Mit der Gesamtschau zur mittelfristigen Weiterentwicklung der Agrarpolitik schlägt der Bundesrat eine neue Strategie vor. Denn der Grenzschutz für Agrarprodukte schadet der Schweizer Volkswirtschaft und damit indirekt auch den Bauern. Während sich der Schweizer Bauernverband dem Gespräch über Reformen verweigert, wächst bei der kantonalen Sektion der Berner Bauern die Einsicht, dass die Landwirtschaft unabhängiger vom Staat werden muss. Ihr Geschäftsführer Andreas Wyss diskutiert im Podcast mit Patrick Dümmler über mögliche Strategien für eine zukunftsfähige Landwirtschaft in einem weniger abgeschotteten Markt.

Für Andreas Wyss ist klar, dass eine Aufhebung des Grenzschutzes ohne Übergangslösungen einen substanziellen Schock auslösen würde, weil die Preise auf einen Schlag markant sänken. Selbst wenn es schon heute Bauern gibt, die erfolgreich im Export tätig sind, handle es sich dabei um Einzelbeispiele. Die Hauptabnehmer von Schweizer Produkten seien und blieben die Schweizer Kunden.

Patrick Dümmler sieht auch ohne Marktabschottung gute Chancen für die einheimische Produktion – unter der Voraussetzung, dass der agrarwirtschaftliche Regulierungsdschungel gelichtet wird. Denn eine Liberalisierung würde zu einer besser ausgerichteten und kompetitiveren Landwirtschaft mit einer höheren Wertschöpfung führen, ist er überzeugt. Für Wyss liegt der Schlüssel für einen höheren Absatz auf dem Schweizer Markt in einer besseren Nutzung der unternehmerischen Möglichkeiten, aber auch in Kooperationen und Selbsthilfeorganisationen. Letztlich gehe es darum, mit der Nachhaltigkeit von Schweizer Produkten einen Mehrwert nachweisen zu können.

Der Forschungsleiter «Offene Schweiz» bei Avenir Suisse hält auch eine stärkere Segmentierung des Marktes für eine grosse Chance. Swissness – vielleicht auch eine Regionalisierung von Spezialitäten – gelte es nicht nur auf dem internationalen, sondern auch auf dem einheimischen Markt zu nutzen. Mit möglichst hoher Qualität einen entsprechenden Mehrwert zu generieren, ist auch für Andreas Wyss essenziell. Wenn es gelinge, über die eigenen Produkte eine eigene Geschichte zu erzählen, seien die Konsumenten bereit, dafür zu bezahlen, sind sich beide Gesprächspartner einig.

Wie das geht, zeigt laut Dümmler exemplarisch Irland mit dem Label «Origin Green», das auf einer nationalen Strategie beruht. Entsprechend gelte es, das exzellente Image der Schweiz im Ausland zu nutzen. Das Vertrauen der Schweizer Konsumenten in die eigenen Produkte sei schon heute sehr hoch, bestätigt Wyss. Jetzt gelte es, diese objektive Qualität im Marketing zu nutzen.

Von Irland könne die Schweiz aber auch lernen, dass die Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette verbessert werden muss. Die Kampagne der Grünen Insel umfasst nämlich neben den Landwirten auch Verarbeiter und Detailhändler. Die Produkte, die Mehrwerte und die Argumente sind gemeinsam erarbeitet. Entsprechend wird auch der Produktpreis entlang der Kette generiert. In der Schweiz hingegen gebe es zu starke Trennungen zwischen den einzelnen Stufen. Von den hohen Schweizer Preisen profitiere nicht in erster Linie der Landwirt, sondern die Verarbeitung und der Detailhandel.

Ein gutes Beispiel für die verzerrende Wirkung der Schweizer Agrarpolitik sind für Andreas Wyss die Tierwohlbeiträge: Der Bauer erhält staatliches Geld, damit er seine Kühe ins Freie lässt, was zusätzlichen Aufwand und zusätzliche Investitionen nach sich zieht. Der Bauer mache also die Arbeit, die Allgemeinheit finanziert sie – und dem Detailhandel bleibe die Marge. Die Verteilung entlang der Wertschöpfungskette müsse intensiver diskutiert werden – genau so, wie «Origin Green» dies zum Wohle aller gemacht hat.

Patrick Dümmler stellt fest, dass in den vergangenen Jahrzehnten jeder Player im Markt versucht habe, seine Margen in einem geschützten Gärtchen zu generieren, was nicht nur zulasten der Konsumenten, sondern oft auch der Bauern gegangen sei. Auch diesbezüglich könne zusätzlicher Wettbewerbsdruck aus dem Ausland eine Neuordnung auslösen. Einig sind sich die Gesprächspartner, dass es einen Prozess und eine Diskussion darüber braucht, welche regulatorischen Massnahmen sinnvoll sind und auf welche man verzichten könnte.