Arbeit schafft Lebensgrundlage. Sie ermöglicht gesellschaftliche Partizipation, stiftet sozialen Frieden und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Integration. Die Realität sieht in Frankreich – das europäische Land, das mir aufgrund meiner französischen Muttersprache und meiner Schulaustausch-Zeit am Nächsten liegt – aber ganz anders aus. Die Arbeitslosigkeit ist hoch[1], insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit. Sie lag im Jahr 2016 bei horrenden 24.6 %[2]. Das ist dramatisch.

Ein Leben auf Sparflamme bereits in jungen Jahren: Muss das sein? Und was lässt sich dagegen tun? Die Probleme sind vielschichtig. Entscheidend sind aber der unflexible Arbeitsmarkt und das alte Bildungssystem.

Die rigide Arbeitsmarktregulierung ist ein Problem

Zum Ersten: Der französische Arbeitsmarkt gilt weltweit als einer der unflexibelsten[3]. Die Ratslinke hat zusammen mit den Gewerkschaften lange für eine «stabilité de l’emploi» gekämpft. Nicht nur konnten sie einen hohen Mindestlohn durchsetzen[4], sondern auch einen langen Kündigungsschutz. Dieser schützt heute vor allem die älteren Arbeitnehmenden. Entlassungen sind nur aus juristisch strikt festgelegten Gründen möglich. Dies ist mithin ein Grund, weshalb Berufsneulinge oder junge Menschen mit einer schlechten Ausbildung jahrelang in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen gehalten werden (sog. «Contrat à durée déterminée»)[5]. Einen Mittelweg gibt es derzeit nicht, was – gelinde gesagt – einem Skandal gleichkommt. Denn zum einen ist es längst wissenschaftlich[6] erwiesen, dass rigide Arbeitsmarktregulierungen das Beschäftigungsniveau sinken lassen und tief halten, zum anderen scheint der politische Wille bis heute nicht wirklich vorhanden zu sein, diesem sozial bitteren Phänomen entschieden entgegenzutreten.

Angefangen hat es aber gut. Bemühungen, um die engen Arbeitsmarktgesetze aufzulockern und längere Arbeitszeiten als 35 Stunden pro Woche zu ermöglichen, waren bereits vor über zehn Jahren vorhanden. 2004 hat der frühere Präsident Frankreichs Jacques Chirac mit den Worten «Soyez en initiative. 2004 doit être une année de résultats»[7] das Land zu einem verschärften Reformkurs aufgefordert. Auch Nicolas Sarkozy hat mehrere Reformmassnahmen zur systematischen Deregulierung des arg verkrusteten Arbeitsmarktes vorgeschlagen. Nach wochenlangen Protesten der Gewerkschaften blieb es am Schluss aber nur bei kleineren materiellen Konzessionen[8]. Der Vorgänger des ehemaligen Präsidenten Francois Hollande verharrte lange in Lethargie. Erst gegen Schluss seiner Amtsperiode verabschiedete er eine – zumindest in Ansätzen liberal anmutende[9] – Arbeitsmarktreform, die die Betriebe in Frankreich wieder wettbewerbsfähiger machen und so Jobs schaffen sollte.

Liberale Trendwende in Sicht?

Der neue Präsident Macron knüpft daran an: er hat sich als «Candidat du travail»[10] vorgestellt und eine Arbeitsrechtsreform angekündigt, die «einen liberalisierten Arbeitsmarkt mit einem besseren Sozialschutz zu kombinieren versucht»[11]. Ob es ihm gelingen wird, das Ruder herumzureissen, muss sich noch weisen. Vorgeschlagen sind bisher Massnahmen wie die Umgehung der 35-Stundenwoche via Absprache mit den Sozialpartnern oder betriebsinternen Abstimmungen und die Plafonierung von Abgangsentschädigungen entlassener Arbeitnehmer[12]. Ausserdem sollen Arbeitslose nur noch zwei Jobangebote zurückweisen können[13]. Es bleibt zu hoffen, dass ihm diese liberale Trendwende gelingen wird, denn der gewerkschaftliche Widerstand hat sich bereits formiert[14].

