Der Gewerbeverband sieht Avenir Suisse in Bildungsfragen auf der falschen Seite. Um dies zu belegen, schreckt er auch vor falschen Behauptungen nicht zurück.

Der Gewerbeverband (SGV) und ihm Zugewandte haben zu einer Breitseite angesetzt. Gemeint sind nicht die «Horror-Mieten auf engstem Raum», die uns zurzeit von allen Plakatwänden herab drohen. Gemeint ist die Verteidigung der Berufslehre, die sich der Gewerbeverband aufs Banner geschrieben hat, da er sie ungerechtfertigt in der Kritik wähnt. Dazu holte Gastkolumnist Rudolf Strahm jüngst den verbalen Zweihänder aus der Waffenkammer. Im Visier hat er die üblichen Verdächtigen, allen voran den streitbaren Geschichtsprofessor Philipp Sarasin, der unumwunden mehr Maturanden fordert; aber auch die Akademien der Wissenschaften.

Der gewerbliche Bannstrahl trifft neuerdings auch die Denkfabrik Avenir Suisse. Gemäss SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler werde jede Studie dazu missbraucht, die «missliebige Berufsbildung anzuschwärzen», zuletzt im vielbeachteten Buch «Der strapazierte Mittelstand ». Strahm seinerseits wirft dem Think- Tank in der Gewerbezeitung vor, die Berufslehre pauschal in Frage zu stellen. Schlimmer noch: Dieser Angriff sei «subtiler» und daher gefährlicher, weil er mit wissenschaftlichen Scheinargumenten aus den eigenen Reihen geführt werde. Hinter der Attacke vermutet er denn auch ein eigentliches Komplott. Die Autoren der Studie «Die Zukunft der Lehre» sieht er als vorgeschobene Lakaien, der Spiritus Rector sei hingegen Ernst Buschor, der schon als Zürcher Erziehungsdirektor als Gegner der Berufslehre aufgefallen sei. Er wirke bis heute als Berater in der «neoliberalen Ideologiefabrik» Avenir Suisse.

Ohne deren Wahrheitsgehalt zu prüfen, werden solche Behauptungen weiter kolportiert, zuletzt vor zwei Wochen in dieser Zeitung in einem Essay des Zuger Bildungsdirektors Stephan Schleiss. Tatsache ist, dass Ernst Buschor von 2005 bis Anfang 2010 in der Programmkommission von Avenir Suisse war. Dieses Gremium ist für die Sicherung der wissenschaftlichen Qualität verantwortlich. Abgesehen davon, dass die fragliche Publikation zur Berufsbildung nicht mehr in seine Amtszeit fiel, liegt die Verantwortung für Avenir- Suisse-Studien bei den Autoren und beim Direktor. Ein Mitglied der Programmkommission kann keinen prägenden Einfluss nehmen. Dass Buschor seither als Berater von Avenir Suisse weiter seine Fäden ziehe, gehört ins’ Reich der Märchen. Zudem gibt es gewiss klügere Argumente zugunsten der Berufslehre, als die Studienautoren der Inkompetenz in Sachen Berufslehre zu bezichtigen, weil sie selbst keine solche durchlaufen haben.

Wer sich die Mühe nimmt, die Publikation zu lesen, wird feststellen, dass sie kein Plädoyer gegen die Berufslehre enthält. Vielmehr unterstreicht Avenir Suisse ihre herausragende Bedeutung. Die Verzahnung mit dem Arbeitsmarkt und ein gewisser Korporatismus haben die Schweiz vor den Problemen bewahrt, unter denen Südeuropa heute so sehr leidet. Dass es gelang, frühere Einwanderer relativ reibungslos zu integrieren, ist ebenfalls zu einem wesentlichen Teil der Institution Berufslehre geschuldet.

Der Schweizer Arbeitsmarkt verändert sich aber derart schnell, dass auch ein bewährtes System angepasst werden muss, um den Erfolg von Morgen zu sichern. Auf Basis dieser lapidaren Erkenntnis versucht die Studie, die Problemfelder und Zielkonflikte zu identifizieren. Angesichts der steigenden Berufsmobilität und der Unvorhersehbarkeit künftiger Entwicklungen erscheint die Spezialisierung in 230 verschiedene Lehrberufe zu hoch. Deshalb wird eine Zusammenlegung von Lehrberufen nach dem Vorbild des Polymechanikers vorgeschlagen. Allgemeinwissen ist in vielen Lehrberufen eher knapp bemessen. So sieht die Hälfte der Lehren keine Fremdsprache vor. Ein höherer Schulanteil steht aber in Konflikt mit dem Anspruch, dass die Lehre für den Betrieb rentieren sollte, denn mehr Zeit in der Berufsschule verkürzt die Zeit im Betrieb. Dass die Lernenden schon in der Lehre produktiv werden, ist gewiss eine Stärke des Systems und verleiht ihm Stabilität. Umgekehrt schränkt ein zu starkes Renditedenken den Spielraum für Reformen ein. Deshalb sollte die Lehre wieder mehr als Zukunftsinvestition denn als kurzfristiges Geschäft begriffen werden.

Höhere Anforderungen

Dass der Gewerbeverband sich für die Berufslehre ins Zeug legt, ist legitim und notwendig. Schliesslich schöpfen viele KMU ihren Nachwuchs überwiegend aus ihren Lernenden. Er kann aber kein Deutungsmonopol in Sachen Berufslehre für sich beanspruchen. Viele Unternehmer sind besorgt, weil geeigneter Nachwuchs ausbleibt, vor allem in den anspruchsvollen technischen Berufen. Schuld daran ist nicht der Zulauf an die Mittelschulen, denn die Maturaquote der jungen Männer ist in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen. Der Grund liegt eher im schleichenden Anstieg der Anforderungen und Erwartungen.

Eine Bildungsinstitution, die sich konstruktiven Reformvorschlägen verschliesst, läuft Gefahr, eines Tages tatsächlich zum Sanierungsfall zu verkommen. Das kann niemand ernsthaft wollen. Genau darum will Avenir Suisse die notwendigen Diskussionen in Gang bringen. Diese dürfen ruhig auch kontrovers sein. Sie sollten aber auf sachlichen Argumenten beruhen, und nicht auf Unterstellungen und Verschwörungstheorien.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Argumente statt Polemik"
in der «Weltwoche» vom 28. Februar 2013.