Die Krise des Schweizer Bergtourismus

Strukturbereinigungen im Bergtourismus sind ebenso überfällig wie Reformen.

Der Tourismus ist eine standortgebundene Dienstleistung. Hotels, Restaurants und Bergbahnen können ihren lokalen Kostennachteil nicht durch den Einkauf von Vorleistungen aus dem günstigeren Ausland wettmachen. Viele Gäste stammen aus dem Euroraum, aber auch Einheimische zieht es wegen der Frankenstärke zunehmend ins Ausland. Darunter leidet der Bergtourismus viel mehr als der Städtetourismus. Umso mehr ist der Strukturwandel so zu gestalten, dass die Branche wettbewerbsfähig wird.

Gerade der Tourismus, diese Schlüsselbranche des Berggebietes, steht unter Druck, wie zwei Entwicklungen zeigen. Erstens verliert der Bergtourismus relativ zum Städtetourismus an Bedeutung. Zweitens verliert die Schweiz gegenüber den Nachbarländern zunehmend Marktanteile. Seit der Jahrtausendwende gingen die Logiernächte der Hotellerie im Schweizer ­Alpenraum um 7% zurück, während sie in Österreich (z.B. Tirol und Vorarlberg) aber auch in Italien (z.B. Südtirol) zunahmen.

 

Der Schweizer Bergtourismus durchlebt derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel, wobei strukturelle Faktoren, langfristige Trends und einige externe Schocks zusammenwirken:

  • Saisonalität der Nachfrage: Mehr als im Städtetourismus schwanken die Gästezahlen in den Bergen im Jahresverlauf erheblich. Dies untergräbt die Profitabilität, gerade auch von Betrieben mit hohen Fixkosten (z.B. Hotels, Bergbahnen). Über das Jahr verteilt liegt die Kapazitätsauslastung der Hotels in den Schweizer Alpen bei nur einem Drittel. Zudem leidet das Wintergeschäft unter milden Wintern und könnte in einigen Gebieten langfristig ganz wegbrechen. Prognosen zufolge ist der Klimawandel vor allem eine Gefahr für die tiefer gelegenen Destinationen im Berner Oberland, der Zentralschweiz und dem Tessin – ebenso wie für die Konkurrenz in Deutschland und Österreich. Das Graubünden und Wallis hingegen sind weniger stark betroffen.
  • Wandel im Freizeitverhalten: Früher gab es für Mitteleuropäer in der kalten Jahreszeit kaum Alternativen zu Skiferien. Der Aufstieg von Billigfluglinien sorgt heutzutage jedoch für eine scharfe Konkurrenz durch Warmwasserdestinationen von den Kanaren bis nach Thailand. Da in vielen Herkunftsländern weniger Kinder und Jugendliche Skifahren lernen, leidet der klassische Wintersport zunehmend auch unter Nachwuchsproblemen: Zu lange hat man sich auf die Generation der Babyboomer verlassen. Zwei weitere Trends, die dem Bergtourismus zu schaffen machen, sind die Tendenz zu häufigeren Kurzurlauben (statt weniger mehrwöchiger Ferien) und die wachsende Beliebtheit von Städtereisen.
  • Kleinteiligkeit der Branche: Ein Problem des Schweizer Bergtourismus sind seine fragmentierten Strukturen. Trotz einer Konsolidierung in den letzten Jahren gibt es noch immer zu viele kleine Hotels, kleine Skigebiete und kleine Regionen mit eigenem Tourismusmarketing. Vielen dieser Anbieter mangelt es an einer klaren Nischenstrategie, an kritischer Masse für die professionelle Vermarktung, den nötigen Skaleneffekten für den profitablen Betrieb und der Kapitalkraft für Investitionen. Nachteile der Kleinteiligkeit für die Kunden sind die Unübersichtlichkeit des Schweizer Marktes und eine fehlende Produktbündelung, die anderswo in Form von Pauschalreisen geboten wird.
  • Digitalisierung: Die Digitalisierung führt auch in der Tourismuswirtschaft zu tiefgreifenden Veränderungen. Online-Buchungs- und Vergleichsportale haben den Wettbewerb zwischen den Destinationen und Tourismusbetrieben massiv erhöht. Die dadurch bedingte Preistransparenz und die Marktmacht der Buchungsportale lassen die ohnehin geringen Margen noch weiter erodieren. Eine abnehmende Kundenloyalität und die Tendenz zu kurzfristiger Ferienbuchung reduzieren die Planungssicherheit. Aber die Digitalisierung bietet auch Chancen für jene Anbieter, denen es gelingt, schlüssige Strategien und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  • Probleme in den Herkunftsländern: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat in den letzten Jahren zu einem starken Rückgang internationaler Gästezahlen geführt, vor allem aus der Eurozone. Auch spezifische Wirtschaftsprobleme in wichtigen Herkunftsländern haben in der Branche Bremsspuren hinterlassen – vor einigen Jahren die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland und heute jene in Italien und Frankreich. Die wachsenden Besucherzahlen aus Schwellenländern konnten diese Lücke nur zum Teil füllen. Zudem profitieren davon nur einige Top-Destinationen (z.B. Zermatt, Jungfraujoch), und die Bedürfnisse der Neukunden unterscheiden sich teils erheblich von jenen europäischer Gäste.