Zu schwache Stellung der Berufslehre

Zur Bildung: Sie ist ein weiterer Knackpunkt in der französischen Politik und mit oberem Problem eng verknüpft. Die meisten bildungspolitischen Entscheide werden in Paris getroffen. Entsprechend ist Bildungspolitik durch einen hohen Grad an staatlicher Zentralisierung und Einheitlichkeit gekennzeichnet. Verändert hat sich in den letzten Jahren nicht viel, obwohl hie und da Verbesserungen in den  Strukturen des Bildungswesens zu beobachten waren[15]. Insgesamt aber sind nach wie vor zwei Probleme vorherrschend: eine merkliche Selektion nach sozialer und kultureller Herkunft[16] und viele Schulabbrecher[17]. Diese und andere Faktoren führen zu einer hohen Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen.

Die Berufslehre hat in Frankreich einen schweren Stand. (Bild: Fotolia)

Insgesamt aber erstaunlich ist, dass viele Schülerinnen und Schüler die Schule mit dem «Baccalaureat», was hier der Matura entspricht, abschliessen. Die Erfolgsrate im Juni 2017 betrug 87.9%[18]. Ich erachte diese Zahl für zu hoch. Dabei irritiert mich nicht in erster Linie der hohe Prozentsatz; vielmehr beunruhigen mich die Hintergründe, die die Schüler bewegen, sich für eine tertiäre Ausbildung zu entscheiden.  Denn in Frankreich – anders als in der Schweiz mit ihrem etablierten dualen Ausbildungssystem –  hat die Lehre weiterhin einen schweren Stand[19]. Es hält sich landauf landab das Ammenmärchen, dass überwiegend diejenigen eine Lehre absolvieren, die keinen oder nur einen bescheidenen Schulabschluss vorweisen können. Beklagenswert ist ferner, dass laut einer Studie aufgrund der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage immer mehr Studierende den Weg der «apprentisage» bestreiten, was die prekären Berufsperspektiven der ungenügend Ausgebildeten noch weiter akzentuiert[20].

Zwar haben europäische Staats- und Regierungschefs im Jahre 2013 mehrere Milliarden Euro für Aus- und Weiterbildungsprogramme bewilligt[21], deren Kernstück eine «garantie pour la jeunesse»[22] ist. Konkret wurde folgendes Ziel vermittelt: «de veiller à ce que tous les jeunes âgés de moins de 25 ans puissent bénéficier d’une offre d’emploi de qualité, d’une formation continue, d’un apprentissage, ou d’un stage»[23]. Viel effektiver und vor allem zielführender als staatliche Programme aus Brüssel[24] wären hingegen wirkungsvolle Massnahmen der jeweiligen nationalen Regierungen. Doch es wird meistens nur versucht, die Symptome zu bekämpfen,  statt die Probleme an der Wurzel zu packen.

Massnahmen gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit

Was könnte also getan werden? Im Glauben daran, dass Bildung und Arbeit eng miteinander verknüpft sind, sollte eine integrative Lösung angestrebt werden, nach der Devise: eine kluge Bildungspolitik ist die beste Arbeitsmarktpolitik. Dieser Grund- und Leitsatz wird mit dem dualen Ausbildungssystem in der Schweiz vorbildlich umgesetzt[25]. Die Schweizer Erfolgsgeschichte in Sachen tiefer Jugendarbeitslosigkeit gründet fundamental im hiesigen Ausbildungssystem, dessen Früchte bis heute eingefahren werden[26]. Unser Land besitzt  viele wettbewerbsfähige Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen und deshalb ein hohes Interesse an qualifizierten Arbeitskräften haben. Auch die «Grande Nation» wäre im Stande, ein entsprechendes Äquivalent auf die Beine zu stellen. Dafür braucht es einerseits politischen Willen, andererseits aber auch zusätzlichen Effort aus der Privatwirtschaft. Einerseits muss die Politik über die Bücher gehen und Deregulierungen im Arbeitsmarktbereich vorantreiben, andererseits muss aber auch die Privatwirtschaft Verantwortung übernehmen. Im eher zentralistisch geführten Frankreich liegt die Bildung in den Händen des Staates. Unternehmen beteiligen sich hier nur insofern, als dass sie seit 1925 eine Ausbildungsabgabe zahlen[27]. Das muss sich ändern. Wer sich junge Menschen wünscht, die exzellent ausgebildet und sofort im Beruf einsetzbar sind, muss auch etwas tun. Das bedeutet, dass die Privatwirtschaft sich in die Konzeption der Ausbildung in Frankreich verstärkt einbinden soll. Eine solche Zusammenarbeit würde sicherstellen, dass der Übergang von der Schule bzw. vom Studium in den Beruf viel einfacher zu bewältigen wäre.

