Neue Förder- bzw. Bohrtechnologien haben die Gasförderung revolutioniert. Bisher kaum (rentabel) nutzbare unkonventionelle Gasvorkommen – wie Coalbed Methan (Gas aus Kohleflözmethan), Tight Gas (aus Lagerstätten mit sehr geringer Durchlässigkeit bzw. dichten Gesteinen) sowie Shale Gas (Schiefergas, aus ebenfalls undurchlässigen Schieferformationen) – spielen eine immer wichtigere Rolle. In den USA, wo der Boom Ende der 1980er-Jahre – auch mit den vom Staat gewährten Steuervorteilen – begann, stammte 2011 bereits die Hälfte des geförderten Gases aus unkonventionellen Vorkommen. 2009 stiegen die USA zum weltweit grössten Gasproduzenten auf. 2011 lag ihr Anteil an der weltweiten Förderung bei 20%, jener Russlands bei 18,5%. Der Boom hat Konsequenzen am Gasmarkt, wo die Preise unter Druck geraten. Mit der wachsenden Produktion fallen vor allem am nordamerikanischen Markt die Preise. Nur begrenzt beeinflusst diese Entwicklung bislang die Märkte in anderen Weltregionen, wo die Gaspreise 2011 zum Teil deutlich über jenen in den USA lagen.‘ Mittel- bis längerfristig wird der Boom dennoch andere Kontinente erfassen. Erstens steigen mit der Preisdisparität die Handelsanreize. In den USA existieren bereits Projekte zum Umbau von Flüssiggas-Terminals, die ursprünglich für den Gasimport auf dem Seeweg erstellt wurden. Statt zur Regasifizierung sollen sie künftig für die Verflüssigung und den Export dienen. Zweitens nimmt mit der steigenden inländischen Produktion der Importbedarf der USA ab, was auf dem weltweiten Markt für Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) die Nachfrage reduziert und für einen preisdämpfenden Effekt sorgt. Drittens existieren auch in anderen Regionen vermutlich riesige unkonventionelle Vorkommen, die sich mit den neuen Technologien rentabel nutzen Lassen. Von weltweit sinkenden LNG-Preisen profitiert auch Europa, obschon dieses einen Grossteil des Gases über Pipelines aus dem Osten importiert. Zwar sind Preise in den Verträgen mit russischen Lieferanten grösstenteils über eine Formel an den Ölpreis gekoppelt; doch nahm in den vergangenen Jahren die Berücksichtigung des Spotmarktpreises in der Formet ein grösseres Gewicht ein. Sollte die Preisschere weiter auseinandergehen, wird Russland gezwungen sein, noch mehr Konzessionen gegenüber den europäischen Abnehmern zu machen.

Dieser Artikel erschien zusammen mit Anliegen einer internationalen und marktlichen Energiestrategie und Potenziale und Kosten erneuerbarer Energien.

Dieser Artikel erschien in «Die Volkswirtschaft» vom November 2012.