Fake News! Seit der Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten haben die zwei Schlagworte Bekanntheit erlangt. Unangenehme Schlagzeilen werden von politischen Kräften auf beiden Seiten des Atlantiks als Lügenpresse deklariert und damit aus dem Weg geräumt. Ob hinter den Etikettierungen als Fake News politisches Kalkül steckt oder ob durch eine Meldung tatsächlich Unwahrheiten verbreitet werden, darüber bleibt der Leser oft im Ungewissen oder die Hintergründe werden erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgeklärt.

Problematisch ist zudem, dass Fake News im Zeitalter von Clickbait und Shares viraler sind als wahrheitsgetreue Schlagzeilen und von Usern im Netz rasend schnell verbreitet werden. Diese wissen möglicherweise gar nicht, dass es sich dabei um Falschnachrichten handelt. Hast du bereits einmal den Wahrheitsgehalt einer Nachrichtenmeldung angezweifelt? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dir in deinem Newsfeed bereits ein Artikel mit Fake News erschienen ist. Eine Auswertung der Interaktionen auf Facebook hat gezeigt, dass die Mehrzahl der Likes, Shares oder Kommentare kurz vor den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA durch Falschnachrichten ausgelöst wurden und die Anzahl der Fake News grösser war, als die der wahren Nachrichten. Deshalb ist ein kritisches Augenmass des Lesers nicht nur berechtigt, sondern vielmehr notwendig.

Die Grafik zeigt die Anzahl Interaktionen, also Likes, Shares oder Kommentare auf Facebook mit Stories zu den letzten US Wahlen. Die Anzahl Interaktionen mit Fake News nahm mit der näher rückenden Wahl zu und übertraf die Anzahl Interaktionen mit Mainstream News. Fake News funktionieren nach der Cliffhanger Logik, wonach ein Leser neugierig gemacht wird und auf die Schlagzeile klickt. Das sogenannte Clickbaiting basiert deshalb auf reisserischen und absurden Schlagzeilen und hat zum Ziel, möglichst viele Klicks zu generieren. Somit kommt es, dass Fake News im Endeffekt viraler sind. (Quelle Grafik: Businessinsider)

Fest steht: Das Fake-News-Phänomen bleibt nicht folgenlos, sondern erzeugt Unsicherheit beim Leser. Diese Entwicklung unterminiert die Rolle der Medien auf zwei Arten: Erstens werden Stimmen laut, welche die mediale Unabhängigkeit und Pressefreiheit anzweifeln, obschon diese den Grundbestand einer liberalen Gesellschaft bilden. Ein Resultat davon ist zum Beispiel das neue Netzdurchsetzungsgesetz in Deutschland, wonach Unternehmen auf ihren Webseiten zur Löschung von gesetzeswidrigen Kommentaren verpflichtet sind, sonst droht eine saftige Busse. Zweitens erodiert durch Fake News und die Verwendung des Begriffs «Lügenpresse»  das Vertrauen der Leserschaft in die Medien – auch in die seriösen. Es werden ihnen fehlende Objektivität oder Neutralität sowie einseitige und verzerrende Darstellungsweisen vorgeworfen.

Journalisten müssen also an zwei Fronten kämpfen: Einerseits auf pauschale Fake-News-Vorwürfe rasch reagieren können, andererseits gegen die eigene schwindende Legitimität und abnehmende Glaubwürdigkeit bei den Lesern ankämpfen.

Die scheinbare Macht von Algorithmen

Anders sieht die Situation bei einem relativ neuen Bereich des Journalismus aus: dem Algorithmic Journalism. Während Journalisten und Medienhäuser mit den obengenannten Schwierigkeiten kämpfen, erfreut sich die automatisierte Textgenerierung einer wachsenden Glaubwürdigkeit bei den Lesern. Dabei werden Datenbanken von Algorithmen durchforstet, ausgewertet und die einzelnen Textbausteine zu einem Artikel zusammengefasst.

