Innovationsgeist und Weltoffenheit

Der Erfolgsweg zum Wohlstand der Schweiz gerät zunehmend unter Druck

1848 ist das Jahr, in dem die moderne Schweiz und der liberale Verfassungsstaat entstanden. Nur: Vor 168 Jahren war die Schweiz ein armes Land. Die Niederlande und Grossbritannien etwa waren doppelt so reich. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Schweiz das zweithöchste Bruttoinlandprodukt pro Kopf weltweit.

Eckpfeiler dieses wirtschaftlichen Erfolgswegs unseres Landes sind der Innovationsgeist und die Weltoffenheit, der föderalistische Staatsaufbau, der Wettbewerb zwischen den Kantonen, unsere halb-direkte Demokratie, Rechtsstabilität und Verlässlichkeit. Innovationsgeist und Weltoffenheit bedingen sich gegenseitig.

Innovation aus der Schweiz von Nestlé – what else? (Wikimedia Commons)

Innovation aus der Schweiz von Nestlé – what else? (Wikimedia Commons)

Innovative Personen mit Migrationshintergrund sind vielfach die Gründerväter heute weltbekannter Schweizer Unternehmen, etwa der gebürtige Deutsche Henri Nestlé oder der aus dem Libanon stammende Nicolas Hayek. Die Schweiz ist noch heute Nährboden für progressive Unternehmerpersönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Doch dieser Erfolgsweg, der wesentlich zum Wohlstand breiter Kreise der Bevölkerung beigetragen hat, gerät zunehmend unter Druck. Zwar gehört es zum politischen Allgemeingut, dass die Schweiz als rohstoffarmes Land auf höchste Bildungsqualität angewiesen ist, will sie im weltweiten Wettbewerb wirtschaftlich weiterhin erfolgreich bestehen. Entsprechend stolz sind wir, wenn unsere Hochschulen in den einschlägigen Rankings Spitzenpositionen einnehmen.

Spitzenforschung verlangt aber Internationalität. Analog dem föderalistischen Systemwettbewerb zwischen den Kantonen um die besten Lösungen zugunsten der Bürgerinnen und Bürger stehen die Top-Universitäten im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe. So weist die führende Schweizer Bildungsinstitution, die ETH, einen Ausländeranteil von 66 Prozent unter den Professoren aus. Da mutet es geradezu paradox an, wenn an Stammtischen gegen zu viele ausländische Professoren gewettert wird oder Hochschullehrer politisch regelmässig verunglimpft werden. Weltoffenheit und Innovationsgeist verlangen auch, dass wir uns dem mit der Globalisierung einhergehenden Wettbewerb um noch bessere Produkte und Dienstleistungen stellen und uns nicht abschotten.

Gerade der Kleinstaat Schweiz mit seinem kleinen Binnenmarkt ist darauf angewiesen, dass hochqualitative Erzeugnisse unserer Unternehmen im Ausland abgesetzt werden können. Das bedingt ungehinderten Zugang zu ausländischen Märkten. Nestlé und Novartis wären auf einem abgeschotteten Schweizer Markt nicht zu Weltmarktführern in ihren Sparten geworden. Weltoffenheit bedeutet funktionierenden Aussenhandel. Dieser stützt das Schweizer Wirtschaftswachstum entscheidend. Zwischen 1995 und 2015 hat er durchschnittlich zu einem Viertel des BIP-Wachstums beigetragen. Schweizer Weltoffenheit und Innovationsgeist führen dazu, dass die Ungleichheit in der Schweiz, entgegen allen Unkenrufen, nicht zu-, sondern abgenommen hat.

Zwischen 1990 und 2010 ist die Mittelschicht von 65 auf 68 % der Bevölkerung gewachsen. Es ist daher opportun, bei den Auseinandersetzungen für oder wider neue regionale Handelsverträge wie den TTIP, bei Fragen zum zukünftigen Verhältnis unseres Landes zu Europa und damit zur Sicherung des Zugangs zu den europäischen Märkten oder auch bei Debatten um die Lage des Mittelstands die Diskussionen vermehrt schweizerisch-nüchtern und faktenorientiert zu führen. Weltoffenheit und Innovationsgeist heisst damit auch, sich gelegentlich zurückzubesinnen auf die Eckpfeiler des wirtschaftlichen Erfolgswegs der Schweiz seit 1848.

