Die Schweiz hat vor fünf Jahren als erstes Land eine Too-big-to-Fail-Regulierung erlassen, die derzeit weiter verschärft wird. Gleichzeitig mehren sich die Sorgen über die Wachstumsschwäche der Schweiz und die Herausforderungen für den Finanzplatz durch mehr Regulierung. Axel Weber (VR-Präsident der UBS), Peter Kugler (Professor Universität Basel) und Philipp Halbheer (ehemaliger CFO und Leiter Investmentbanking der Zürcher Kantonalbank) diskutierten bei Avenir Suisse unter der Leitung von Mark Dittli (Chefredaktor «Finanz und Wirtschaft») über das Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes.

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Zu viel Regulierung? – Peter Kugler (Prof. Universität Basel), Axel Weber (VR-Präsident UBS), Philipp Halbheer (ehemaliger CFO und Leiter Investmentbanking der ZKB) diskutierten unter der Leitung von Mark Dittli (Chefredaktor «Finanz und Wirtschaft») über strengere Eigenmittelvorschriften für Grossbanken (von links).

Ein wichtiges Ziel wurde mit der Too-big-to-Fail-Vorlage des Bundesrats (seit 2012 in Kraft) bereits erreicht: Die beiden Schweizer Grossbanken sind besser kapitalisiert, weniger gross und könnten heute im Krisenfall einfacher abgewickelt werden als vor der Finanzkrise. Eine im internationalen Vergleich dickere Kapitaldecke der Banken wird als Stärke gesehen und kann auch als Wettbewerbsvorteil verstanden werden, etwa in Form tieferer Finanzierungskosten oder einer Bewertungsprämie. Doch bleibt die Frage offen: Wann ist genug? Und vor allem: Was ist der Nutzen weiterer Regulierung und noch höherer Eigenmittelvorschriften?

Eigenmittelvorgaben sind nicht zu hoch

Peter Kugler präsentierte in seinem Eröffnungsreferat die Resultate einer Studie, in der er zusammen mit Georg Junge erstmals für die Schweiz den volkswirtschaftlichen Nutzen höherer Eigenmittelvorschriften mit deren Kosten verglichen hat (Kugler / Junge 2013). Die Berechnung der Kosten berücksichtigt die durch eine höhere Eigenkapitalquote bedingten reduzierten Renditeanforderung (Modigliani-Miller-Effekt) und gründet in der Annahme, dass die Grossbanken ihre höheren Kapitalkosten an die Kunden weitergeben, wodurch die Kapitalintensität der Wirtschaft sinkt, was sich negativ auf den Wachstumspfad auswirkt. Die volkswirtschaftlichen Kosten einer Verdoppelung der Eigenkapitalquote von Grossbanken, wie sie seit 2009 stattfand, sind laut Kugler allerdings sehr gering. Die Kapitalkosten für die Unternehmen erhöhen sich dadurch um lediglich 0.6 bis 1.6 Basispunkte, dies hat eine einmalige Reduktion des BIP von ca. 0.05% zur Folge.

Der Nutzen einer dickeren Kapitaldecke berechnet sich durch die vermiedenen volkswirtschaftlichen Kosten von Finanzkrisen, die gemäss Kugler erheblich sind. Basierend auf historischen Daten der letzten vier Finanzkrisen in der Schweiz (1911, 1931, 1991, 2007) führt eine Krise zu einer Reduktion des Kapitalstocks und in der Folge zu einer permanenten Reduktion des Wachstumspfades um bis zu 18%. Die Wahrscheinlichkeit einer Bankenkrise wird statistisch signifikant durch den Verschuldungsgrad der Grossbanken beeinflusst.Kugler zieht daraus den Schluss, dass die Erhöhung der Eigenmittelforderungen der Banken nicht zu stark ausgefallen ist, sondern eher noch etwas weiter gehen müsste.

