Urs Meister von der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse legt im Interview dar, weshalb die vom Bundesrat initiierte Energiewende länger dauern kann als angenommen und wieso die Kräfte des Marktes wirkungsvoller sind als politische Vorgaben.Die Energiestrategie 2050 des Bundes hat in der Vernehmlassung nur bedingt Anklang gefunden. Ihre Erklärung dafür?

Der Bund hat einen sehr breiten Massnahmenplan vorgelegt, der viele Interessen befriedigt, aber auch bei vielen Akteuren auf Widerstand stösst. Ein kohärentes Programm ist aus meiner Sicht noch nicht erkennbar. Die Auswahlsendung muss nun nach der Vernehmlassung geschärft und vor allem gestrafft werden, damit sie den Namen Strategie auch verdient.

Aber die Energiewende ist unausweichlich?

Eine Umkehr wird es kaum geben, es braucht aber mehr Realismus in der Energiepolitik. Ohne Zweifel spielen erneuerbare Energien eine zunehmend wichtigere Rolle – auch in einem freien Markt ohne staatliche Subventionen. Klar ist zudem, dass es auf absehbare Zeit politisch und wirtschaftlich schwierig ist, neue Kernkraftwerke zu bauen. Die beschlossene Energiewende wird aber länger dauern, als dies der Politik lieb sein mag, und sie wird auch anders aussehen als bisher gedacht. Gewisse Technologien oder Energieträger werden eine wichtigere Rolle spielen als von der Politik vermutet, ich denke vor allem an Erdgas.

Stichwort Technologie: Diese wird zwar ständig effizienter, aber die Gesellschaft braucht deswegen nicht weniger Energie. Dennoch fordert die Politik mehr Energieeffizienz.

Es ist nicht sinnvoll, das Thema Effizienz politisch oder administrativ zu bewirtschaften und von oben nach unten zu steuern. Effizienz muss das Resultat von Marktkräften sein – und die Verbraucher haben durchaus ein Interesse daran. Das zeigen auch die grossen Fortschritte, die auf dem Gebiet der Energieeffizienz in den letzten Jahren gemacht wurden; beispielsweise Produktionsanlagen oder Geräte, die mit weniger Energie eine bessere Leistung bringen. Wenn die Preise entsprechende Signale geben, wenn also Energie knapp und teuer wird, dann bekommen auch die Effizienzbemühungen einen weiteren Schub.

Effizienz sei gut, Suffizienz – also generell weniger tun und damit weniger Energie zu verbrauchen – sei besser, heisst es.

Konsumverzicht und eingeschränkter Komfort sind keine mehrheitsfähigen Optionen und auch ökonomisch nicht sinnvoll. Zudem steht noch nicht fest, ob wir in zwanzig Jahren wirklich zu wenig Energie haben – wir dürfen den technologischen Fortschritt nicht ausblenden. Ich sehe vielmehr eine andere Tendenz: Wir werden Energie vermehrt dann konsumieren, wenn sie ausreichend vorhandenist, und dann einsparen, wenn es zu wenig davon hat. Dies ist ein Paradigmenwechsel: Künftig wird sich nicht mehr das Angebot am Verbrauch orientieren, sondern der Verbrauch viel stärker am Angebot. Beim Strom etwa wird die intelligente Lastverschiebung wichtiger als die blosse Verbrauchsreduktion.

Der Bund plädiert beim Netzausbau für intelligente Netze. Was können Smart Grids leisten?

Wenn sich – wie erwähnt – die Nachfrage stärker am Angebot orientieren soll, dann sind Smart Grids ein zentrales Element für die Steuerung des Systems: Die Kunden müssen befähigt werden, sich stärker auf den Markt auszurichten. Beim Gewerbe und bei den KMU gibt es durchaus gewisse Möglichkeiten, um Lastverschiebungen vorzunehmen, vor allem im Wärme-/Kältebereich. Sie könnten also dann profitieren, wenn die Strompreise tief sind. Bisher haben wir in der Schweiz aber nur einen halb geöffneten Strommarkt. Modelle mit variablen, marktorientierten Preisen – also einem Smart Pricing – können deshalb nur bedingt umgesetzt werden.

Unstete Energieformen wie Wind und Sonne bedingen grosse Speichermöglichkeiten. Sie setzen beim Geschäft mit den Pumpspeicherkraftwerken Fragezeichen.

Durch zusätzliche Photovoltaikanlagen und flexible Gaskraftwerke sind die täglichen Preisspitzen, von denen die Pumpspeicherung bisher profitierte, eingeebnet worden. Speichertechnologien könnten längerfristig womöglich vor allem dann attraktiv sein, wenn sie eher geringe Fixkosten aufweisen und sich stärker für eine saisonale Speicherung eignen. Wichtig werden vermutlich auch kleinere, dezentrale Speicher: Sie dienen der Stabilität im Verteilnetz und könnten punktuell eine Alternative zum Netzausbau darstellen.

Der Bundesrat setzt beim Atomausstieg stark auf erneuerbare Energien. Sie plädieren für eine Diversifikation bei der Energieproduktion. Weshalb?

Die Politik steuert über das zentrale Instrument der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), welche Technologien gefördert werden. Unter Berücksichtigung der Potenzialschätzungen dürfte künftig vor allem die Photovoltaik von der KEV profitieren. Dabei haben wir schon heute das Problem, dass unsere Nachbarländer zeitweise zu viel Sonnenstrom ins Netz einspeisen und diesen exportieren müssen. Der so produzierte Strom hat also zu wenig Wert. Sinnvoller wäre es, wenn der Ausbau der erneuerbaren Technologien stärker dem Markt folgen würde. Dann würden auch keine Überschüsse produziert.

Erneuerbare Energien sind im Trend. Sie hingegen sagen, dass das Zeitalter der fossilen Energien noch nicht zu Ende ist.

Ich habe das Erdgas eingangs bereits erwähnt. Die Bedeutung dieses Energieträgers wird in den nächsten Jahren noch zunehmen: Gaskraftwerke sind flexibel einsetzbar, sie haben relative tiefe Kapitalkosten, und sie sind komplementär zu erneuerbaren Energien. Wenn dabei das Gas die Kohle verdrängt, sind das auch gute Neuigkeiten für die Klimapolitik. Diese Entwicklung lässt sich im Moment etwa in den USA beobachten.

Dieser Artikel erschien im «Central», Entscheidermagazin der CKW, vom Mai 2013.