Der Arbeitsmarkt verändert sich schneller als die Unis

Vom Gymi an die Uni zum guten Job: Diese Rechnung geht nicht mehr so zuverlässig auf wie früher. Bis sich angehende Studierende und Hochschulen darauf einstellen, dürfte es dauern.

Condividi

Condividi questa pubblicazione

WhatsApp LinkedIn

Die «arbeitslosen Akademiker» haben zuletzt immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Umso mehr lassen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik aufhorchen: Bis 2035 dürfte die Zahl der Studierenden an Schweizer Hochschulen um 21 Prozent steigen. Für viele liegt der Schluss nahe: Wir bilden zu viele Akademiker aus, die der Arbeitsmarkt gar nicht braucht. Doch stimmt das?

Für junge Akademikerinnen und Akademiker sah der Arbeitsmarkt tatsächlich schon besser aus. 2025 waren 6,4 Prozent der Personen mit universitärem Masterabschluss ein Jahr nach dem Studium erwerbslos – 2023 waren es noch 3,9 Prozent. Auch in bisher «sicheren» Fächern wie den Wirtschaftswissenschaften hat die Erwerbslosigkeit zugenommen. 

Als Grund für diesen Anstieg wird neben der allgemeinen Wirtschaftslage oft die künstliche Intelligenz (KI) genannt. Das klingt plausibel: KI kann auch kognitive Arbeiten erledigen, für die man bisher akademische Berufseinsteiger einstellte. Wie gross ihr Anteil an der höheren Erwerbslosigkeit ist, lässt sich allerdings nicht abschliessend sagen.

Unabhängig von den Ursachen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie gut reagieren Studierende und Hochschulen auf Veränderungen am Arbeitsmarkt? Nur bedingt. Denn anders als in der Berufsbildung wirken die Signale und Anreize, die für Anpassung sorgen, im Hochschulsystem weniger unmittelbar. Dafür gibt es drei Gründe. 

Erstens bestimmt an Universitäten eher die Nachfrage der Studierenden als der aktuelle Fachkräftebedarf, wie viele Personen pro Fach ausgebildet werden. Das birgt die Gefahr, am Arbeitsmarkt vorbei auszubilden. In der Berufsbildung ist die Verbindung enger: Betriebe bieten Lehrstellen nur an, wenn sie dafür auch einen Bedarf sehen. So reagiert das Lehrstellenangebot direkter auf Veränderungen am Arbeitsmarkt. 

Zweitens zahlen Studierende nur einen kleinen Teil ihrer Ausbildungskosten selbst. Mit den heutigen Studiengebühren an Universitäten decken sie je nach Fachrichtung lediglich 2 bis 17 Prozent der Kosten – den grössten Teil trägt die öffentliche Hand. Das schwächt den Anreiz, die Arbeitsmarktchancen bei der Studienwahl zu berücksichtigen. 

Drittens beeinflusst das Ansehen der Bildungswege die Entscheidung – und solche Vorstellungen ändern sich nur langsam. Zwar geniesst die Berufslehre in der Schweiz einen guten Ruf, doch auch hierzulande gilt der akademische Weg immer öfter als Königsweg. Besonders gilt das für Eltern, die selbst studiert haben oder mit dem Schweizer Berufsbildungssystem wenig vertraut sind. 

Was also tun? Die späteren Berufsaussichten sollten bei der Bildungswahl stärker zählen. Mit dem raschen Wandel am Arbeitsmarkt gewinnt das an Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, einen Bildungsweg gegen den anderen auszuspielen: Die Schweiz fährt gut damit, dass es unterschiedliche Wege gibt. Doch drei Ansätze könnten unser System noch verbessern.

Zunächst sollten die Hochschulen einen stärkeren Bezug zur Arbeitswelt schaffen. Sie sollen weiterhin vor allem Grundlagenwissen vermitteln und so eine Alternative zur Berufsbildung darstellen. Bauen aber mehr Studiengänge etwa auch Praktika ein, schärft das den Blick für die Herausforderungen in der Praxis – und gibt ein Gespür für die späteren Berufsaussichten.

Zudem sollten die Studiengebühren die Kosten besser abbilden, auch wenn das sehr unpopulär ist. Wer mehr für sein Studium zahlt, überlegt sich genauer, ob sich die Investition lohnt. Dagegen wird oft die Chancengleichheit angeführt. Doch es gibt sozialverträgliche Lösungen: etwa Studiengebühren, die erst nach dem Studium fällig werden, oder Stipendien und Darlehen. 

Und schliesslich braucht es bessere Informationen über die Berufsperspektiven. Denn auch eine Berufslehre bietet weiterhin ausgezeichnete Berufsaussichten, und besonders die dabei gesammelte Praxiserfahrung dürfte heute wertvoll sein. Doch das scheint noch nicht überall angekommen zu sein. Erreichen sollte diese Information besonders die Eltern, die den Bildungsweg ihrer Kinder stark mitprägen. 

Ganz im Gleichschritt werden Arbeitsmarkt und Hochschulen nie laufen. Mit diesen drei Ansätzen kommen die Signale des Arbeitsmarktes aber früher an. So sinkt die Gefahr, am Bedarf vorbei auszubilden – und die «arbeitslosen Akademiker» dürften weniger Schlagzeilen machen. 

Dieser Beitrag ist am 26. Oktober 2026 als Gastkommentar in den CH-Media-Zeitungen erschienen (z.B. «St. Galler Tagblatt», «Aargauer Zeitung»).