Frau Scheiber, wie konkurrenzfähig sind die jungen Leute, die heute in den Arbeitsmarkt eintreten?

Immer mehr ältere Menschen gehen in Pension und weniger Junge rücken nach. Die Nachfrage nach jungen, motivierten Fachkräften ist hoch. Die Marktfähigkeit oder Konkurrenzfähigkeit hängt jedoch nicht nur von der Ausbildung ab, sondern auch von den Sozialkompetenzen.

Durch die Globalisierung sehen sich Schweizerinnen und Schweizer zunehmend mit ausländischen Stellensuchenden auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Wer hat die besseren Karten?

In vielen Berufen sind unsere Landessprachen nach wie vor wichtig. Wer mindestens zwei bis drei Sprachen beherrscht, hat schon mal gute Karten. Aber auch unser duales Bildungssystem trägt dazu bei, dass die in der Wirtschaft dringend benötigten Profile ausgebildet werden. Die Konkurrenz und das Ausland schlafen natürlich nicht. Es ist wichtig, dass jede und jeder sich konstant weiterbildet und seine digitalen Kompetenzen erhöht – unabhängig von Alter und Familienstatus. Schweizer Arbeitnehmende bilden sich in digitalen Kompetenzen nämlich gemäss unserer kürzlich erhobenen Studie zu wenig weiter (19 % vs. 39 % global).

Welche Skills werden auf dem Arbeitsmarkt 4.0 wichtiger, und wie kann ich mir diese aneignen?

Digitale und soziale Kompetenzen gewinnen in allen Berufsfeldern und Tätigkeiten an Bedeutung. Soziale Kompetenzen können (noch) nicht von Computern ersetzt werden. Entscheidend sind Qualitäten wie Kreativität, emotionale Intelligenz und Teamfähigkeit. Wer ausserdem «out of the box» denkt, d.h. ausserhalb von Konventionen und Standards, hat einen klaren Vorteil gegenüber Mitbewerbern.

Welche Fähigkeiten werden auf dem digitalen Arbeitsmarkt dagegen weniger gefragt sein?

Insbesondere administrative und manuelle Arbeiten werden zunehmend automatisiert. Analysen des Bundesamts für Statistik zeigen auf, dass vor allem mittlere Qualifikationen davon betroffen sind und die Nachfrage nach ihnen sinkt. Zusammen mit Digital Switzerland haben wir aus diesem Grund eine Absichtserklärung lanciert und fordern alle Unternehmen auf, sich wirksam und nachhaltig für lebenslanges Lernen einzusetzen.

Je weiter der Digitalisierungsgrad der Arbeitswelt voranschreitet, desto wichtiger werden die Menschen hinter den Maschinen (Bild: Graham, Unsplash).

Wo sehen Sie Anpassungspotenzial im Bildungssystem, um die Schul- und Lehrabgänger für den digitalen Arbeitsmarkt fit zu machen?

Laut der kürzlich durchgeführten Umfrage «C The Future» mit 5000 Personen der Generation Z kommen in der Ausbildung folgende Punkte zu kurz: effizientes Projektmanagement, auf Daten basierende Entscheidungsfindung, Verhandlungsgeschick und komplexe Problemlösung. Ausserdem wünschten sich die Befragten, besser auf kulturelle und generationengetriebene Unterschiede vorbereitet zu werden. Um auch in Zukunft fit für den Arbeitsmarkt zu bleiben, müssen wir schneller neue Ausbildungen schaffen und als Unternehmen auch Kurse ohne eidgenössisches Zertifikat gutheissen, denn oftmals sind dies die entscheidenden «Vorreiter» in Sachen Aus- und Weiterbildung.

Der duale Bildungsweg hat das Schweizer Bildungssystem lange ausgezeichnet. Wie sieht die Zukunft diesbezüglich aus: Wird eine Lehre weiterhin reichen, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können?

