Trotz froher Lohnbotschaft weiterhin liberaler Handlungsbedarf

Eine Standortbestimmung zum Tag der Frau

Die gute Nachricht zuerst: Der Trend geht in die richtige Richtung. Verschiedene Datenquellen zeigen, dass die Reallöhne der Arbeitnehmerinnen seit über zwanzig Jahren deutlich schneller steigen (+50%) als jene der Männer (+30%). Da die jungen Frauen heute besser gebildet sind als die Männer, wird diese Entwicklung noch lange Zeit anhalten. Allerdings gibt es noch etliche Hürden und Hindernisse auf dem Weg zur Gleichberechtigung zu beseitigen.

In familienpolitischer Hinsicht ist die Schweiz ein konservatives Land. Frauen wie Männer, die versuchen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, können ein Lied davon singen. Im Berufsleben werden junge Eltern mit Hürden konfrontiert, die so hoch nicht sein müssten. Avenir Suisse hat mit der Studie «Gleichstellung» bereits vor einiger Zeit den Reformbedarf aus liberaler Sicht identifiziert, den wir aus Anlass des internationalen Frauentags hier in Erinnerung rufen:

Ansetzen beim Steuersystem, der Kinderbetreuung und den Arbeitgebern

  • Individualbesteuerung: Arbeiten lohnt sich für junge Eltern materiell zu wenig, denn die Steuerprogression auf dem (meist weiblichen) Zweiteinkommen führt in der gemeinsamen Veranlagung oft zu prohibitiv hohen Belastungen. Es kann nicht sein, dass von einem zusätzlich verdienten Franken nur 20 Rappen in der Kasse bleiben. Mit dem Übergang zu einer echten Individualbesteuerung würde dieser Missstand beseitigt.
  • Nachfragegerechte Kinderbetreuung: Zwar wurde die familienexterne Betreuung für Kleinkinder in den letzten 15 Jahren massiv ausgebaut. Die Angebote sind aber oft teuer und unflexibel. Häufig werden sie den Anforderungen in modernen Dienstleistungsjobs und Kaderpositionen nicht gerecht. Betreuungsgutscheine, die direkt an die Eltern ausgehändigt werden, sind der Subventionierung von Kinderkrippen vorzuziehen. Weitere wichtige Schritte wären die Abschaffung der einkommensabhängigen Betreuungstarife und die Einführung von Tagesschulen.
  • Ein Teilzeit-Elternurlaub: Der Mutterschaftsurlaub sollte durch einen Elternurlaub ersetzt werden. Ein wichtiger Nebeneffekt: Wenn auch Väter eine Auszeit nehmen können, sind die Ausfallsrisiken beim Arbeitgeber bei beiden Geschlechtern gleichverteilt – und der Diskriminierung von Frauen wird automatisch ein Riegel geschoben.
  • Flexiblere Arbeitszeitmodelle: Es gibt ein grosses und bei weitem nicht ausgeschöpftes Potenzial für flexiblere Arbeitsformen. Hier stehen auch die Unternehmen in der Pflicht, neue Möglichkeiten zu schaffen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – für Frauen wie Männer – zu fördern.

Die Frauen auf der Überholspur

Trotzdem sollten wir am Frauentag auch das Positive sehen: Die Löhne der Frauen haben in den vergangenen dreissig Jahren kontinuierlich und deutlich aufgeholt. Gemäss den Daten der AHV sind sie seit 1982 (auf Vollzeitbasis) inflationsbereinigt, wenn auch von einem tieferen Niveau aus, um über 50% gestiegen, diejenigen der Männer nur um 30%. Die seit 1991 durchgeführte «Schweizerische Arbeitskräfteerhebung» (SAKE) stützt die Aussagen der AHV-Daten über den Zeitraum von gut zwanzig Jahren. Allein im Jahr 2015 nahm der Medianlohn der Frauen gemäss der offiziellen SAKE-Statistik kaufkraftbereinigt um 4,7% zu, jener der Männer war hingegen leicht rückläufig.