Es ist gut möglich, dass auch du bereits durch Algorithmen oder Bots generierte Texte gelesen hast. Wetterprognosen, Sportberichte oder Finanz- und Wirtschaftstexte werden meist automatisch und basierend auf Datenbanken verfasst, die Tendenz ist steigend. Gemerkt hast du davon wahrscheinlich nichts, denn eine Studie zur Vergleichbarkeit von algorithmisch generierten Texten und solchen, die von Menschen geschrieben wurden, zeigt deutlich, dass der Leser keinen Unterschied feststellt (Graefe et al. 2016). Sobald der Leser weiss, dass es sich um einen algorithmisch hergestellten Artikel handelt, schreibt er dem Text gar eine höhere Glaubwürdigkeit zu. Gerade weil es sich um einen Text handelt, der vordergründig ohne menschliches Zutun entstanden ist, wird er durch den Leser als vertrauenswürdiger und objektiver eingestuft. Genau jene Eigenschaften also, die den Journalisten im Zuge der aktuellen Fake-News-Debatte zusehends abgesprochen werden.

Die Tendenz zeigt, dass Algorithmen in Zukunft immer häufiger zu den Autoren von Newsartikeln werden. Die Vorteile des Algorithmic Journalism sind nicht zu unterschätzen: Grosse Datenmengen können durch Algorithmen x-fach schneller durchforstet und analysiert werden als durch Journalisten. Zudem können Nachrichten automatisch und rasch an die Bedürfnisse des Lesers angepasst werden: Der Leser in Zürich erhält die Sturmwarnung automatisch für seinen Standort, ebenso derjenige in Bern. Dennoch handelt es sich beim Algorithmic Journalism nicht um den heiligen Gral, denn eine riesige Datenbank als Grundlage bedeutet nicht zwingend, dass ein Artikel ein objektiveres und realiätsgetreues Abbild liefert. Eine Menge an Daten sagt nichts aus über deren Qualität. Die Fehlerquellen sind zahlreich: Daten können etwa falsch sein, falsch erfasst werden oder durch eine fehlende Kontextualisierung die Realität verzerren. Während man sich vorstellen kann, wie ein Journalist arbeitet, bleibt der Algorithmus eine Black Box, dessen Funktionsweise für den Leser intransparent ist. Ausserdem bleibt bei Algorithmen die Frage der Haftbarmachung ungeklärt. Wenn nicht Menschen, sondern Algorithmen Artikel verfassen, wer ist dann dafür verantwortlich? Ist es das Medienhaus oder der Programmierer?

Zudem darf eines nicht vergessen werden: Qualitätsjournalismus beinhaltet viel mehr, als bloss Texte zu generieren. Wichtige Aufgaben bestehen darin, übergreifende Zusammenhänge zu erkennen und zu erklären, sowie Geschehnisse in einen grösseren Kontext einzuordnen. Zusätzlich kommt dem Journalismus insbesondere in den angelsächsischen Ländern eine Watchdog-Funktion zu, indem Entscheidungsträger kontrolliert und wenn nötig kritisiert werden. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen die anfangs genannten Punkte zur Einordnung gegeben sein. Diese zentralen Aufgaben zeichnen guten Journalismus aus und können von Algorithmen (noch) nicht erfüllt werden. Selbst wenn automatisierte Programme bei der Textauswertung die Nase vorn haben, können sie den menschlichen Journalisten nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Abschliessend gilt: Ob von Mensch oder Algorithmus verfasst, ein kritisches Augenmass des Lesers ist wichtig und notwendig für eine funktionierende Demokratie. Purer Datenenthusiasmus ist ebenso fehl am Platz wie pauschale Fake-News-Anschuldigungen an die Adresse sämtlicher Medienhäuser oder Journalisten. Denn darin liegen die beiden Extreme im Umgang mit der entstehenden Unsicherheit aus der Fake-News-Debatte. Letztendlich wird damit bloss die Skandalpresse auf die Spitze getrieben und deren Verbreitung durch Social Media enorm beschleunigt und vervielfacht. Dazwischen befindet sich der kritische Leser, der aufmerksam liest, dabei auf die Quellen eines Artikels achtet und dem Qualitätsjournalismus Vertrauen schenkt.


Studie: Graefe, Andreas, et al. "Readers’ perception of computer-generated news: Credibility, expertise, and readability." Journalism 19.5 (2018): 595-610.


 
Grafik: https://www.businessinsider.de/fake-news-outperformed-real-news-on-facebook-before-us-election-report-2016-11?r=UK&IR=T) (03.09.2018).