Ein wichtiger Vorteil der Schweiz im Wettbewerb um Humankapital ist die Mehrsprachigkeit des Landes kombiniert mit einer geographischen Lage an der Schnittstelle dreier grosser Sprachräume. In Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien leben gut 200 Millionen Menschen, die alle eine Schweizer Landessprache sprechen. Diese Nachbarländer bieten ein enormes Reservoir an qualifizierten Arbeitskräften, die relativ leicht zugänglich und integrierbar sind. Während es deutsche Zuwanderer vor allem in die Deutschschweiz zieht, finden sich in der Romandie vorwiegend französische und in der Südschweiz italienische Migranten. Einen solch privilegierten Zugang zu einem grossen Pool gleichsprachiger Arbeitskräfte geniessen in der OECD sonst höchstens noch die angelsächsischen Staaten, nicht jedoch Länder wie die Niederlande oder Dänemark.

Als Nischenplayer zwischen drei grossen Nachbarländern reicht es der Schweiz, sich einen relativ kleinen Teil des «Kuchens» abzuschneiden, um selber zu prosperieren. So entsprechen zum Beispiel die 3000 deutschen Ärzte, die bisher in die Schweiz ausgewandert sind, fast 10% der Schweizer Ärzteschaft, aber nur 1% der 310 000 deutschen Mediziner. Für Deutschland ist diese Verschiebung kaum spürbar, für das schweizerische Gesundheitswesen aber hat sie einen signifikanten Effekt. Grossen Ländern stehen solche Möglichkeiten nicht zur Verfügung. Für Deutschland etwa gäbe es in der Nähe nirgendwo einen Talentpool, der gross genug wäre, um 10% des deutschen Ärztebedarfs zu importieren. Neben diesem quantitativen gibt es auch einen qualitativen Effekt: Ein grosses Reservoir erlaubt auch eine (Selbst-)Selektion der Zuwanderer und somit ein Abschöpfen besonderer Talente.

Dies ist ein erfolgreiches Beispiel für «Judo Economics» – eine Wettbewerbsstrategie, in der der kleinere Spieler sich dank seiner Agilität besser positioniert und die Grösse des schwerfälligen Gegenspielers zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Der Begriff Judo Economics kommt ursprünglich aus der Spieltheorie und beschreibt eine Wettbewerbssituation, in der sich ein Nischenanbieter durch Preiswettbewerb Marktanteile erkämpft, weil der etablierte Gegner die Preise nicht senken kann, ohne die Margen seiner grössere Kundenbasis zu kannibalisieren. Diese Theorie wurde von den Harvard-Wissenschaftlern Yos und Kwak (2001) in dem Buch «Judo Strategy» weiterentwickelt.

Tatsächlich hat die Schweiz in der Vergangenheit ihre Kleinheit wiederholt im Standortwettbewerb um mobile Ressourcen genutzt, wie etwa beim Steuerwettbewerb um Unternehmenszentralen oder um wohlhabende Steuerzahler. Hier haben kleine Länder einen natürlichen Vorteil: Sie können durch die Ansiedlung weniger zusätzlicher Steuerzahler schneller ihre Steuerbasis vergrössern und somit die Steuersätze senken. Auch im innerschweizerischen Steuerwettbewerb spielen kleine Kantone oder die Agglomerationsgemeinden grosser Städte diesen Vorteil aus. Beim Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter ergibt sich die Wettbewerbsnische der Schweiz aus dem Vorteil der Kleinheit kombiniert mit dem Sonderstatus als mehrsprachiges Land an der Schnittstelle dreier grosser Kulturräume.

Neben den hier beschriebenen Vorteilen der Kleinheit im internationalen Wettbewerb gibt es auch Nachteile, wie etwa beim Verhandlungsgewicht in aussenwirtschaftlichen Konflikten.

Eine weitere Besonderheit, die die Schweiz im globalen Standortwettbewerb stärkt, ist der Wettbewerbsföderalismus im Inland.