Die Aufholjagd der Löhne von Frauen wird in der Schweiz wenig gewürdigt. Grund dafür ist unter anderem die Datenlage. Die Lohnentwicklung im Zeitverlauf wird oft mit dem «Schweizerischen Lohnindex» dargestellt, der hier aber eine denkbar ungeeignete Statistik darstellt, weil er die «reine» Preisentwicklung einer möglichst konstanten und homogenen Kategorie von Arbeit misst. Damit blendet er die Zunahme der Qualifikationen und das steigende Anspruchsniveau unserer Jobs (bewusst) aus. Mittel- bis langfristig steigen die bezahlten Löhne in der Realität weit stärker, als es der Lohnindex ausweist.

Nachhaltige Eigendynamik

Der stärkere Anstieg der weiblichen Saläre lässt sich im Wesentlichen auf zwei Gründe zurückführen: Dank der besseren Bildung steigt die Erwerbsbeteiligung der Frauen laufend, und die – früher üblichen und zum Teil sehr langen – Erwerbsunterbrüche bilden sich zurück. Die Frauen akkumulieren also mehr Berufserfahrung, und sie erhalten und stärken dadurch ihr Humankapital. Das honoriert der Arbeitsmarkt – was wiederum den Anreiz für die Frauen erhöht, im Job zu bleiben.

Noch deutlicher zeigt sich das Aufholen der Frauen, wenn man nicht die Löhne zum Massstab nimmt, sondern die (AHV-pflichtige) Lohnsumme. Wegen der stark zunehmenden Erwerbsbeteiligung ist die Lohnsumme der Frauen seit 1982 inflationsbereinigt um 140% gestiegen, die von Männern verdiente reale Lohnsumme hingegen nur um 64%. Immerhin 42% der gesamtwirtschaftlichen Kaufkraftzunahme der Löhne gehen auf den zusätzlichen Verdienst der Frauen zurück. Diese Zahlen zeigen eindrücklich, dass Frauen an ökonomischer Macht und damit an Selbstbestimmung gewonnen haben – und auch weiter gewinnen werden.

Die Studie «Gleichstellung» von Avenir Suisse zeigt auf, was zu tun ist, damit Frauen auf dem Arbeitsmarkt weiter vorankommen – vor allem auch (aber nicht nur) in Kaderpositionen.

Dr. Marco Salvi ist Senior Fellow und Forschungsleiter Chancengesellschaft bei Avenir Suisse und setzt sich u.a. Arbeitsmarktpolitik, Steuer- und Fiskalpolitik, Gleichstellung und regionalpolitischen Themen der lateinischen Schweiz auseinander. Er studierte Volkswirtschaft und Ökonometrie an der Universität Zürich und promovierte an der EPFL. Marco Salvi ist Verfasser verschiedener volkswirtschaftlicher Publikationen und Dozent für Ökonomie an der ETH Zürich und an der Universität Zürich. Marco Salvi twittert unter @Salvesalvi..
Dr. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Direktor von Avenir Suisse und betreut schwergewichtig die Themen Bildung, Arbeitsmarkt, Verteilung sowie Immobilien. Er ist ausserdem Lehrbeauftragter der ETH Zürich für Immobilien- und Stadtökonomie. Frühere berufliche Stationen waren die Zürcher Kantonalbank, wo er den Bereich Immobilienrisiken leitete sowie eine Stelle als Oberassistent an der ETH Zürich.
Dr. Verena Parzer Epp ist Leiterin Kommunikation und Produktion bei Avenir Suisse. Sie studierte Volkswirtschaft mit Nebenfach Slawistik an der Universität Innsbruck. Erste Berufserfahrungen sammelte sie in der Finanzindustrie, im Research und im Fondsmanagement. Es folgten mehrere Jahre in der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung und die Arbeit in einem ICT-Start-up, bevor sie 2011 zu Avenir Suisse stiess.
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