Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, dass alles nach Plan läuft? Dass sich über Monate hinweg alles so entwickelt, wie Sie es erwartet haben? Wenn Sie ins Grübeln geraten, geht es Ihnen wie vielen. Das Leben ist chaotisch, und Normalität bleibt die Ausnahme. Wer auf Ruhe hofft, wird meist enttäuscht – und was für Menschen gilt, trifft auch auf Staaten zu. Ein Blick auf das zu Ende gehende Jahr mit seinen geopolitischen Spannungen und Handelskonflikten genügt. Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont – und dennoch meistert sie Turbulenzen oft erstaunlich gut. Woran liegt das?
Fragil, robust – oder antifragil?
Der Erfolgsautor Nassim Taleb liefert in seinem Bestseller «Antifragilität» eine mögliche Antwort: Die Schweiz sei nicht nur robust, sondern antifragil – sie gehe aus Krisen häufig gestärkt hervor. Doch was bedeutet das? Ein fragiles System kollabiert unter Druck; ein robustes hält Druck aus, ohne sich zu verändern. Antifragile Strukturen hingegen nutzen Stress, Störungen oder Unsicherheiten, um sich weiterzuentwickeln.
Wer sich darunter wenig vorstellen kann, findet im Fitnessstudio ein gutes Bild: Ohne Belastung wachsen Muskeln nicht – und dieses Prinzip reicht weit über das Krafttraining hinaus. Menschen werden fragil, wenn sie jede Belastung und Unsicherheit meiden. Freundschaften etwa sind weniger belastbar, wenn kleine Konflikte nie ausgetragen werden. Umgekehrt werden wir antifragiler, wenn wir nicht nur auf einen einzigen Weg setzen: Wer mehrere Rollen und Interessen hat, der ist widerstandsfähiger, weil er nicht alles auf eine Karte setzt.
Auch Länder können unter Druck stärker werden. Und genau hier wird die Schweiz spannend. Sie wurde nie bewusst als antifragiles System geplant. Doch wie das kürzlich erschienene Buch «Antifragile Schweiz – 17 Strategien für eine Welt der Unordnung» zeigt, hat unser Land über die Zeit Institutionen aufgebaut, die diese Idee fast lehrbuchhaft abbilden. Wer das erkennt, versteht einen wesentlichen Teil des Erfolgs der Schweiz.
Was die Schweiz antifragil macht
Der Föderalismus ist wohl das sichtbarste Beispiel für eine antifragile Institution. Die Schweiz setzt weniger auf grosse Masterpläne, sondern lässt Gemeinden und Kantone unterschiedliche Lösungen testen – das bessere Modell setzt sich oft durch. Wenn ein Experiment in einem Kanton dagegen scheitert, gerät dadurch nicht die ganze Schweiz ins Schwanken.
Auch das Milizsystem trägt wesentlich zur Antifragilität bei. Der Staat ist in der Schweiz nichts Abgehobenes, sondern wird von engagierten Bürgerinnen und Bürgern gestaltet. Milizpolitikerinnen und -politiker stehen zugleich mitten im Berufsleben und bringen ihre Erfahrungen aus dem Alltag direkt in die politische Arbeit ein. Ob als Handwerker, Lehrperson oder Führungskraft – diese Vielfalt an Perspektiven fördert innovative und zugleich pragmatische Lösungen in der Politik.
Ähnlich funktioniert die Berufsbildung: Unternehmen engagieren sich aktiv in der Lehrlingsausbildung und tragen damit selbst Verantwortung für die Ausbildung ihrer künftigen Fachkräfte. Diese dezentrale Organisation macht das System besonders anpassungsfähig.
Gestärkt in ein neues Jahr der Unordnung
Die genannten Stärken sind indes keine Selbstverständlichkeit. Bereits vor zehn Jahren mahnte deshalb Nassim Taleb, der das Konzept der Antifragilität bekannt gemacht hat: «Die Schweiz ist eines der erfolgreichsten Länder. Aber ich fürchte, die besten Zeiten sind vorbei.» Und tatsächlich geraten Elemente, die die Schweiz einst antifragil machten, unter Druck. Beispiele gibt es genug: So wird dem Föderalismus etwa oft Ineffizienz vorgeworfen, womit die Kantone zunehmend an Einfluss verlieren – und sich kaum dagegen wehren. Auch das Milizsystem steht vor Herausforderungen: Viele Gemeinden haben Mühe, geeignete Personen für Ämter zu finden. Gleichzeitig nimmt in vielen Ländern, auch in der Schweiz, die Akademisierung zu, was das Lehrlingswesen schwächen kann.
Auch 2026 wird uns die weltweite Unordnung beschäftigen. Doch wir können entscheiden, wie wir ihr begegnen: indem wir unsere Institutionen pflegen und weiterentwickeln – und dabei auf Vielfalt, Verantwortung und Flexibilität setzen. Dies erreicht man am besten mit einer antifragilen Lebenshaltung, die nicht jedes kleine Risiko vermeiden will. Wenn uns das gelingt, werden wir auch künftig vergleichsweise gut – und im besten Fall sogar gestärkt – durch turbulente Zeiten kommen.
Dieser Beitrag ist in den «Freiburger Nachrichten» vom 09. Dezember erschienen.