Für die Zeitschrift «DiALOG» haben sich Urs Meister, Projektleiter und Mitglied des Kaders von Avenir Suisse, und Daniel Schafer, CEO von Energie Wasser Bern, über die grössten Herausforderungen in der Energiebranche unterhalten. Der Blick über den Tellerrand zeigt, dass Politik, Wirtschaft und Technologieentwicklungen hier besonders eng verzahnt sind und dass der Ansatz «lokal handeln und europäisch denken» auch für Energie Wasser Bern ein Thema ist.

Energiebranche im Wandel | DiAlog

Urs Meister und Daniel Schafer (rechts), CEO von Energie Wasser Bern, im Gespräch

Daniel Schafer: Als öffentlich-rechtliches Unternehmen stehen wir in einem politischen Spannungsfeld. Politische Vorstösse führen zu medialem Druck und zu Eingriffen ins operative Geschäft. Zudem wirken sich die tiefen Strommarktpreise negativ auf unseren Cashflow aus, da die Gestehungskosten für den selbst produzierten Strom heute teilweise höher sind als die Marktpreise. Dazu kommt, dass sich mit der Pumpspeicherung heute nicht mehr die früheren, schönen Gewinne generieren lassen.

Urs Meister: Dieses politisch-wirtschaftliche Spannungsfeld bewegt die ganze Branche. Erst langsam werden sich die Eigentümer, sprich die öffentliche Hand, bewusst, dass die Beteiligungen im Bereich der Energieversorgung hohe Risiken bergen. Würden sich Kantone wie private Investoren verhalten, würden sie ihr Beteiligungsportfolio viel bewusster bewirtschaften und etwa auf Diversifizierung setzen, um die Risiken besser abzufedern. Das gilt umso mehr, als dass die Unwägbarkeiten bei Kraftwerksinvestitionen hoch sind: Aufgrund des extrem zyklischen Geschäfts sinken die Preise bei Überkapazität massiv, während sie bei Unterkapazität entsprechend hochschnellen. Zu den Besonderheiten der Energiebranche gehört auch, dass sie bislang stark von Politikern und Ingenieuren und weniger von Ökonomen gesteuert wird. Besonders in den Jahren vor der Liberalisierung hat das dazu geführt, dass eher überinvestiert wurde.

Daniel Schafer: Erschwerend kommt hinzu, dass die Politik eine lokale Stromversorgung will. Unter anderem deshalb haben wir die Energiezentrale Forsthaus so gross gebaut. Dabei ist der funktionierende, europäische Strommarkt eine Realität, was die Stromversorgung von einer lokalen, längst zu einer europäischen Geschichte gemacht hat. Eine Botschaft, die noch nicht überall angekommen ist. Das Unverständnis für diese europäische Dimension wird vor allem bei unseren Auslandinvestitionen deutlich. Wir haben in der Vergangenheit viel, aber auch bewusst sehr diversifiziert investiert. Entsprechend legen wir den Fokus heute verstärkt auf den Cashflow beziehungsweise die langfristige Wertgenerierung. 

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen in der Schweizer Energiepolitik?

Urs Meister: In der Gleichzeitigkeit der politisch eingeleiteten Energiewende und der Strommarktliberalisierung. Die zusätzlichen Regulierungen und Förderinstrumente der Energiewende müssten eng mit der Marktöffnung abgestimmt werden. In ihrer heutigen Ausgestaltung verzerren sie stattdessen den Markt beträchtlich. Zudem führt die Liberalisierung zu einer stärkeren Anbindung an die ausländischen Märkte, was aufgrund eines faktischen Imports ausländischer Entwicklungen die Komplexität zusätzlich erhöht.

