Dass die Schweiz im Vergleich mit anderen Staaten äusserst kleine Gemeinden und Kantone aufweist, ist bekannt. Um zu verhindern, dass bei solchen Analysen Äpfel mit Birnen verglichen werden, ist es hilfreich, die betrachteten Länder zu kategorisieren. Zwei mögliche Dimensionen hierzu sind die Unterscheidung zwischen Föderation und Einheitsstaat sowie der Dezentralisierungsgrad. Während im Einheitsstaat die Kompetenzen der untergeordneten Einheiten jederzeit von der Zentralregierung beschnitten oder erweitert werden können, sind in einer Föderation die subnationalen Einheiten souverän und ihr Bestand ist garantiert, der Bundesstaat übernimmt nur jene Aufgaben, die die Gliedstaaten an ihn abtreten.

Ein föderativer Staatsaufbau bedeutet jedoch noch nicht unbedingt eine ausgesprochen dezentrale Leistungserbringung. Umgekehrt kann die dezentrale Leistungserbringung auch in einem Einheitsstaat erfolgen. Paradebeispiel für die letztgenannte Kombination ist der Staatsaufbau skandinavischer Länder: In Dänemark, Schweden und Norwegen existiert kein Pendant zu den Schweizer Kantonen, die Gliedstaaten haben keine autonome Selbstverwaltung. Diese findet erst auf Ebene der Gemeinden statt, die dann dafür aber meist eine sehr hohe Autonomie aufweisen. Die erstgenannte Kombination (zentralisierte Föderation) ist deutlich seltener. Neben Österreich sind auch Indien oder Venezuela dazu zu zählen.

In der Abbildung sind die Gemeindegrössen sowie die Steuerautonomie der Gliedstaaten und der Gemeinden dargestellt. Bei den Gliedstaaten (also den Kantonen) liegt die Schweiz punkto Steuerautonomie hinter Kanada an zweiter Stelle. Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist aber, dass diese Gliedstaaten in den anderen hier erwähnten dezentralisierten Föderationen (Kanada, USA, Belgien, Deutschland) im Durchschnitt mehrere Millionen Einwohner zählen, während pro Schweizer Kanton gerade einmal 300‘000 Bewohner anfallen.

Für die Gemeinden gilt dasselbe: Sie verfügen – vermutlich neben jenen der USA, für die kein exakter Wert vorliegt – über die höchste Steuerautonomie aller dezentralisierten Föderationen, sind aber gleichzeitig deutlich kleiner als die Gemeinden dieser Länder. Damit befindet sich die Schweiz in einer aussergewöhnlichen Position. Sie wäre bezüglich Gemeindeautonomie sogar eher mit den nordischen Ländern vergleichbar. Die durchschnittliche Einwohnerzahl dieser Gemeinden liegt aber um das Vier- bis Achtzehnfache über derjenigen der Schweiz, für die durchschnittliche Fläche ist der Faktor (aufgrund der dünnen Besiedlung Skandinaviens) noch deutlich grösser.

Diese einzigartige Situation der Schweiz – also: die hohe Autonomie für kleine Gebietskörperschaften – birgt in vielerlei Hinsicht grosse Herausforderungen. Sie ist aber,  politökonomisch gesehen, zweifellos mitverantwortlich dafür, dass die europäische Schuldenkrise bisher an der Schweiz vorbeigezogen ist. Denn nirgendwo sonst können die Bürger einen so direkten Einfluss auf einen so grossen Teil der Staatstätigkeit ausüben.