Das duale Bildungssystem der Schweiz ist ein Erfolgsmodell, um das uns unsere Nachbarn oft beneiden. Es sorgt für eine tiefe Arbeitslosenquote, weil genau diejenigen Profile ausgebildet werden, die aktuell nachgefragt werden. Eine Lehre ermöglicht es Jugendlichen, sich nach Abschluss schnell und vor allem dauerhaft in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Es braucht aber in jeder Position eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung. Auch in der zuvor erwähnten «C The Future»-Umfrage kam zum Ausdruck, dass Geschäftsführer der Zukunft nicht zwingend einen Universitätsabschluss, sondern vielmehr das richtige Mass an Soft Skills wie Neugierde, Lernagilität und Anpassungsfähigkeit mitbringen sollten. Auch gehen die «Generation-Z-ler» davon aus, dass weniger traditionelle Ausbildungen wie Onlinekurse und Bootcamps an Popularität gewinnen werden.

Wie und auf welchen Plattformen wird in Zukunft rekrutiert?

Im Bereich Event und Catering arbeiten wir bereits jetzt mit unserer digitalen Rekrutierungsplattform und der dazugehörenden App «Adia». Wir setzen die App auch für andere Temporärjobs ein, bei denen es keine lange Einarbeitungszeit benötigt. Was Festanstellungen und Fachkräfte angeht, so können Maschinen die Menschen noch nicht zu 100 % ersetzen, leisten aber bereits gute Vorarbeit. Persönlichkeitstests, Gamification-Persönlichkeitsprofile und Video Interviews erhöhen die Vergleichbarkeit dank einheitlichen Fragen und führen zu mehr Transparenz.

Sind die Anforderungen an die Stellensuchenden auf dem Arbeitsmarkt 4.0 höher als noch vor ein paar Jahren?

Digitale und soziale Kompetenzen sind sehr gefragt. Auch Sprachkenntnisse und internationale Erfahrungen spielen eine zunehmend wichtige Rolle.

Bleibt konkurrenzfähig nur wer programmieren kann?

Die Zukunft der Arbeit wird von verschiedensten Faktoren bestimmt. Zweifelsohne spielt die Technologie eine entscheidende Rolle. Durch den technologischen Fortschritt werden viele Berufe stark verändert oder sogar abgelöst werden. Gemäss Bundesamt für Statistik entstanden in den letzten 25 Jahren in der Schweiz beinahe 950 000 Stellen, wobei im Industriesektor fast 140 000 abgebaut und im Dienstleistungssektor um die 1,1 Millionen Stellen aufgebaut wurden. Es wird geschätzt, dass sechs von zehn Berufseinsteigern im Jahr 2025 in Berufen arbeiten werden, die es heute noch gar nicht gibt. Um diese neuen Jobs ausführen zu können, wird man Fähigkeiten brauchen, die es heute so vielleicht ebenfalls noch nicht gibt. Studien sagen voraus, dass besonders in den Branchen IT, Industrie und Gesundheit viel Potenzial liegt. Deshalb: Ja, Programmieren hat bestimmt Zukunft, aber Leute mit einer medizinischen Ausbildung haben beispielsweise auch sehr gute Aussichten angesichts des demografischen Wandels. Es ist sicher auch eine gute Idee, auf Jobs zu setzen, bei denen sich menschliche Arbeitskraft nur geringfügig durch Roboter ersetzen lässt. Solche wären typischerweise Ärzte und Pflegepersonal, Raumplaner, Elektronikingenieure, Softwareentwickler oder Ingenieurwissenschafter.

Generalisten oder Spezialisten – was wird zunehmend gefragt von der Arbeitgeberseite?

Es wird weiterhin beides brauchen. Projektbezogene Einsätze werden immer häufiger, während der Job fürs ganze Leben langsam verschwindet. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man Experte auf seinem Fachgebiet ist und stets auf dem neusten Stand ist. Dies bedingt eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung. Den Blick fürs Ganze darf man trotzdem nicht verlieren.

 

Dieses Interview ist im Mai 2020 in der Avenir Jeunesse Publikation «Durchstarten auf dem Arbeitsmarkt 4.0. Antworten auf neun Fragen zur neuen Arbeitswelt» erschienen.