Nicht über das Ziel hinausschiessen

Axel Weber stellte in seiner Entgegnung zunächst zur Diskussion, ob die von Kuglers Modell unterstellten permanenten Schäden am Schweizer Wachstumspfad durch Bankenkrisen die einzig denkbare Interpretation der historischen Daten seien. Ebenso möglich scheint ihm, dass es sich um vorübergehende Schocks handelte, die nach dem reinigenden Gewitter der Krise durch ein schnelleres Wachstum jeweils wieder aufgeholt würden. Anerkannte internationale Studien kommen demnach auch zu deutlich anderen Ergebnissen, in welchen die Kosten einer Finanzkrise deutlich kleiner sind.

Unklar bleibe auch, ob der Deleveraging-Prozess tatsächlich fast kostenlos gewesen sei, wie dies Kuglers Ergebnisse nahelegten, nicht zuletzt weil die Bilanzreduktion der Schweizer Grossbanken vor allem die Aktivitäten im Ausland betraf. Die Schweiz sei zwar nach der Finanzkrise mehr gewachsen als die meisten anderen Länder, doch womöglich hätte sie diesen Vorsprung noch ausbauen können. Zudem produziere die Schweiz sehr kapitalintensiv, dementsprechend habe eine Verteuerung der Kapitalkosten durchaus gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Er gab zudem zu bedenken, dass sich durch die Leverage-Ratio-Anforderungen in erster Linie sichere Kredite, z.B. an solide Unternehmen, verteuerten.

Insgesamt seien höhere Kapitalpolster richtig und nötig gewesen. Weber gab aber zu bedenken, dass der Grenznutzen weiterer Regulierung und noch höherer Kapitalpolster abnehme. Es sei jetzt an der Zeit, wieder vermehrt auf das Wachstum und die Profitabilität zu achten. Gerade letztere sei unter Druck. «Heute ist die Profitabilität das Hauptthema in der Branche» sagte er. Auch müssten die widersprüchlichen Anreize verschiedener Regulierungen bereinigt werden. Als Beispiel nannte er sichere Anleihen, die als Liquiditätspuffer gehalten werden müssen. Diese würden die Banken heute doppelt belasten, einerseits durch den Negativzins, der für die Sicherheit zu zahlen sei, und anderseits durch die zusätzliche Eigenmittelunterlegung, die trotz dieser Sicherheit zu leisten sei. Im Endeffekt sei die Liquiditätshaltung sehr teuer geworden.

Mehr Wettbewerb im Risikomanagement zulassen

Dass mehr Regulierung nicht zwingend mehr Sicherheit bedeutet, findet auch Philipp Halbheer. «Eigenkapital ist ein knappes Gut – und kein Wundermittel.» Er wandte ein, dass Eigenkapital nicht per se volkswirtschaftlichen Schaden vermeide. Ein dickeres Polster stelle lediglich sicher, dass der Schaden im Krisenfall – richtigerweise – bei den Aktionären und nicht beim Steuerzahler anfalle. Zu bedenken sei aber auch, dass zu üppiges Eigenkapital dem Management falsche Anreize setze, weil es sich viele Fehlentscheide leisten könne, ohne einen Konkurs fürchten zu müssen.

Weiter zeige die Erfahrung, dass die meisten Finanzkrisen ihren Ursprung im Immobilienmarkt haben, jüngste Beispiele dafür sind die USA, Spanien oder Irland. Gerade die Immobilienmärkte reagierten sehr sensibel auf die Geldpolitik und auf das regulatorische Umfeld. Selten stehen die Banken am Ursprung einer neuen Blase – sie könnten aber umgekehrt dazu beitragen, diese zu vermeiden. Dazu brauche es wieder mehr Wettbewerb und Innovation im Risikomanagement. Seit weltweit die Regulatoren das Zepter übernommen hätten, sei dies aber kaum mehr möglich. Die Regulation werde vor allem über detailreiche technische Vorschriften umgesetzt. Das sei gefährlich, weil es ein Compliance-Denken in den Banken befördere, statt die Eigenverantwortung zu stärken.

Axel Weber formulierte seine Bedenken folgendermassen: «Was nützen hohe Dämme, wenn das Wasser bei der nächsten Krise von hinten kommt?» Einig waren sich die Teilnehmer, dass gutes Risikomanagement nur in einem offenen Umfeld stattfinden kann. Damit die Dämme am richtigen Ort gebaut werden, brauche es das Mitdenken aller – und nicht nur weniger Regulatoren.