Strukturwandel im Schweizer Berggebiet

Strategien zur Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen

Das Schweizer Berggebiet steht wirtschaftlich unter Druck. Mit dem Bergtourismus und der Bauwirtschaft sind zwei tragende Säulen der alpinen Ökonomie in der Krise. Die neue Studie von Avenir Suisse zeigt auf, wie bestehende Wertschöpfungsquellen gestärkt und neue aktiviert werden können. Hierzu zählt die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, aber auch die Mobilisierung «externer Ressourcen» wie die vermehrte Einbindung der Zweitwohnungsbesitzer oder die Überwindung kleinteiliger Strukturen durch Talschaftsfusionen. Dabei muss jede Region ihre spezifische Strategie und ihr eigenes Standortprofil entwickeln.

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Das Schweizer Berggebiet, das gut die Hälfte der Landesfläche umfasst, hat schon lange mit schwachem Wachstum und Abwanderung zu kämpfen. In kantonalen Standortrankings belegen die Gebirgskantone regelmässig hintere Rangierungen. Neu hinzu kommen äussere Einflüsse wie der harte Franken und die Zweitwohnungsinitiative, die die Prosperität in den Alpen und im Jurabogen tangieren. Die wirtschaftliche Zukunft der Berggebiete ist aber kein topografisches Schicksal, sondern lässt sie sich durch entsprechende Rahmenbedingungen gestalten. Avenir Suisse und ihr Studienautor Daniel Müller-Jentsch präsentieren marktwirtschaftlich-liberale Reformideen und zeigen Optionen auf zur Stärkung bestehender und Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen:

  • Die Zweitwohnungsinitiative hat zu einem starken Einbruch der Neubauaktivität im Berggebiet geführt. Der grosse Bestand von 350’000 bis 400‘000 Zweitwohnungen bietet Chancen für neues Wachstum. Innovative Vermietungsmodelle ermöglichen die nachhaltige touristische Nutzung bestehender Objekte und neue Geschäftsmodelle zur Sanierung des Bestands sichern die Wertschöpfung im Baugewerbe.
  • Das grösste brachliegende Potenzial sind die unzähligen Zweitwohnungsbesitzer. Ihr Potenzial, Wissen und Engagement für das Gemeinwesen im Berggebiet gilt es zu nutzen. Berggemeinden und -kantone müssen sie als Partner einbinden, z.B. über politische Mitsprache­rechte oder durch eine Beziehungspflege nach Vorbild der Alumni-Organisationen an Hochschulen.
  • Innovation ist der Schlüssel für künftige Jobs, Investitionen und Steuereinnahmen. Vielversprechende regionale Innovationscluster mit Vorbildcharakter gibt es in der Industrie und in der Bildung, aber auch in traditionellen Branchen.
  • Die natürlichen Handlungsräume des Berggebiets sind die Talschaften. Dort gilt es, die Kräfte zu bündeln. Die vorliegende Studie dokumentiert erstmals den Trend zur Talgemeinde. Zwischen 2000 und 2015 kam es in der Schweiz zu nicht weniger als 43 Talschaftsfusionen mit durchschnittlich 5,5 beteiligten Gemeinden.
  • Periphere Gebiete sind oft besonders vom Strukturwandel betroffen. «Potenzialarmen Räumen» bieten sich Chancen durch die Digitalisierung (z.B. Online-Vertrieb regionaler Produkte), durch eine pragmatische Ausgestaltung des Service Public oder durch Regionalpärke mit sanftem Tourismus. Wo Schrumpfungsprozesse nicht aufzuhalten sind, bedarf es eines «geordneten Rückzugs».
  • Zentral für das Berggebiet ist auch die Neuausrichtung im Tourismus. Die überhöhten Preise für landwirtschaftliche Produkte bringen klare Wettbewerbsnachteile für die Gastronomie. Darum muss der Grenzschutz für Agrarprodukte zugunsten der Berggebiete abgebaut werden. Auch eine stärkere Profilbildung einzelner Destinationen, die Produktbündelung oder der Zusammenschluss regionaler Marketing-Organisationen sind einige der Massnahmen, die in der Studie diskutiert werden.

Viele bisherige Ansätze zur Bewältigung des Strukturwandels im Berggebiet greifen zu kurz. Infrastrukturelle Prestigebauten lenken erhebliche Steuermittel in unproduktive Bereiche. Die politische Tabuisierung von Schrumpfungsprozessen behindert die Entwicklung geeigneter Gegenmass­nahmen, ein «Ansubventionieren» gegen das Schrumpfen ist ineffektiv. Die Verteilung begrenzter Mittel nach dem Giesskannenprinzip weckt keine neuen Wachstumskräfte.

Angesichts der aktuellen Herausforderungen bedarf es in der Schweiz einer neuen Debatte zum Berggebiet. Der Bund sollte seine relativ vage Berggebietspolitik strategisch und operativ schärfen. Vertreter des Berggebiets wie die Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) sollten sich stärker auf Fragen des Strukturwandels fokussieren. Am Ende sind es jedoch die Berggemeinden, ihre Einwohner und Unternehmer, die die Erneuerung der wirtschaftlichen Basis vorantreiben werden.

