Man sah ihn zuerst, dann hörte man ihn. Über 190 Zentimeter, eine stattliche Präsenz, dazu die sonore Stimme, unverwechselbar vom Thurgauer Dialekt gefärbt: Patrik Schellenbauer war in keinem Saal zu übersehen und auf keinem Podium zu überhören. Wer ihn kannte, kannte auch die Zigaretten und seine Gewohnheit, zu sagen, was er dachte, bestimmt, aber mit Stil. In der Schweiz hält man sich seine Meinung gerne etwas offen. Patrik tat das nicht.
Das öffentliche Bild war das des Ökonomen, den man einen «Neoliberalen» nannte, wenn man es kurz machen wollte. Doch der Kern seines Arbeitens bestand darin, Fragen zu stellen, die noch niemand gestellt hatte, und sie dann zu beantworten – mit Daten, wo zuvor nur Meinungen geherrscht hatten. Und er verstand es, Institutionen mitzunehmen, die ihm zunächst nicht folgen wollten.
Aufgewachsen in Horn am Bodensee, Kantonsschule in Romanshorn, hatte sich Patrik Schellenbauer, Jahrgang 1963, nach der Matura für ein Geschichtsstudium in Bern entschieden. Dort merkte er bald, dass er kein Mann für die Archive war. Er wechselte zur Ökonomie und blieb Volkswirt, mit Leidenschaft, nicht bloss von Berufs wegen. Als die Berliner Mauer fiel, stand sein Liberalismus schon fest; den Anschauungsunterricht brauchte er nicht mehr.
Am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich schrieb er bei Heidi Schelbert seine Dissertation. Die Arbeit ist noch heute lesenswert, und ihr Gegenstand sagt einiges über den Autor: Patrik Schellenbauer schätzte darin den monetären Wert der Haushaltsarbeit und untersuchte ihre Aufteilung in der Familie. Er mass also dort, wo man sich lange mit Konventionen begnügt hatte. Als Vater von zwei Söhnen kannte er die Trade-offs, die er berechnete, auch von der praktischen Seite.
Von 1996 bis 2008 arbeitete er bei der Zürcher Kantonalbank, zuletzt an leitender Stelle im Financial Engineering. Bei seiner Anstellung erholte sich die Bank gerade von einer beinahe fatalen Immobilienkrise. Sie brauchte dringend neue Ideen. Patrik Schellenbauer führte neue Bewertungsmethoden ein, wirkte an der Entwicklung neuer Produkte mit und schuf für eines der dringendsten Probleme der Jahrtausendwende, den Fluglärm rund um den Flughafen Zürich, eine empirische Grundlage, die bis heute Bestand hat. Sein Talent bestand dabei nicht so sehr darin, Informationen aufzuarbeiten, als vielmehr darin, andere davon zu überzeugen, dass man etwas mit ihnen anfangen sollte. Das war umso bemerkenswerter, als man damals in der Bank Neuerungen zunächst eher auf ihre Gefährlichkeit als auf ihr Potenzial prüfte.
2008 wechselte Patrik Schellenbauer zu Avenir Suisse, der Denkfabrik im Zürich-West-Quartier, und deckte bald eine breite Themenpalette ab: Arbeitsmarkt, Bildung, Sozialpolitik, Wohnungspolitik, Zuwanderung und die Beziehungen zur Europäischen Union. Zu all diesen Themen verantwortete er mehrere Flagship-Publikationen mit vielen innovativen und originellen Vorschlägen.
In Erinnerung bleibt er sicher auch als Störenfried bei der Zelebration grosser Gewissheiten. Für das duale Bildungssystem, das damals wie heute als fast unantastbare nationale Errungenschaft gefeiert wurde, sah er früh Reformbedarf. Und jenen Ökonomen, die stets neue «Externalitäten» der Zuwanderung entdeckten, hielt er nüchtern die Kosten des Alleingangs entgegen. Die Ergebnisse machten ihn nicht überall beliebt. Das war ihm allerdings auch nicht sehr wichtig.
Seine intellektuelle Kreativität bezog Patrik Schellenbauer aus seiner Vielfältigkeit. Hinter der Fassade des rationalen Ökonomen versteckten sich zahlreiche Facetten. So war er ein begabter Bassist und erzählte gerne von der ersten – und zugleich letzten – Deutschlandtournee seiner Band, die sich dadurch auszeichnete, dass beim Publikum zu seinem Leidwesen die Cover am besten ankamen. Seiner Leidenschaft für die Astronomie ging er so ernsthaft nach, dass er sich dafür sogar eine Sternwarte in Sternenberg mietete. Astronomie war eine frühe und treue Leidenschaft, allerdings eine, über die er sich gerne lustig machte. Sie sei ausgesprochen «nerdig» und werde zu unmöglichen Uhrzeiten sowie fast nur von Männern betrieben. Auch einem scharfen Jass war er nie abgeneigt, mit verschmitzter Freude im Gesicht, wenn ihm ein Spiel besonders gut geraten war.
2018 traf ihn ein schwerer gesundheitlicher Schlag mitten im Leben. Dass er ihn damals überlebte, war alles andere als selbstverständlich. Den ganzen Willen, der ihm zur Verfügung stand, warf er in die Rehabilitation. Viele hätten sich mit dem Erreichten schneller abgefunden. Patrik wollte zurück ins Leben. Er war auf diesem langwierigen Weg zurück, als ihn eine unheilbare Krankheit im Alter von 62 Jahren jäh einholte. Viel zu früh, denn eigentlich wäre dies wieder seine Zeit gewesen. Rationale Argumente werden nicht beliebter, nur weil sie gut belegt sind. Für einen, der lieber mit Fakten argumentiert, als sich einer Gewissheit anzuschliessen, gäbe es also viel zu tun. Seine Stimme würde man jetzt gerne wieder hören, privat ebenso wie in der wirtschaftspolitischen Meinungsbildung. Leider ist sie am 18. Juli 2026 für immer verstummt.
Verfasst von Thomas Held, Marco Salvi und Gerhard Schwarz