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Die wettbewerbsgesteuerte Marktwirtschaft sorgt dafür, dass Produkte und/oder Dienstleistungen verschwinden, wenn sie aus Gründen des Preises oder der Qualität nicht mehr nachgefragt werden. Ebenso verschwinden Unternehmen vom Markt, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Produktionsprozesse und Angebotssortimente laufend den sich ändernden Marktbedingungen und Präferenzen der Kunden anzupassen. Dieser heilsame und wohlstandsfördernde Selektionsmechanismus gilt leider nicht für internationale Bürokratien und Organisationen, weil es hier keine private kaufkraftgestütze  Nachfrage gibt, die über das Angebot entscheidet, wie jüngst wieder zwei Beispiele illustrieren.

Unlängst feierte die in Paris beheimatete OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ihren 50. Geburtstag. Obwohl ihr ursprünglicher Auftrag  mit dem Wiederaufbau von Westeuropa, dem Abbau von Handelsbarrieren und der Wiederherstellung der Währungskonvertibilität eigentlich längst erfüllt ist, lebt sie weiter, indem sie sich laufend neue Aufgaben gab und gibt.

Zuerst mutierte sie von der Zuteilung der Marshall-Hilfsgelder in ein wirtschaftspolitisches Konsultationsgremium der industrialisierten Staaten. Und als ein Grossteil davon sich der EU anschloss und mit der Vergemeinschaftung zahlreicher Politikbereiche viele bisherige Aufgaben der OECD weniger wichtig oder sogar überflüssig wurden, dehnte sie ihren Aktionsbereich ab 1994 geographisch und auch kulturell auf Schwellenländer aus.

Man kann darüber streiten, ob es die OECD als Denkfabrik und Kooperationsplattform neben dem IMF, der Weltbank, der WTO und zahlreichen anderen Spezialorganisationen der UNO überhaupt noch braucht. Hinzu kommt, dass es inzwischen auch viele Hochschulinstitute, private Forschungseinrichtungen und Beratungsgremien gibt, die sozioökonomische Analysen in gleicher Qualität wie die OECD anbieten. Auch die ursprüngliche Klammer der marktwirtschaftlichen Verfasstheit ihrer Mitgliedsländer spielt heute kaum noch eine Rolle, wenn man etwa an die von der Organisation verfolgte Steuerpolitik denkt.

Wenn die OECD bis heute überlebt hat, liegt dies letztlich wohl daran, dass die nationalen Verwaltungen der Mitgliedsländer immer wieder Aktionsfelder finden, wo sich die internationale Koordination gut anhört. Schliesslich macht es sich immer gut, wenn man sich zur Durchsetzung der eigenen Wirtschaftspolitik auf Empfehlungen internationaler Organisationen berufen kann.

Diese Geschichte scheint sich bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung(EBRD) zu wiederholen. 1991 gegründet, um nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den Transformationsprozess in den Ländern Mittel-und Osteuropas hin zur Marktwirtschaft zu unterstützen, sucht die Bank nun fast verzweifelt neue Aufgaben. Denn in der Zwischenzeit haben sich viele dieser Länder der EU angeschlossen und profitieren damit von den Subventionstöpfen der gemeinsamen Agrar-, Struktur und Kohäsionspolitik. So hat sich die Tätigkeit der EBRD immer stärker nach Osten verlagert (Russland, ehemalige GUS-Staaten) und weil dies offenbar immer noch nicht genügt, wird laut darüber nachgedacht, in Zukunft auch in Ägypten, Tunesien und weiteren afrikanischen und arabischen Ländern tätig zu werden. Obwohl es schon die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank gibt, soll sich nun auch noch die EBRD auf diesem Gebiet etablieren.

So wächst der internationale Überbau an zwischenstaatlichen Organisationen aller Art laufend. Zu den nationalen Bürokratien gesellt sich still und leise eine internationale, die sich praktisch jeglicher demokratischer Kontrolle entzieht. Wie schön wäre es doch, wenn es auch auf dieser Ebene einen marktwirtschaftlichen Selektionsmechanismus gäbe.