Die Nettozuwanderung aus Deutschland erreichte 2008 einen Rekord von über 33 000 Personen. In den vier Jahren seither ging sie um rund 70% zurück. Dafür steigt die Zuwanderung aus Südeuropa.  nettozuwanderung_ch_div_länder_800

Noch vor 2-3 Jahren ging die Angst vor der stetig steigenden deutschen Zuwanderung um. Die 2002 mit der EU vereinbarte Personenfreizügigkeit (PFZ) hatte die Schleusen zwischen der Schweiz und dem teutonischen Nachbarn mit seinen 80 Millionen Einwohnern geöffnet und es schien, als würde die Schweiz von deutschen Zuwanderern überflutet. Umso erstaunlicher, dass die Öffentlichkeit bisher kaum Notiz nahm vom dramatischen Rückgang der deutschen Zuwanderung.

Phasen der deutschen Zuwanderung

Die rote Kurve (s. Abb.1) zeigt die jährliche Nettozuwanderung aus Deutschland (d.h. Zuwanderung minus Abwanderung). In den letzten 20 Jahren durchlief die deutsche Migration mehrere Phasen:

  1. Der Anstieg begann schon 1996, also mehrere Jahre vor Einführung der PFZ, bedingt durch die Dynamik im Arbeitsmarkt (Arbeitslosigkeit in Deutschland, steigendes Wachstum in der Schweiz).
  2. Mit der schrittweisen Einführung der PFZ (2004 Abschaffung Inländervorrang, 2007 Abschaffung Kontingente) erreichte der Wanderungssaldo im 2008 mit über 33 000 Personen einen Höhepunkt.
  3.  In den vier Jahren seit diesem Gipfel sank die Nettozuwanderung aus Deutschland – und zwar genau so schnell, wie sie gestiegen war. Der Kurvenverlauf ist erstaunlich symmetrisch.

Verbesserte Wirtschaftslage in Deutschland

Abbildung 2

Abbildung 2

Zu der sinkenden Nettozuwanderung haben zwei Faktoren beigetragen (s. Abb. 2). Erstens stieg seit 2003 die Zahl der deutschen Rückwanderer aus der Schweiz stetig an (von 6100 in 2003 auf 16500 im 2012). Hauptursache waren jedoch Veränderungen bei der Zuwanderung. Während sich diese 2003-2008 verdreifachte (von 15 000 auf 46 000), halbierte sie sich seitdem beinahe wieder (auf 27 000 im 2012). Ursache dafür ist offenbar vor allem der abnehmende Auswanderungsdruck in Deutschland, denn die Rahmenbedingungen in der Schweiz haben sich in den letzten vier Jahren kaum verändert.

In den letzten Jahren ging in Deutschland die Arbeitslosigkeit deutlich zurück – in den süddeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg liegt sie inzwischen unter 5 Prozent und damit kaum mehr höher als hierzulande. Dank guter Wirtschaftslage steigen in Deutschland inzwischen erstmals seit langem auch wieder die Reallöhne, ein gutes Stellenangebot eröffnet neue Jobperspektiven. Und dies trägt wohl auch zur erhöhten Bereitschaft zur Rückwanderung bei.

Und dieser Trend scheint sich fortzusetzen: Im ersten Halbjahr 2013 lag die deutsche Nettozuwanderung in die Schweiz nochmals niedriger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet läge er 2013 bei ca. 9000 und damit kaum höher als 2002, im Jahr des Beginns der stufenweisen Einführung der Personenfreizügigkeit. Sollte sich diese Tendenz bestätigen, hätte die PFZ in der langen Frist nicht zu einem nachhaltigen Anstieg der Zuwanderung aus Deutschland geführt.

Die Personenfreizügigkeit funktioniert

Während die Nettozuwanderung aus Deutschland zurückging, stieg jene aus den südeuropäischen Krisenländern Portugal, Italien und Spanien an, vor allem seit 2010. So haben die Portugiesen 2012 die Deutschen von Platz eins als grösste Zuwanderungsgruppe verdrängt. Diese Umschichtung dürfte im Schnitt zu einem Rückgang des Qualifikationsniveaus der Zuwanderer führen, denn der Anteil der tertiär ausgebildeten Erwerbstätigen liegt bei den deutschen Einwanderern bei etwa 60%, deutlich höher als bei südeuropäischen Migranten (und auch als bei der einheimischen Bevölkerung).

Trotzdem ist auch die Zuwanderung aus Südeuropa eine Einwanderung in den Arbeitsmarkt, nicht in die Sozialwerke. Die Beschäftigung in der Schweiz nimmt weiter zu und die Arbeitslosigkeit verharrt auf sehr niedrigem Niveau. Dies zeigt, dass die PFZ nach wie vor gut funktioniert: Die Zuwanderung im Rahmen der Personenfreizügigkeit wird primär durch die Nachfrage am Arbeitsmarkt bestimmt. Und sie passt sich erstaunlich schnell an veränderte Rahmenbedingungen an. Genauso wenig, wie die Sorgen um die Teutonisierung der Schweiz rückblickend angebracht waren, genauso wenig gibt es heute Grund zur Panik bezüglich einer massenhaften Armutseinwanderung aus Südeuropa.