 

  • Hohe Kostenbasis: Die Schweiz ist eine Hochpreisinsel und war daher schon immer ein teures Reiseland. Hohe Löhne, hohe Immobilienpreise und teure Lebensmittel aufgrund des Agrarprotektionismus – sie alle tragen zum Kostenproblem heimischer Anbieter bei. In den letzten Jahren hat der starke Franken die Wettbewerbsfähigkeit der Tourismusbranche nochmals dramatisch verschlechtert. Die 15%-Aufwertung nach Freigabe des Euro-Mindestkurses Anfang 2015 (von Fr./€ 1.20 auf 1.05) war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Noch 2008 lag der Wechselkurs bei Fr./€ 1.65, d.h. innerhalb von sechs Jahren hat der Franken um einen Drittel aufgewertet.

Der Tourismus ist eine standortgebundene Dienstleistung. Anders als viele Industriebetriebe können Hotels, Restaurants und Bergbahnen ihren lokalen Kostennachteil nicht durch den Einkauf von Vorleistungen aus dem günstigeren Ausland wettmachen. Zudem stammen viele Gäste aus dem Euroraum, und auch die einheimischen Urlauber zieht es wegen der Frankenstärke zunehmend ins Ausland. Darunter leidet der Bergtourismus viel mehr als der Städtetourismus, der einen hohen Anteil an weniger preissensitiven Kurzurlaubern und Geschäftsreisenden aufweist.

Mit dem Bergtourismus trifft die Aufwertung der Landeswährung eine Branche, die sich ohnehin in einem schwierigen Strukturwandel befindet. Die «Produktivitätspeitsche» des harten Frankens könnte die überfällige Strukturbereinigung im Bergtourismus vorantreiben und nötige Reformen anstossen. In einigen Fällen kann aber der währungsbedingte Verlust an Wettbewerbsfähigkeit in einer ohnehin margenschwachen Branche auch Strukturen beschädigen, die bei einem günstigeren Wechselkurs durchaus zukunftsfähig wären. Umso mehr besteht die Herausforderung darin, den Strukturwandel so zu gestalten, dass die Branche langfristig wettbewerbsfähig wird.

Weitere Informationen zum Thema: «Strukturwandel im Schweizer Berggebiet – Strategien zur Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen».

Schlagwörter: Hochpreisinsel, Strukturwandel im Berggebiet, Wettbewerb
Dr. Daniel Müller-Jentsch ist Senior Fellow bei Avenir Suisse. Zuvor arbeitete er als Ökonom bei der Weltbank in Brüssel. Das Studium der Volkswirtschaftslehre absolvierte er an der London School of Economics und an der Yale University. Bei Avenir Suisse beschäftigt er sich schwergewichtig mit Fragen der räumlichen Entwicklung, des Standortwettbewerbs, der Zuwanderung und des Stiftungswesens.
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