Um zu schliessen: Ein Umbau des Arbeitsmarktes und der Bildungspolitik ist kein Kinderspiel. Die beiden früheren französischen Präsidenten sind daran gescheitert und mussten je nach einer Amtszeit gehen. Es bleibt zu hoffen, dass die französische Politik erkennt, dass Wissen und Können der Schlüssel zum Fortschritt sind. Sie garantieren Arbeit, ermöglichen damit gleichmässigere Teilhabe am Wohlstand in einem Land, stellen mithin einen erfolgreichen Umgang mit technologischem Wandel sicher und bieten deshalb das für die jungen Menschen so wichtige Handwerk, im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Im Wissen darum sind Massnahmen zu treffen, welche die Arbeitslosigkeit insgesamt, aber im Besonderen die Jugendarbeitslosigkeit, beherzt angehen.


[1]   Noch immer sind rund 10% der Franzosen arbeitslos. Siehe hierfür: NZZ Online, abrufbar unter: <https://www.nzz.ch/wirtschaft/macrons-wahlversprechen-was-bringt-die-arbeitsmarktreform-in-frankreich-ld.1306030>.

[2]   OECD Data Statistik, abrufbar unter: <https://data.oecd.org/unemp/youth-unemployment-rate.htm>.

[3]   Vgl. die Studie der Bertelsmann Stiftung vom Jahre 2016 zur Durchlässigkeit europäischer Arbeitsmärkte, S. 41, abrufbar unter: <https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/DurchlaessigleitArbeitsm_2016_ONLINE_final.pdf>; OECD Grafik, abrufbar unter: <http://www.oecd.org/els/emp/employmentdatabase-labourmarketpoliciesandinstitutions.htm>. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist zudem, dass das französische Arbeitsgesetz, der «Code du Travail», 3000 Seiten umfasst. Zum Vergleich: Das Schweizer Arbeitsgesetz ist 32 Seiten dünn. Siehe hierfür: SRF Online, abrufbar unter <https://www.srf.ch/news/wirtschaft/abschottung-oder-reformen-zwei-rezepte-fuer-den-arbeitsmarkt>.

[4]   Der Mindestlohn in Frankreich beträgt seit dem 1. Januar 2017 EUR 9.76 pro Stunde, was bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 35 Stunden einem Monatslohn von EUR 1480.27 entspricht. Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es keinen Mindestlohn. Siehe zur Entwicklung des Mindestlohnes in Frankreich die laufend geführte Tabelle des französischen Statistikamtes INSEE, abrufbar unter: <https://www.insee.fr/fr/statistiques/1375188>.

[5]   „Fast 70 % der Neuverträge laufen nach Angaben des Arbeitsmarkt-Instituts Dares Ende 2016 kürzer als einen Monat. Und nur 14 Prozent der Neuverträge sind unbefristet.“ Vgl. hierfür: SRF Online, abrufbar unter: <https://www.srf.ch/news/wirtschaft/abschottung-oder-reformen-zwei-rezepte-fuer-den-arbeitsmarkt>.

[6]   Botero et al., The Regulation of Labor, Q J Econ 2004, 119 (4), abrufbar unter: <https://academic.oup.com/qje/article-abstract/119/4/1339/1851075/The-Regulation-of-Labor>.

[7]   Le Monde Online, abrufbar unter: http://www.lemonde.fr/economie/article/2004/05/03/le-message-de-jacques-chirac-au-gouvernement-2004-doit-etre-une-annee-de-resultats_363430_3234.html>.

[8]   Felix Syrovatka, Die Reformpolitik Frankreichs in der Krise, Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik vor dem Hintergrund europäischer Krisenbearbeitung, S. 124 ff.

[9]   Tagesschau Online, abrufbar unter: <https://www.tagesschau.de/ausland/arbeitsmarktreform-frankreich-101.html>.

[10]   France 24 Online, abrufbar unter: <http://www.france24.com/fr/20161210-france-election-presidentielle-2017-emmanuel-macron-candidat-travail-bouclier-social>.

[11]   Aargauer Zeitung Online, abrufbar unter: <https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/macron-setzt-auf-das-skandinavische-modell-arbeitsmarkt-liberalisieren-sozialschutz-verbessern-131307248>.

