Wie gemessene und gefühlte Freiheit auseinanderklaffenSpätestens vor einigen Jahrzehnten haben Ökonomen, unter ihnen der in Freiburg i. Ü. lehrende Statistiker Hans Wolfgang Brachinger (1951-2011), entdeckt, dass Menschen Inflation oft als höher empfinden, als sie anhand des Konsumentenpreisindexes gemessen wird. Der Grund dafür liegt nicht in einer unkorrekten Messung, sondern in der Psyche. Die gefühlte Inflation ist etwa dann höher als die tatsächliche, wenn die Preise der Güter des täglichen Bedarfs steigen, während dauerhafte Konsumgüter (wie Computer oder Autos) kaum teurer oder sogar billiger werden.Anspruchshaltung unerfüllt

Bei Ersteren wird man täglich mit dem Preisanstieg konfrontiert, Letztere dagegen kauft man im Abstand von Jahren. Da es sich um hochwertige Güter handelt, haben sie im durchschnittlichen Warenkorb zwar viel Gewicht und können die erwähnten Preissteigerungen statistisch weitgehend kompensieren. Aber wer in einem Jahr keine grössere Anschaffung tätigt, erlebt diese Preissenkungen nicht. Und selbst wenn er sie erleben würde, machte er die Erfahrung nur einmal, während ihm der tägliche Kauf des Pausenbrötchens oder der Stange Bier x-fach die Preiserhöhungen vor Augen führt – und seien diese noch so massvoll. Man kann in Abwandlung des berühmten Spruches also sagen: «Perception is not always reality.»

Das gilt auch mit Blick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit. Die Grafik des Monats stellt die gefühlte der tatsächlich gemessenen Freiheit gegenüber. Sie stützt sich zum einen auf Umfragen (im Rahmen des World Values Survey), zum anderen auf die Messung des Fraser Institute in Vancouver anhand von Unterkategorien wie Handelsfreiheit, Regulierung, Staatsgrösse, Rechtsstaatlichkeit oder Sicherheit. Zwar kann man einige methodische Einwände gegen die beiden Massstäbe vorbringen, aber in der Tendenz dürfte das Bild, das sie zeichnen, dennoch stimmen. In Ländern, die auf der eingezeichneten Diagonale liegen, entspricht die gefühlte der tatsächlichen Freiheit. Links der Diagonale liegen Länder, deren Bürger sich unfreier fühlen, als sie tatsächlich sind. Rechts gilt das Gegenteil. Die Länder wurden zudem in drei Gruppen eingeteilt, solche mit hohen, mit höheren mittleren und mit niedrigeren mittleren Pro-Kopf-Einkommen.

Es gibt nur wenige Länder, in denen die Bevölkerung ein realistisches Gefühl für das Ausmass an Freiheit entwickelt. Schweden, Ägypten oder Ghana sind solche Länder, während die Bevölkerungen in China, Japan, Mexiko oder Kolumbien mit ihrer Einschätzung weit weg von der Realität liegen. So beurteilen die Japaner ihre Freiheit mit 6,1 (von maximal möglichen 10) Punkten. Gemäss dem Fraser Institute herrscht in Japan mit einem Wert von 8,3 aber relativ grosse Freiheit. Was auf der Grafik am meisten ins Auge sticht, ist, dass alle wohlhabenderen Länder auf der linken Seite der Diagonale liegen, dass die tatsächliche Freiheit in diesen Ländern von den Bürgerinnen und Bürgern also unterschätzt wird bzw. dass diese mit dem effektiven Ausmass an Freiheit nicht zufrieden sind. Möglicherweise ist Freiheit so selbstverständlich geworden, dass es starker Verbesserungen bedürfte, bis sich dies in den Umfrageergebnissen niederschlüge. Man kann auch vermuten, der hohe Wohlstand führe dazu, dass sich als Pendant dazu die Anspruchshaltung in Sachen Freiheit verstärkt.

Wenig überraschend ist im Weiteren die Beobachtung, dass es fast durchwegs erfolgreiche westliche Industriestaaten sind, die eine vergleichsweise liberale Rahmenordnung kennen. Die Schweiz gehört sogar zu den Ländern mit den höchsten Werten, während aber gleichzeitig die tatsächliche Freiheit nicht gar so stark unterschätzt wird wie etwa in den Niederlanden. Auch in der Schweiz fühlt man sich aber nicht so frei, wie man tatsächlich ist. Die Gruppe der Länder mit geringerem mittlerem Einkommen («untere Mittelklasse») gruppiert sich am stärksten um die Diagonale und weist die engste Übereinstimmung zwischen Realität und Wahrnehmung auf.

Unrealistische Euphorie

Das Gegenstück zu den Arrivierten bilden die aufstrebenden Nationen der «oberen Mittelklasse». In ihnen fühlt sich die Bevölkerung freier, als sie effektiv ist. Eine Erklärung könnte sein, dass der Wachstumsschub der letzten Jahre in diesen Nationen eine unrealistische Euphorie ausgelöst hat. Ausnahmen von der Regel der Überschätzung bilden Bulgarien, Chile, Peru und Uruguay. Es sind Länder, die im Freiheitsindex mit den reicheren Staaten mithalten können, weshalb man vermuten muss, dass grosse Freiheit generell zu deren Unterschätzung führt, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der Staaten. Es gibt jedenfalls keine Länder mit grosser Freiheit, in denen die Einwohner diese überschätzen. Ökonomen würden in diesem Zusammenhang wohl von abnehmendem Grenznutzen sprechen.

Ähnlich wie bei der Inflation hat die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Freiheit politische Konsequenzen. Wo, wie in vielen Schwellenländern, die Freiheitslage zu positiv gesehen wird, führt dies zu einem Nachlassen jener Reformanstrengungen, die den Wachstumsschub erst ermöglicht haben. Umgekehrt erhält die Unterschätzung des Ausmasses an Freiheit den Reformdruck aufrecht und unterstützt im demokratischen Meinungsbildungsprozess das Vorantreiben von Liberalisierungen. Dann erweist sich das Auseinanderfallen von «perception» und «reality» plötzlich als Vorteil.

Dieser Artikel erschien in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 25.07.2014.
Mit freundlicher Genehmigung der «Neuen Zürcher Zeitung».