Daniel Schafer: Ja, das Modell ist nicht mehr so einfach wie früher. Auch Energie Wasser Bern muss lernen, dass die liberalisierte Strommarktwelt anders aussieht als die Welt von gestern. Gleichzeitig ist die Liberalisierung die Basis für die erfolgreiche Strategieumsetzung, weil sie den Kunden eine Wahlmöglichkeit bietet. Die Marktöffnung wird uns aber auch dazu zwingen, uns anders aufzustellen, um ausserhalb der sehr komplexen Anforderungen der stark regulierten Netze Gewinne zu generieren.

Andere Länder haben die Strommarktliberalisierung bereits umgesetzt – so auch Deutschland. Was kann die Schweiz von Deutschland lernen?

Urs Meister: Die Liberalisierung des Strommarkts führte weltweit zu Effizienzgewinnen. Deutschland ist aber ein Spezialfall, da die Vorteile der Marktöffnung durch eine besonders einschneidende Energiewende abgeschwächt werden. Der grosse Anteil an subventioniertem Strom führt zu einem enormen Preisdruck im Grosshandel. Umgekehrt steigen bei den Endverbrauchern die Gebühren für die Förderung erneuerbarer Energien über den Energietarif hinaus. Deshalb wird in Deutschland zurzeit auch intensiv darüber diskutiert, wie die kostendeckende Einspeisevergütung sinnvoll in den liberalisierten Markt integriert werden kann. Diesbezüglich sollte die Schweiz von Deutschland lernen.

Daniel Schafer: In Deutschland macht der Preis für den Strom nur rund 25 Prozent des Gesamtpreises aus. Der Rest sind Steuern, Abgaben, Netznutzungsentgelte etc. Damit wird der effektive Spielraum für den Endkunden verschwindend klein. Deshalb vermittelt und verkauft Energie Wasser Bern den Kunden den ökologischen Mehrwert von Ökostrom. Es darf nicht sein, dass die erneuerbare Energie zum Subventionsthema degradiert wird. Der Ökostrom ist wertvoller als das.

Urs Meister: Strom ist ein homogenes Gut. Ob mein Fernseher mit Grau- oder Ökostrom läuft, ist weder sichtbar noch für dessen Betrieb relevant. Ich zweifle daran, dass bei den Verbrauchern eine ausreichend höhere Zahlungsbereitschaft rein übers Marketing erreicht werden kann. Gerade energieintensive Produktionsbetriebe sind sehr preissensitiv. Deshalb muss sich der Mehrwert der erneuerbaren Energien im Preis abbilden. Dies kann etwa mit CO2-Zertifikaten erreicht werden, die emissionsintensive Kraftwerke entsprechend teurer machen.

Daniel Schafer: Eine Bestrafung von CO2-Emissionen ist sicher eine gute, unterstützende Massnahme. Aber nur dann, wenn in der Grösse von europäischen Energiemärkten gedacht wird. Zudem setzen wir hier auf unsere hohe Glaubwürdigkeit als städtisches Energieversorgungsunternehmen, welches sich schon seit Jahren konsequent für erneuerbare Energien einsetzt.

Was braucht es, damit die ökologische Vernunft über wirtschaftliche Überlegungen siegt? Ist die Energiewende gesellschaftlich zu schaffen?

Urs Meister: Die Energiewende wird anders aussehen, als sich das viele Politiker vorstellen. Fossile Energien werden noch länger unverzichtbar sein. Zudem benötigt der Prozess mehr Zeit. Je schneller die Energiewende politisch vorangetrieben wird, desto teurer wird sie. Räumt man dem Wandel mehr Zeit ein, können heute noch unterentwickelte oder gar unbekannte Technologien eine grössere Rolle spielen. Auch die notwendigen Netzanpassungen brauchen Zeit und sind deutlich günstiger, wenn sie nach Ablauf der Lebensdauer der bestehenden Infrastruktur getätigt werden.

