In Hongkong ticken die Uhren vielleicht schneller, aber nicht besser.

Unlängst habe ich nach vielen Jahren wieder einmal einige Tage in Hongkong verbracht. Man spürt die Dynamik der Stadt allenthalben. Von der Bar des höchsten Hotels der Welt, beinahe 500 Meter über dem Boden bzw. dem Meeresspiegel, blickt man auf eine aus lauter Wolkenkratzern gebildete Hügellandschaft – fast so weit das Auge reicht. Der in Zürich alles überragende Prime Tower würde in den Häuserschluchten Hongkongs kläglich untergehen. Die Stadt zählt mehr Hochhäuser als New York und Chicago zusammen. Und überall wird gebaut, in die Tiefe, für die Fundamente und für Verkehrswege, vor allem aber in die Höhe. Ein Ende scheint nicht in Sicht.

Der Besucher aus der kleinen Schweiz ist beeindruckt ob der Dimensionen und der Architektur vieler Gebäude, ob des rasanten Wandels, vor allem aber ob des Tempos, in dem hier und im nahen Macao Bürohäuser, Shopping Center, Wohnanlagen und Hotels bewilligt und aus dem Boden gestampft werden. Wer städtische Dichte erleben will, wer sehen möchte, dass – und wie – diese Dichte funktioniert und dass sie selbstverständlich auch ihren Reiz hat, ist hier richtig. In die Bewunderung mischt sich aber rasch Nachdenklichkeit. Gerade zeigt Peking der einstigen Kronkolonie wieder einmal seine hässliche Seite – Demokratie und Mitbestimmung sind nicht erwünscht. Und man fragt sich, ob das reichlich autoritäre Regime nicht eine geradezu notwendige Voraussetzung für einen solchen Bauboom ist, der wenig Rücksicht nimmt auf Gewohnheiten, Vertrautes, Gewachsenes.

Politische Rechte bedeuten auch Blockademöglichkeiten

Ist die zunehmend zersiedelte, allen grossen Würfen abholde, in der Weiterentwicklung der Städte oft erschreckend rückwärtsgewandte Schweiz vielleicht auch eine Folge des hiesigen rechtlichen und politischen Systems? Eines Rechtssystems, das die Rechte und damit auch Blockademöglichkeiten des Einzelnen hochhält, und eines politischen Systems, in dem das Volk das letzte Wort hat? Ist anders gesagt die oft im wahrsten Sinne des Wortes kleinkarierte Besiedlung, der jeder Gigantismus abgeht, der Preis, den man dafür zahlen muss, dass man als Bürgerin und Bürger nicht regiert wird, sondern selber mitregieren kann? Und dass die Entscheide nicht in einer fernen Hauptstadt getroffen werden, sondern bürgernah und bedarfsgerecht auf der kommunalen oder kantonalen Ebene?

Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn man sich in der Schweiz fragt, wer eigentlich dieses Land regiert, und wenn es darauf so viele Antworten gibt, dass eine wahre Kakofonie resultiert, und wenn die zwar banale, aber wahrscheinlich einzig richtige Antwort lautet: alle und niemand. Vor allem Manager und Unternehmer neigen gelegentlich zu einer Verklärung von politischen Regimen, die gleich ticken wie Unternehmen, mit klaren Hierarchien, schnellen Entscheiden und ebenso schneller Umsetzung, ohne die Mühen einer demokratischen Konsensfindung. Wir sollten uns davon in der Schweiz nicht beeindrucken lassen. Wir haben über die Jahrhunderte ein System der politischen Organisation und der kollektiven Entscheidfindung entwickelt, das zwar nicht zu Schnelligkeit neigt, das aber dafür zu mehr Identifikation der Menschen mit dem Staat und zu mehr politischer Nachhaltigkeit führt.

Flut von Initiativen bedroht die erfolgreiche liberale Ordnung

Allerdings gilt auch hier wie in so vielen Bereichen die Weisheit des Paracelsus, dass die Menge das Gift macht. Das politische System der Schweiz mit seiner der Konsensorientierung geschuldeten Trägheit hat während Jahrzehnten etwas produziert, was die meisten Menschen und vor allem die Unternehmer besonders schätzen, nämlich Stabilität und Verlässlichkeit. Genau dieser Vorteil gerät aber ungefähr seit der Jahrtausendwende zunehmend in Gefahr, aufgrund einer ganzen Flut von Initiativen, die an den Grundfesten der erfolgreichen liberalen Ordnung dieses Landes rütteln und die, auch wenn sie schliesslich meist abgelehnt werden, doch eine permanente Verunsicherung bringen. Wir sollten daher nicht neidisch auf autoritäre Regime sein, die vordergründig vor wirtschaftlicher Dynamik und Kraft strotzen, sondern wir sollten dafür besorgt sein, dass einer der grössten Vorteile der direkten Demokratie, die Verlässlichkeit, wieder zum Vorschein kommt. Dafür könnten wir getrost etwas mehr Langsamkeit in Kauf nehmen.

Dieser Artikel erschien in der «Solothurner Zeitung» vom 02.10.2014.