Schlagwörter: Raumordnung, Service public, Wohnungsmarkt, Zersiedelung
Dr. Daniel Müller-Jentsch ist Senior Fellow bei Avenir Suisse. Zuvor arbeitete er als Ökonom bei der Weltbank in Brüssel. Das Studium der Volkswirtschaftslehre absolvierte er an der London School of Economics und an der Yale University. Bei Avenir Suisse beschäftigt er sich schwergewichtig mit Fragen der räumlichen Entwicklung, des Standortwettbewerbs, der Zuwanderung und des Stiftungswesens.

4 Kommentare

  • Alex Schneider

    Berggebietsförderung konzentriert einsetzen

    Bei den hohen Subventionen, welche die Bergkantone beziehen, darf man schon fragen, ob wirklich jedes Bergtal optimal erschlossen und entwickelt werden soll. Die Bergkantone sollten sich einmal konzeptionell Gedanken machen, welche Täler entwickelt und welche über eine geordnete Abwanderung „passiv saniert“ werden sollen.

  • Marco Zela

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Aus Ihrer Studie geht unter Jura / Berner Jura hervor, dass die 84km lange und 6,2 Mia. Franken teure Autobahn Transjurane 4-spurig sei. Dies trifft jedoch auf manche Teile nicht, oder noch nicht zu.

    Dementgegen muss Ihrer Konklusion, dass beim Bau dieser Luxus-Autobahn ein gewaltiges Sparpotential vorgelegen hätte, vollumfänglich beigepflichtet werden. Jedenfalls vertreten selbst viele Jurassier diese Ansicht. Beispielsweise wurde sie in der Ajoie gegen die Landesgrenze hin zum Unverständnis auch vieler Einheimischer westlich anstatt östlich an Porrentruy vorbeigeführt, was wegen des kupierten Geländes eine Menge an überteuren Kunstbauten erforderlich machte, namentlich etwa den über 50m hohen und einen halben km langen Doppelviadukt «du Creugenat», sowie 3 kurze Tunnels und einen 3km langen. Schöner Nebeneffekt davon: man hat ein paar beeindruckende Dinosaurier-Fussspuren entdeckt, was den Bau allerdings erheblich verzögerte – lies verteuerte.

    Warum aber hat man wohl die Ost-Variante über relativ flaches Gelände verworfen? Weil sie über Kultur- und Weideland von hoch-subventionierten Bauern geführt hätte!

    Mit freundlichen Grüssen

  • Rolf Walther

    Die Zweitwohnungen sind für den Tourismus in der Schweiz entscheidend. Die Übernachtungszahlen haben, auch wenn keine Statistik besteht, mit den Zweitwohnungen zugenommen.
    Die Hotellerie-Statistik weist gesamtschweizerisch etwa 35 Millionen Übernachtungen aus. Wir gehen von den von Ihnen erwähnten 400‘000 Zweitwohnungen im Berggebiet aus, zählen nur 3 belegte Betten pro Objekt und kalkulieren mit den durch die Tourismusdestinationen durchschnittlich ermittelten 45 Übernachtungen pro Bett und zählen so im Tourismusberggebiet etwa 54 Millionen Uebernachtungen. Bei der Betrachtung aller Ausgaben, im Gastrobereich/Bergbahnen, Erwerb von Produkten /Dienstleistungen in der Destination, Zweitwohnungsabgaben und den Steuerausscheidungen für den Zweitwohnsitz, Unterhalt der Liegenschaften, kann festgestellt werden, dass die Zweitwohnungseigentümer deutlich mehr für die Volkswirtschaft in den Bergregionen erreichen , als die für den Tourismus aus dem Ausland auch wichtige Hotellerie. Deshalb ist Ihre Studie wichtig und zeigt die Problematik auf.

    Rolf Walther, Vorstandsmitglied Allianz Zweitwohnungen Schweiz
    http://www.allianz-zweitwohnungen.ch

  • Rolf Walther

    Die Zweitwohnungen sind für den Tourismus in der Schweiz entscheidend. Die Uebernachtungszahlen haben, auch wenn keine Statistik besteht, mit den Zweitwohnungen zugenommen.
    Die Hotellerie-Statistik weist gesamtschweizerisch etwa 35 Millionen Uebernachtungen aus. Wir gehen von den von Ihnen erwähnten 400‘000 Zweitwohnungen im Berggebiet aus, zählen nur 3 belegte Betten pro Objekt und kalkulieren mit den durch die Tourismusdestinationen durchschnittlich ermittelten 45 Uebernachtungen pro Bett und zählen so im Tourismusberggebiet etwa 54 Millionen Uebernachtungen. Bei der Betrachtung aller Ausgaben, im Gastrobereich/Bergbahnen, Erwerb von Produkten /Dienstleistungen in der Destination, Zweitwohnungsabgaben und den Steuerausscheidungen für den Zweitwohnsitz, Unterhalt der Liegenschaften, kann festgestellt werden, dass die Zweitwohnungseigentümer deutlich mehr für die Volkswirtschaft in den Bergregionen erreichen , als die für den Tourismus aus dem Ausland auch wichtige Hotellerie. Deshalb ist Ihre Studie wichtig und zeigt die Problematik auf.
    Rolf Walther, Vorstandsmitglied Allianz Zweitwohnungen Schweiz /www.allianz-zweitwohnungen.ch

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