Daniel Schafer: In den letzten 100 Jahren haben sich Produktionsstandorte und Netzinfrastruktur organisch den Bedürfnissen angepasst. Aufgrund neuer Produktionstechnologien und Lastprofilen ist es mit diesem organischen Infrastrukturwachstum nun aber vorbei. Natürlich muss man mit der Wertvernichtung aufpassen. Andererseits sind klare politische Entscheide aber auch Nährboden für neue Entwicklungen. Eine Stromlücke ist kaum zu erwarten, da der Konsum automatisch über den Marktpreis gesteuert wird. Bei all diesen Betrachtungen beruhigt es mich allerdings, zu wissen, dass Energie Wasser Bern nicht alle Probleme für Europa lösen muss. Die Konzentration auf die Vorteile des Querverbunds und die lokale Verankerung helfen uns hier losgelöst von Europa.

Welche Auswirkungen hat die europäische Energiepolitik auf die Schweiz?

Urs Meister: Sie führt zu einem abnehmenden Gestaltungsspielraum in der Schweizer Energiepolitik. Diese war früher eine kantonale und dann eine nationale Angelegenheit, heute ist sie europäisch und zudem stark mit der Klimapolitik verknüpft. Das illustriert der Einfluss des CO2-Zertifikatehandels: Schweizer Kern- und Wasserkraftwerke würden von einer EU-Klimapolitik mit hohen Zertifikats- und damit hohen Strommarktpreisen profitieren. Die wachsende direkte Förderung erneuerbarer Energien wie Wind oder Fotovoltaik senkt dagegen die Grosshandelspreise und gleichzeitig die Attraktivität des Schweizer Produktionsportfolios.

Daniel Schafer: Diesen Aspekt spürt Energie Wasser Bern vor allem auf den internationalen Handelsplattformen. Hier unterliegen wir heute den Effekten der europäischen Strommarktpreise, ohne dass wir davon profitieren können. Das bedeutet beispielsweise, dass günstiger Solarstrom kaum so importiert werden kann, dass es sich lohnt, damit die Speicherseen zu füllen. Treibt Europa den Netzausbau im süddeutschen Raum voran, gäbe es keine Gründe für die preistreibenden Grenzkapazitätssteigerungen mehr. Und die Schweizer Stauseen könnten als «Batterie Europas» mit CO2-neutraler, erneuerbarer Bandenergie das europäische Netz stabilisieren helfen.

In der Telekommunikation hat die Liberalisierung bereits stattgefunden. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Strommarktliberalisierung gewinnen?

Urs Meister: Die Telekomliberalisierung war ein langwieriger Prozess. Siehe den Streit um die letzte Meile. Der Wettbewerb etablierte sich nur langsam und wenig ausgeprägt. Für eine wirkungsvolle Strommarktliberalisierung bräuchte es eine rasche, vollständige Marktöffnung. Die verzerrende Zweiteilung des Marktes, mit der Preisregulierung in der Grundversorgung, sollte rasch aufgehoben werden. Ein wichtiger Unterschied zwischen Telekom und Strom liegt zudem im grenzüberschreitenden Wettbewerb: So könnten beim Strom internationale Player viel leichter auf den Schweizer Markt drängen.

Daniel Schafer: Die Strommarktliberalisierung stellt uns vor die Wahl, ob wir als regulierter Netzbetreiber oder als aktiver Player am Markt auftreten wollen. Letzteres verlangt, dass wir gute Dienstleistungen anbieten und neue Geschäftsfelder aufbauen. Heute beziehen 10 Prozent unserer Kunden 50 Prozent der abgesetzten Energie. Mit der Liberalisierung müssen wir für die restlichen 90 Prozent der Kunden die anderen 50 Prozent der Energie attraktiv behalten können. Dies führt auch zu neuen Anforderungen an die Administration. Gewinnen wird hier, wer als Gesamtenergiespezialist die benutzerfreundlichsten Kundenlösungen anbietet.

Dieses Interview erschien im Oktober 2013 in «DiALOG», der Mitarbeiter-
zeitschrift von Energie Wasser Bern, unter dem Titel «Branche im Wandel».

Mit freundlicher Genehmigung von Energie Wasser Bern.