[12]   NZZ Online, abrufbar unter: <https://www.nzz.ch/wirtschaft/macrons-wahlversprechen-was-bringt-die-arbeitsmarktreform-in-frankreich-ld.1306030>.

[13]   FAZ Online, abrufbar unter: <http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nach-wahl-sieg-so-will-emmanuel-macron-frankreich-reformieren-15005236.html>.

[14]   NZZ Online, abrufbar unter: <https://www.nzz.ch/wirtschaft/macrons-wahlversprechen-was-bringt-die-arbeitsmarktreform-in-frankreich-ld.1306030>.

[15]   Lauer spricht von einer „Politik der kleinen Schritte, die auf die stufenweise Verbesserung der Strukturen des Bildungswesens, aber auch auf eine Anpassung des Bildungsangebots an die neuen Bedürfnisse abzielt.“ Zum Ganzen siehe: Lauer, Bildungspolitik in Frankreich, 2003, abrufbar unter: <ftp://ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp0343.pdf>.

[16]   SRF Online, abrufbar unter: <http://www.srf.ch/news/international/frankreichs-junge-in-der-armutsfalle>.

[17]   Weber, Das französische Bildungssystem: Gleichmacherei und Ungleichheiten, S. 2 ff., abrufbar unter: <http://library.fes.de/pdf-files/bueros/paris/04166.pdf>. Vgl. ferner: Spiegel Online, abrufbar unter: <http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/baccalaureat-bac-in-frankreich-der-abi-wahnsinn-a-1039352.html>.

[18]   Ministère de l’éducation nationale Online, abrufbar unter: <http://www.education.gouv.fr/cid56455/le-baccalaureat-2016-session-de-juin.html>.

[19]   Vgl. für einen historischen Abriss hierzu: Gonon, Ist das duale Berufsbildungssystem ein Zukunftsmodell?, in: Künzli/Maag, Zukunft Bildung Schweiz: Akten der Fachtagung vom 21. April 2010, Bern: Akademien der Wissenschaften Schweiz, S. 109 ff., abrufbar unter: <http://www.zora.uzh.ch/50108/1/Gonon-Ist_das_duale_Berufsbildungssystem_ein_Zukunftsmodell.pdf>.

[20]   Le Monde Online, abrufbar unter: <http://www.lemonde.fr/campus/article/2015/01/13/l-apprentissage-profite-surtout-aux-etudiants-du-superieur_4554658_4401467.html>. Vgl. ferner: Cahuc/Ferraci, L’apprentissage au service de l’emploi, Les notes du conseil d’analyse économique, n° 19, 2014, abrufbar unter: <http://www.cae-eco.fr/L-apprentissage-au-service-de-l-emploi.html>.

[21]   Vgl. zum Ganzen: Official Journal of the European Union, Council Recommendation of 22 April 2013 on establishing a Youth Guarantee, abrufbar unter: <http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/PDF/?uri=CELEX:32013H0426(01)&from=EN>.

[22]   European Commission Online, abrufbar unter: <http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1161&intPageId=3335&langId=en>.

[23]   Commission Européenne Online, abrufbar unter: <http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1079&langId=fr>.

[24]   Der Semester Country Report 2017 für Frankreich bescheinigt dem Programm durchwachsene Resultate. Siehe: Commission Européenne, Document de travail des services de la commission, rapport 2017 pour la France comprenant un bilan approfondi des mesures de prévention et de correction des déséquilibres macroéconomiques, abrufbar unter: <https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/2017-european-semester-country-report-france-fr.pdf>.

[25]   Zu den Vorteilen der dualen Ausbildung siehe: Meyer, Die duale Berufsbildung als Erfolgsmodell – auch in der Wissensgesellschaft?, in: Schweizer Arbeitgeber 9, 2008, S. 36 f., abrufbar unter: <https://edudoc.ch/record/31027/files/5480da.pdf>.

[26]   NZZ Online, abrufbar unter: <https://www.nzz.ch/meinung/debatte/duale-berufsbildung-als-exportschlager-1.18636140>.

[27]   Siehe umfassend zur Ausbildungsabgabe: Ministre de L’éducation nationale Online, abrufbar unter: <http://www.education.gouv.fr/cid2484/taxe-d-apprentissage.html>.