Die Sprache ist ein wesentlicher Teil der menschlichen Kultur. Wie wir sie einsetzen, sagt viel über unsere Geisteswelt aus. Mit dem Tool «NgramViewer» kann man alle bei «Google Books» eingescannten Werke nach Schlüsselbegriffen und Erscheinungsjahr durchsuchen und ihre Häufigkeit in einer Grafik anzeigen lassen. Interessantes bringt  das Tool zu den beiden Begriffen «Gerechtigkeit» und «Umverteilung» zutage. Während «Gerechtigkeit» in den letzten 200 Jahren laufend diskutiert wurde – und z.B. einen Höhepunkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreichte – ist die «Umverteilung» eine recht junge Erscheinung, die erst ab Mitte der 1950er-Jahre ins Spiel kam.


Gerade die jüngsten Volksabstimmungen in der Schweiz zielten immer wieder auf Gerechtigkeit durch Umverteilung, z.B. die 1:12 Initiative, die Mindestlohninitiative oder die Erbschaftssteuerinitiative. Was bedeutet das für das Erfolgsmodell «Marktwirtschaft Schweiz»?

Solche Initiativen sägen an den Wurzeln des Schweizer Erfolgs. Zwar hat bei einigen radikaleren Initiativen wie 1: 12 und Mindestlohn am Schluss die Vernunft obsiegt, aber schädlich für das Image der Schweiz als stabilem, verlässlichem Standort waren sie allemal. Sie spiegeln eine zunehmende Wachstumsskepsis und Wohlstandsmüdigkeit, deren Grund wohl genau im anhaltenden Erfolg der Schweiz liegt. Man kann es auch Wohlstandsverwöhnung nennen. Wohlstandsverwöhnung bedeutet, dass man den Wohlstand für selbstverständlich nimmt, und sich nicht bewusst ist, wie sehr er auf Leistung und einer  offenen Wirtschaftsordnung beruht. Wohlstandsverwöhnung bedeutet auch, dass man selbstzufrieden wird und in der Leistungsbereitschaft nachlässt.  Wohlstandsverwöhnung bedeutet auch, zu glauben, man könne beliebig in die Wirtschaft eingreifen, ohne den Wohlstand zu gefährden.

Wenn man anfängt, Fragen der Verteilung stärker zu gewichten als Fragen der Schaffung von Wohlstand, wenn man bereit ist, zugunsten von mehr Ergebnisgleichheit Einbussen bei Wachstum und Wohlstand hinzunehmen, wenn man, statt dafür zu sorgen, dass der Kuchen grösser wird, beklagt, dass die Kuchenstücke unterschiedlich gross sind – selbst wenn  das eigene Stück vor zehn Jahren halb so gross war wie heute – ist das Erfolgsmodell Schweiz tatsächlich in Gefahr.

Dies sind einige Auszüge aus einem längeren Text, der in der aktuellen Ausgabe (11. Auflage) des Lehrbuchs «Aktuelle Volkswirtschaftslehre» von Peter Eisenhut (Juli 2014/Verlag Rüegger) veröffentlicht wurde.