Eine Frage – zwei Antworten. Nach diesem Modell hat Peter Eisenhut Daniel Lampart, den Chefökonomen des Schweizerischen Gewerschaftsbunds und Jérôme Cosandey, den Sozialversicherungsexperten von Avenir Suisse, zur sozialen Sicherheit interviewt. Im Unterschied zu Avenir Suisse sieht der Gewerkschaftsbund keinen Handlungsbedarf bei der Finanzierung der AHV. Peter Eisenhut: Warum steigen die Ausgaben für soziale Wohlfahrt und Gesundheit so stark an? Besteht die Gefahr, dass dadurch andere Staatsaufgaben in die Defensive gedrängt werden?

Daniel Lampart: Würden die Schweizer Unternehmen mehr Personal beschäftigen, wären die Sozialausgaben viel tiefer. Die Entwicklung seit den 1990er-Jahren ging aber in die Gegenrichtung. Viele Firmen haben rationalisiert. Die Zahl der Erwerbslosen hat sich mehr als verdreifacht, die Zahl der IV-Renten ist heute fast doppelt so hoch. Bisher haben sich die Arbeitgeber geweigert, mehr für die Integration von IV-Rentner/-innen und Erwerbslose zu tun. Deshalb muss der Staat mehr für Soziales ausgeben.

Jérôme Cosandey: Diese Kostenexplosion ist vor allem auf die Alterung der Gesellschaft zurückzuführen. Aufgrund der Schuldenbremse werden die steigenden – gesetzlich vorgegebenen – Ausgaben der Sozialversicherungen die Budgets anderer Departemente verdrängen. So werden die aus standort- und wachstumspolitischer Sicht wichtigen Bereiche Bildung und Infrastruktur unter Druck geraten.

Das schweizerische System der Altersvorsorge besteht aus den drei Säulen AHV, Pensionskasse und private Vorsorge. Wo sehen Sie Stärken, wo Schwächen dieses Systems?

Lampart: Vor allem die erste und die zweite Säule gewährleisten zusammen für viele Leute ein gutes Rentenniveau. Die dritte Säule dient vor allem den Banken und Versicherungen, die damit gute Geschäfte machen. Der Mix aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren ist ein Vorteil. Bei den unteren mittleren Einkommen ist das heutige Rentenniveau allerdings zu tief. Hier braucht es eine Anpassung. Darum haben die Gewerkschaften das Modell AHVplus lanciert.

Cosandey: Beim Drei-Säulen-System werden nicht alle Eier in den gleichen Korb gelegt. Die AHV funktioniert nach dem Umlageverfahren. Immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Rentner unterstützen, die immer länger leben. Die berufliche Vorsorge wiederum funktioniert nach dem Kapitaldeckungsverfahren. Jeder Versicherte spart hier seinen individuellen Kapitalkuchen an, den er in seinem Ruhestand verzehren kann. Die Renditen am Kapitalmarkt bestimmen massgeblich die Grösse des Kuchens zum Pensionierungszeitpunkt.

Einerseits werden die Menschen in unserem Land immer älter und damit die durchschnittliche Bezugsdauer der Leistungen länger, andererseits kommen immer weniger Erwerbstätige auf einen Rentner. Wie kann die Finanzierung der AHV langfristig sichergestellt werden?

Lampart: Die demografische Alterung ist seit Jahrzehnten eine Realität. Wir werden älter und haben weniger Kinder. Dennoch kam die AHV fast ohne Zusatzfinanzierung aus. Der Hauptgrund ist die höhere Arbeitsproduktivität. Ein Erwerbstätiger kann mehr Rente finanzieren, ohne dass es ihm finanziell schlechter geht. Je höher der Wohlstand ist, desto höher ist auch die Lebenserwartung. Darum finanziert sich die demografische Alterung zu einem grossen Teil selber. Möglicherweise braucht die AHV in 15 Jahren eine leichte Beitragserhöhung. Doch diese wäre gut verkraftbar.

Cosandey: Rentenkürzungen sind in der AHV wenig sinnvoll, da sie die Existenzsicherung garantieren soll. Man muss also entweder mehr oder länger sparen. Mehr sparen führt zu kleineren verfügbaren Einkommen und zu einer Verschlechterung der Standortattraktivität der Schweiz. Also müssen wir länger sparen, d.h. das Rentenalter erhöhen. Seit der Einführung der AHV 1948 ist die Lebenserwartung im Alter von 65 um 7 Jahre gestiegen. Ausserdem leben wir länger gesund: Man kann den Ruhestand ganz anders geniessen. Aus diesen Gründen ist die Erhöhung des Rentenalters vertretbar.

Die Alterung der Gesellschaft und die aktuell tiefen Renditen auf den meisten Anlageklassen stellen auch die zweite Säule, die Pensionskassen, vor grosse Herausforderungen. Welche Reformen müssten aus Ihrer Sicht in der zweiten Säule durchgeführt werden?

Lampart: Ein grosses Problem sind die völlig überhöhten Verwaltungskosten. Bund und Parlament müssen diese streng regulieren. Schliesslich ist die 2. Säule obligatorisch. Die aktuell tiefen Renditen sind in erster Linie eine Folge der Krise. Die Zentralbanken haben die Zinsen in vielen Ländern auf ein sehr tiefes Niveau gesenkt. Wenn sich die wirtschaftliche Lage normalisiert, wird sich auch das Ertragspotenzial der Pensionskassen wieder verbessern. Was zudem immer vergessen wird: Die Pensionskassen zahlen auch Invalidenrenten. Diese sind in den letzten Jahren nicht mehr gestiegen. Das entlastet die Kassen.

Cosandey: Man kann sich die berufliche Vorsorge als ein Schiff auf einer langen Fahrt vorstellen. Kurzfristig gilt es, das Leck im Tank zu flicken: Das angesparte Altersguthaben muss aufgrund der steigenden Lebenserwartung für länger ausreichen. Entsprechend muss der jährliche Anteil kleiner werden, der als Rente ausbezahlt wird. D.h. der Umwandlungssatz muss gesenkt werden. Die ausbezahlte Gesamtsumme bleibt zwar konstant, die jährliche Rente jedoch sinkt. Mittelfristig sollte das Schiff agiler werden: Das BVG muss die individuelle Lebensführung der Versicherten besser berücksichtigen und ihnen mehr Gestaltungspielraum geben.

Was antworten Sie einem jungen Menschen, der sich fragt, ob er bei seiner Pensionierung noch ein vergleichbares Niveau an Leistungen wie die heutigen Rentner erhalten wird?

Lampart: Natürlich wird er das. Ausser die Schweiz macht eine schlechte Wirtschaftspolitik oder die Politik senkt die Renten. Die Schweizer Altersvorsorge ist sehr leistungsfähig. Wenn die Löhne steigen und die Beschäftigungssituation gut ist, ist genügend Geld vorhanden, um gute Renten zu zahlen.

Cosandey: Das Niveau der Altersleistungen hängt primär von der Höhe der Sparbeiträge und von der Dauer des Sparprozesses ab. Es ist die Aufgabe jeder Generation, dieses Niveau und dessen Finanzierung zu definieren. Es ist aber unsere Verantwortung, diesen Entscheid zu treffen, ohne den Handlungsspielraum unserer Kinder durch hohe Schulden einzuschränken.

Dieses Interview wurde im Lehrbuch «Aktuelle Volkswirtschaftslehre»
(Ausgabe 2012/2013) publiziert.