Wie Sie garantiert nicht Bundesrat werden – und warum das vielleicht besser so ist

Eine Anleitung zur Nichtwahl.

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Nächsten Monat wählt die Bundesversammlung die Nachfolge von Guy Parmelin. Für viele Politikerinnen und Politiker stellt dieses Amt das Höchste der Gefühle dar. Doch Sie finden: Ruhm und Ehre, das kann mir gestohlen bleiben? Dann lesen Sie weiter. Hier sind drei verlässliche Wege, wie Sie Ihre Wahl zum Bundesrat verhindern.

Beginnen wir beim Zwischenmenschlichen. So lautet das erste Gebot für eine verpatzte Bundesratswahl: «Du sollst nicht grüssen.» Setzen sie also auf einen barschen Ton. Pflegen Sie einen unfreundlichen Umgang auf dem Wochenmarkt, und in der Wandelhalle sowieso. Politologen haben kürzlich die Persönlichkeit von rund hundert Bundesratskandidaten von 1982 bis 2020 untersucht. Ihr Befund: Während sich im Ausland oft Extrovertierte, teils gar Narzissten durchsetzen, haben in der Schweiz umgängliche Personen die besseren Karten.

Wer sich bedeckt hält, hat bessere Chancen

Sie sind schon gewissenhaft kratzbürstig? Dann gilt es, sich dem zweiten Gebot anzunehmen: «Du sollst Ideologe sein.» Vertreten Sie am besten eine Parteilinie ohne Wenn und Aber. Bei der Parteibasis punkten Sie damit und schaffen es vielleicht sogar aufs Ticket. Gewählt werden Sie allerdings kaum, denn dafür brauchen Sie eine Mehrheit von allen 246 Mitgliedern der Bundesversammlung.

Damit zum dritten und letzten Gebot, um die politische Spitze des Landes zu verpassen: «Du sollst vorpreschen.» Wird ein Sitz frei, melden Sie sofort Ihr Interesse an – vehement und laut. Ja, eine gesunde Portion Ehrgeiz hat in der Schweiz noch immer geschadet. So meldete Markus Ritter 2025 früh sein «grosses Interesse» an. Gewählt wurde am Ende Martin Pfister, der erst kurz vor Meldeschluss in den Ring stieg.

Wer bei der Bundesratswahl also klare Kante zeigt, dominant auftritt und ehrgeizig ist, der bleibt draussen. Das wirkt auf den ersten Blick paradox, gerade bei einer Führungsposition. Doch der Blick ins Ausland macht klar, dass das Schweizer System vielleicht gar nicht so verkehrt ist. Letztlich spiegelt das Auswahlverfahren beim Bundesrat unser Verständnis einer liberalen Gesellschaft.

Macht ist hierzulande bewusst breit verteilt. Gestaltet wird nicht einfach in Bern, sondern vor allem von den Bürgerinnen und Bürgern selbst – in Unternehmen, Vereinen und Gemeinden. Der Staat soll dafür den Rahmen setzen, statt alles selbst zu bestimmen. Überspitzt gesagt: In der Schweiz sollen die Regierenden graue Mäuse sein, damit die Regierten bunte Hunde sein können.

Manche wollen lieber graue Mäuse als bunte Hunde

Also alles bestens? Nicht ganz. Denn Machtbegrenzung heisst nicht, dass Führungsstärke überflüssig wäre. Ein Bundesrat muss politische Entscheidungen von grosser Tragweite treffen und eine selbstbewusste Verwaltung leiten. Wer hier nur freundlich und nett ist, wird von seinen Beamten geführt, statt das Land behutsam weiterzuentwickeln – eine Aufgabe, die jüngst nicht nur wegen Verwerfungen im Ausland schwieriger geworden ist.

Denn das liberale Gesellschaftsmodell steht auch im Inland unter Druck. Allein die Zahl der im Nationalrat eingereichten Motionen stieg von knapp 90 in der Legislatur 1963–67 auf rund 1800 in der Legislatur 2019–23. Hinter jedem Vorstoss steht die Erwartung, dass Bern ein Problem löst. Der Zeitgeist hat sich verändert: Die bunten Hunde wollen nicht mehr so bunt sein, sondern lieber von den grauen Mäusen (ein)gehegt und gepflegt werden.

Das alles behagt Ihnen nicht? Sie sind nun drauf und dran, alle drei Gebote zu brechen, den freien Sitz zu erobern und als Bundesrat Gegensteuer zu geben? Das verdient erst einmal Respekt. Das Land braucht Menschen wie Sie, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Gehen Sie also mutig voran. Und sollte es mit der Wahl dann doch nicht klappen, ein kleiner Trost zum Schluss.

Verlierer leben länger

Mit dem veränderten Zeitgeist wird auch die Bedeutung von Bundesräten zunehmend überhöht. Und wo das Scheinwerferlicht grell ist, ist der Schatten bekanntlich umso dunkler. So prüfte das Bundesamt für Polizei 2019 noch 246 Meldungen über Drohungen gegen Personen unter Bundesschutz, darunter Bundesratsmitglieder; 2025 waren es schon 645 – Alain Berset benötigte etwa während der Pandemie rund um die Uhr Personenschutz, selbst in den Wanderferien.

Ihre Nichtwahl könnte sich entsprechend als persönlicher Glücksfall entpuppen. Zumindest Ihr Hausarzt dürfte sich freuen. Eine Studie im «British Medical Journal» hat nämlich Wahlen in 17 Ländern seit 1722 ausgewertet. Das Resultat: Gewählte Regierungschefs sterben im Schnitt 2,7 Jahre früher als ihre unterlegenen Konkurrenten. Eine verpasste Bundesratswahl schenkt Ihnen also viel Zeit – und zwar Zeit, die Sie hierzulande (noch) als bunter Hund verleben dürfen. 

Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 1. November 2026 erschienen.