Dieser Text wurde am 7. November 2016 im «St. Galler Tagblatt» und in der «Luzerner Zeitung» publiziert (Print-Ausgaben). Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung der Redaktionen.
Schlagwörter: Globalisierung, Innovation, Wohlstand, Zuwanderung
Dr. Peter Grünenfelder ist seit April 2016 Direktor von Avenir Suisse. Frühere berufliche Erfahrungen: Staatsschreiber des Kantons Aargau (2004 – 2016), dazu Präsident der Schweizerischen Staatsschreiberkonferenz ab 2012 (zuvor Vizepräsident), Mitglied Leitender Ausschuss ch-Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit und Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften. Lehrbeauftragter für Public Governance an der Universität St. Gallen und regelmässiger Gastdozent an Universitäten im In- und Ausland.

3 Kommentare

  • Mazoyer Dominique

    Super ! merci pour l’idée, si je comprends bien votre texte. Malheureusement j’ai perdu mes connaissances en allemand faute de pouvoir le pratiquer. Sur le sujet de l’innovation, Le Temps vient de publier ce triste constat : “Innovation: l’image trompeuse de la Suisse – La suprématie helvétique masque de nombreuses faiblesses. L’inventivité du pays est en perte de vitesse face à la concurrence étrangère. Mais aussi en constant recul depuis le milieu des années 1990” https://www.letemps.ch/economie/2016/11/03/innovation-limage-trompeuse-suisse. Paradoxal, puisque je me rappelle M. De Pury et son Livre blanc… Alors que s’est-il passé ces dernières années pour en arriver à ces tristes conclusions alors que les accords bilatéraux ont été signés, que les incompétents ont été remplacés par des personnes pourvues de tous les diplômes et expériences issues de l’Union Européenne ? Avec mes meilleures salutations. DM

    • Tibère Adler
      Tibère ADLER

      Cher Monsieur Mazoyer, merci pour votre commentaire. Effectivement, l’innovation en Suisse est à bon niveau, mais en grattant sous la surface, il y a quelque sujets d’inquiétude et des points d’amélioration. Avenir Suisse a écrit dès cet été 2016 à ce sujet, cf. http://www.avenir-suisse.ch/fr/1995-2035/mutations-techniques/#Potentiel%20d%E2%80%99innovation. A améliorer en particulier: les conditions-cadres pour que de jeunes entreprise innovantes puissent se créer et surtout grandir en Suisse (fiscalité, culture d’entrepreneuriat, accès aux permis de travail). Ce n’est certainement pas le fort taux d’étrangers étudiant ou enseignant dans les hautes écoles en Suisse qui provoque ce bémol sur notre capacité d’innovation. Le première “licorne” (startup valorisée à plus d’un milliards de francs) de Suisse s’appelle Mindmaze et a été crée par un docteur indien ayant étudié à l’EPFL. L’avenir dira si elle restera en Suisse sur le long terme. Bien cordialement, Tibère ADLER (directeur romand Avenir Suisse)

  • Lorenz Kopp

    Guten Tag Herr Grünenfelder
    Besten Dank für Ihren Bericht und die Hervorhebung der Bedeutung der Weltoffenheit und des Wettbewerbs für den Wohlstand unseres Landes. Ich glaube das haben nun schon einige verstanden. Aber: Könnten Sie einmal eine Studie machen, die aufzeigt, wie dieser Zusammenhang den vermeidlichen Verlierern der Globalisierung und der digitalen Revolution aufgezeigt werden kann (die sollten es ja auch begreifen und nicht etwa Populisten wählen gehen). Und vielleicht könnten auch Massnahmen der Unternehmungen erwähnt werden, wie sie beitragen können, dass Alle Arbeitnehmenden Freude an Weltoffenheit erhalten und Innovationen nicht nur als Bedrohung für den Verlust ihrer Arbeitsplätze erleben.

Ihre Kommentar (Pflichtfeld)
Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie einen Kommentar!

Mit Absenden Ihres Kommentars akzeptieren Sie unsere Netiquette.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *