Die Option Kernenergie fallen zu lassen sei falsch, moniert ein Energieexperte von Avenir Suisse. Er glaubt auch nicht, dass der Stromverbrauch in Zukunft stagnieren wird.

Urs Meister, der Bundesrat beschliesst den Ausstieg aus der Kernenergie. Haben Sie damit gerechnet?

Der Entscheid war zu erwarten. Der Bundesrat ist wohl zum Schluss gekommen, dass der Bau eines neuen Kernkraftwerkes – es laufen Vorbereitungen – am Referendum scheitern würde. Ich halte den Entschluss jedoch nicht für sinnvoll.

Obwohl die politische Grosswetterlage nach dem Atomunglück in Japan gegen neue Kernkraftwerke spricht?

Die Schweiz sollte sich die Option Kernenergie in Zukunft offenhalten. Die Technologie entwickelt sich weiter und könnte in zehn bis zwanzig Jahren interessante Möglichkeiten bieten, gerade für ein Land wie die Schweiz.

Wie realistisch ist der vom Bundesrat vorgeschlagene Strommix?

Das ist schwierig abzuschätzen, da beim tatsächlichen Ausmass und dem Tempo des Ausbaus erneuerbarer Energien Unsicherheiten bestehen. Werden diese künftig grosszügig gefördert, dann werden auch die Preise bei den Endkunden deutlich ansteigen. Allerdings sind auch Stromimporte und Gaskombikraftwerke neben den erneuerbaren Energien Teil der bundesrätlichen Strategie. Für Stromimporte bezahlt man Marktpreise. Das bedeutet nicht zwingend, dass der Strompreis in die Höhe schnellt.

Können wir mit Energieeffizenzmassnahmen den Stromverbrauch in Zukunft auf dem heutigen Niveau einfrieren?

Das ist angesichts des Bevölkerungswachstums ein sehr sportliches Ziel. Ich halte es nicht für realistisch.

Halten Sie die Energieversorgung der Schweiz nach dem gestrigen Entscheid für gefährdet?

Kurzfristig nicht, schliesslich bleiben die Kraftwerke ja noch einige Jahre am Netz. Grundsätzlich aber gilt, dass Kernkraftwerke Vorteile für die Versorgungssicherheit bieten. Gaskombikraftwerke, welche der Bundesrat in seine Pläne miteinbezieht, sind mit grösseren Unsicherheiten verbunden. So fehlt es im Inland an Gaslagern, ausserdem wird ein Grossteil des Gases über eine Pipeline importiert.

Wie beurteilen Sie Lenkungsabgaben, Stromrappen und ähnliche Instrumente, mit denen der Bundesrat den Verbrauch steuern will?

Eine Lenkungsabgabe wäre in erster Linie dafür da, den Stromverbrauch über höhere Preise zu senken. Doch die Stromnachfrage reagiert nur gering auf Preisveränderungen. Ausserdem liegen die Strompreise heute invielen Regionen, vor allem in der Deutschschweiz, unter den Marktpreisen, weil die Stromproduzenten den Strom von Gesetzes wegen zu den Gestehungskosten verkaufen müssen. Es handelt sich also faktisch um Subventionen.

Was bedeutet der gestrige Entscheid für die Betreiber der Kernkraftwerke?

Er gibt mindestens eine gewisse Planungssicherheit. Der aufwendige und kostspielige Planungsprozess für neue Kernkraftwerke kann voraussichtlich abgebrochen werden. Ausserdem besteht eine gewisse Sicherheit darüber, dass die bestehenden Kraftwerke noch bis ans Ende der vorgesehenen Laufzeit am Netz bleiben. Umgekehrt müssen die Kraftwerksbetreiber nun nach Alternativen Ausschau halten. Doch diese bergen Unsicherheiten.

Zum Beispiel?

Es ist unklar, ob eine CO2- Kompensation über Zertifikate im Ausland möglich sein wird. Dies ist in Bezug auf Gaskombikraftwerke aber eine entscheidende Frage, zumal die Wirtschaftlichkeit neuer Gaskraftwerke im Inland ohnehin unsicher ist und mit einer CO2-Inlandkompensation wohl kaum noch gegeben wäre.

Doris Leuthard hat signalisiert, für stromintensive Betriebe wie etwa die Perlen Papier AG könne man «Lösungen » suchen, damit sie nicht zu sehr unter höheren Strompreisen leiden. Eine gute Idee?

Es ist zunächst schwierig einzuschätzen, wie sich der Entscheid auf den Strompreis auswirkt und welche Entlastungen der Bundesrat für Grossverbraucher vorschlagen möchte. Aus ordnungspolitischen Gründen ist eine Bevorteilung von Grossverbrauchern etwa im Sinne von Subventionen fragwürdig.

Stehen wir vor einem Cleantech-Boom? Wird es in der Schweiz Tausende von neuen Arbeitsplätzen mit hoher Wertschöpfung geben dank dem Atomausstieg?

Diese Technologien – zum Beispiel Fotovoltaik – werden an den internationalen Märkten angeboten. Der Atomausstieg führt nicht automatisch dazu, dass hierzulande explizit Arbeitsplätze im Bereich Cleantech entstehen. Vielleicht werden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, ich sehe sie aber eher im Bereich der tiefen Wertschöpfung, etwa bei der Montage. Zudem hat die Schweiz im Moment ja nicht das Problem mangelnder Arbeitsplätze, vielmehr fehlt es an Fachleuten.

Dieser Artikel erschien in der «Neuen Luzerner Zeitung» am 26.Mai 2011