Die Region zwischen Genf und Lausanne entwickelt sich zu einer Metropole, die kein klares Zentrum hat. Avenir Suisse präsentiert Lösungsansätze.

Der «Arc lémanique» mit den beiden Polen Genf und Lausanne droht zu einem Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. Nach Zürich hat sich hier in weniger als einer Generation die wirtschaftlich zweitstärkste Metropolitanregion der Schweiz gebildet. Arbeitnehmer und neue Unternehmen strömen unablässig an die Gestade des Lac Léman. Ständiger Wandel bedroht die Lebensqualität. Öffentliche Infrastruktur wird knapp, der Verkehr kollabiert, der Wohnungsmangel verdrängt immer mehr Menschen in die vom Ansturm überrumpelten Agglomerationen.

Angesichts der nicht mehr zu übersehenden Kalamität hat der liberale Think-Tank Avenir Suisse Experten beauftragt, die Frage nach einer effizienten «Governance» von Metropolitanräumen darzustellen. Gerhard Schwarz, Direktor von Avenir Suisse, und Xavier Comtesse, Spiritus Rector der Studie, haben am Dienstag zusammen mit weiteren Autoren an einer Pressekonferenz in Genf das 250 Seiten starke Endprodukt vorgestellt. Auf welch schwierigem Terrain man sich in der Romandie bei der Gestaltung von grossen, zusammenhängenden Siedlungsgebieten bewegt, machte Comtesse klar, als er an die Volksabstimmung von 2002 erinnerte. Damals verwarfen die Bürger die Fusion der Kantone Waadt und Genf.

Das Kernstück der Publikation «Gouvernance à géométrie variable» bilden 14 Leitsätze, die helfen sollen, die Diskussion um Gestaltung und Führung von Metropolitanregionen anzuregen. Sie sind auf die «Métropole lémanique» zugeschnitten, erheben aber durchaus den Anspruch, anderswo Gültigkeit zu haben. Das Fehlen eines eindeutigen Zentrums in der Region will man in einen Wettbewerbsvorteil ummünzen. Die werdende Metropolitanregion soll nicht mittels bürokratischer Masterpläne vereinheitlicht werden, sondern sich entlang polyzentrischer Strukturen entwickeln. Gefragt sind nicht neue Institutionen, sondern Lösungen zur Umsetzung gemeinsamer Projekte.

Als eines der zentralen Themen wird die Zersiedlung angesprochen. Sie gilt es einzudämmen, um zu verhindern, dass Städte und Dörfer zu einem seelenlosen Los Angeles verschmelzen. Da sich die wirtschaftlichen und geografischen Räume, in denen sich das Leben der Bevölkerung abspielt, immer seltener mit den gegebenen politischen und administrativen Einheiten decken, braucht es statt vereinter Territorien viel eher gemeinsame Aktionspläne. Statt zu fragen «Wem gehört was?», müsse der neue Fokus auf der Frage «Wer macht was?» liegen.

Dieser Artikel erschien in der Neuen Luzerner Zeitung, auf «NZZ Online»
und im «Tagblatt» vom 18. April 2012.