offensichtlich stellt es für Sie kein Problem dar, dass die Verhandlungen zu TTIP hauptsächlich im Geheimen stattfinden und der Zugang zu den Vertragstexten auf einen relativ gesehen winzigen Personenkreis eingeschränkt ist. Einzig durch die kürzlichen “Leaks” hat die breite und davon hauptsächlich betroffene Öffentlichkeit überhaupt Details zu den Inhalten erfahren.

    Ihre Haltung scheint eine “Wachstum um jeden Preis” zu sein und ich bin der Meinung, dass dies überhaupt nicht zur allgemeinen Denkrichtung der Avenir Suisse passt.

  • Hans Zbinden

    TTIP ist das geplante Handelsabkommen zwischen USA und EU. Daneben wird auch über CEPT gesprochen. CEPT ist das Handelsabkommen zwischen Kanada und EU. Wie mehr Zeit vergeht werden die Widerstände in den EU-Ländern stärker. Aus meiner Sicht beinhalten beide Verträge mehr Nachteile für EU-Europa als Vorteile. Unschön ist bestimmt, dass ein grosser Teil der Vorschriften im Bereich Nahrungsmittel ausgehebelt wird. (zB Chlorhünchen, etc.) Sodann der ganze Bereich Landwirtschaft. Aushebelung der ordentlichen Gerichtsbarkeit bei Klagen über Handelshemmnisse oder Erschwernisse über Zulassung von technischen Produkten, etc. Aus meiner Sicht muss massiv nachgebessert werden, oder die Verträge sind zu versenken.

  • Meier Paul

    Einmal mehr will uns avenier-swiss den “Raubtierkapitalismus” schmackhaft machen. Was ist den TTIP: Ein Konstrukt der USA, die uns ihre Idiologie mittels Handelsvertrag aufzwingen will. Was ist das für eine Art, wenn ein Handelspartner seinem Mitpartner geheime Verhandlungen vorschlägt, um einen neuen Handelsvertrag abzuschliessen. Warum darf die Bevölkerung eines demokratischen Staates nicht wissen, was verhandelt wird. Warum darf ein Mitglied des demokratisch gewählten Parlamentes den Vertrag nicht kennen, so geschehen im deutschen Parlament in Berlin. Nach enormen Protesten, wurde den Mitglieder erlaubt, in einem überwachrten Raum, im Vertragstext zu lesen, aber nichts zu kopieren oder abzuschreiben.Soll das auch bei uns so vorsich gehen?

  • Stefan Lau

    Globalisierung ist prinzipiell gut, aber nicht wie sie momentan ausgestaltet wird. Immer längere Transportwege in den Wertschöpfungsketten schaden der Umwelt. Dies wird bisher nur unzureichend über die Transportkosten abgebildet. Dazu bräuchte es angemessene Steuern auf Flugbenzin und Schiffsdiesel und ambitionierte Schadstoffgrenzwerte. Diese fehlen aber im Schiffs- und Flugverkehr weitgehend. Sonst geht das gewonne Wachstum wegen der längeren Transportwege nämlich auf Kosten der Umwelt und des Klimas. Gleiches gilt für die Produktion. Auch hier fehlen international verbindliche Regeln für Umwelt- und Klimaschutz. Sonst wird dreckige Produktion nämlich nicht sauberer, sondern einfach in die dritte Welt verlagert. Wir sehen wie sich internationale Konzerne wie Apple oder Google einer angemessenen Besteuerung entziehen. Hier muss es Regeln geben. Wenn es bei der Unternehmensbesteuerung oder der sozialen Absicherung eine Wettbewerbsspirale zwischen der Ländern nach unten gibt, schadet das uns allen. Genauso, wie übrigens auch die wachsende Ungleichheit. Außerdem sollte im Zuge der Freihandelsabkommen die Frage erlaubt sein, ob Bildung, Kultur oder Gesundheit als normale Handelsware anzusehen sind? Und ob man Nahrungsmittel nur danach bewerten sollte, ob sie dem Menschen schaden, oder gibt es hier auch moralische Vorstellungen, die bei der Produktion eine Rolle spielen sollten? Wenn diese Fragen gelöst sind, dann kann der Welthandel tatsächlich mehr Probleme lösen als er schafft! Aber darauf haben die Freihandelsbefürworter ja leider keine zufriedenstellende Antwort.

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