Das statistische Amt des Kantons Zürich füllt mit einer neuen Studie zur Einkommensmobilität ein Vakuum, da die letzte Analyse zur Einkommensmobilität in der Schweiz noch auf Daten aus den 1990er Jahren basierte. Viele Kritiker gingen seither von einer schwindenden Durchlässigkeit in der Gesellschaft aus. Nun stellt sich heraus, dass die Einkommensmobilität weiterhin gegeben ist – besonders auch im Mittelstand.

Die detaillierte Auswertung der Steuerdaten des Kantons Zürich für die Periode 2000 – 2010 zeigt, dass die Mobilität der individuellen Einkommen noch immer gegeben ist. Nur gut ein Viertel (28%) der 491‘000 untersuchten Haushalte befand sich 2010 in der gleichen Einkommensklasse (Dezil) wie im Basisjahr 2001. Knapp drei Viertel von ihnen stiegen entweder auf oder ab. Aus einer liberalen Warte ist dieses Ergebnis von zentraler Bedeutung. Eine offene Gesellschaft muss den Menschen reale Chancen zum ökonomischen und sozialen Aufstieg bieten. Dass diese Durchlässigkeit für andere auch Abstiegsrisiken birgt, versteht sich von selbst. Einkommensmobilität ist aber auch aus einem weniger philosophischen Grund wichtig.

Einkommensmobilität verringert die Ungleichheit

Debatten über Gerechtigkeit und Fairness werden – so sie überhaupt auf objektiven Tatsachen beruhen – meist anhand der Einkommensverteilung zu einem gegebenen Zeitpunkt geführt. Eigentlich ist dies die falsche Grundlage, um über Verteilungsgerechtigkeit zu diskutieren, denn einer Querschnittsbetrachtung haftet viel Zufälliges an, und – schlimmer noch – sie verzerrt die wahren Verhältnisse. Niemand würde dagegen dem Grundsatz widersprechen, dass eigentlich auf Basis von Lebenseinkommen (diskontierte Summe aller während des Lebens erzielten Einkommen) diskutiert werden müsste. Da man kaum je über Angaben zum Lebenseinkommen verfügt, werden Periodeneinkommen als Platzhalter verwendet.  Letztere sind aber wesentlich ungleicher verteilt als die Verteilung der Lebenseinkommen. Dies aus zwei Gründen:

  • Alle individuellen Löhne – und damit in erster Näherung auch die Einkommen – durchlaufen während der Erwerbszeit eine gleich gerichtete (aber nicht gleiche) Entwicklung: Während man in jungen Jahren mittels Bildung investiert und eher wenig verdient, steigt der Lohn mit der Zeit an. Die Verdienstspitze wird in der Regel im Alter von 50 Jahren erreicht, danach sinkt der Lohn meist wieder. Die Verteilung der aktuellen Löhne zum Zeitpunkt X vergleicht also Menschen an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrem Lebenszyklus. Dass die Lebenseinkommen gleichmässiger verteilt sind, erkennt man leicht an folgendem Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, die Lohnprofile – und damit die Lebenseinkommen – aller Menschen seien völlig identisch. Sogar in dieser Welt vollkommener Gleichverteilung würde man auf Basis der Periodeneinkommen eine substanzielle Ungleichheit feststellen. Deren Ausmass hängt vom Verlauf des Einkommensprofils und von der Alterszusammensetzung der Gesellschaft ab. Konkret bedeutet dies, dass die Verteilung auch von der Alterung der Gesellschaft beeinflusst wird. Diese Tatsache wird in Debatten meist unter den Teppich gekehrt.
  • Neben dem oben beschriebenen Muster der Lohnprofile entfalten die individuellen Lohnverläufe ebenso einen hohen Grad an Eigenständigkeit. Und auch diese Variabilität wirkt bezüglich der Lebenseinkommen ausgleichend, d.h. sie reduziert die gemessene Ungleichheit der Periodeneinkommen. Das ist daran ersichtlich, dass die tiefsten Einkommen des Basisjahres 2001 – absolut und prozentual – bis 2010 am stärksten gestiegen sind. Und umgekehrt gilt: je höher das Einkommen 2001 war, desto eher hat es in der folgenden Dekade wieder abgenommen. Diese individuellen (altersunabhängigen) Schwankungen des Einkommens sind gemäss dem Autor quantitativ wichtiger als die Bewegungen im altersabhängigen Lohnprofil.

Über die betrachtete 10-Jahresperiode wurde die Ungleichheit der Einkommen – gemessen am Gini-Koeffizienten – durch die altersmässige und individuelle Mobilität um 9% reduziert. Es ist anzunehmen, dass die Ausweitung der Untersuchungsperiode die Ungleichheit noch weiter verringern würde.

Die populäre Ansicht lautet hingegen: „Wer hat, dem wird gegeben“. Es ist ein bedeutendes Verdienst der Studie «Wie durchlässig ist die Gesellschaft», diesen Glauben zu entkräften. Nicht alle, aber viele Karten werden immer wieder neu gemischt und «Einkommensausreisser» nach oben und unten laufend korrigiert. Wer 2001 zu den 20% Bestverdienenden gehörte, musste bis 2010 im Durchschnitt eine Einbusse von 20‘000 Franken hinnehmen. Und umgekehrt: Mehrpersonenhaushalte (darunter wohl viele Familienhaushalte und «Working Poor») mit den tiefsten Einkommen des Jahres 2001 konnten ihre Position am meisten verbessern, und zwar unabhängig vom Alter. Im Schnitt wuchs ihr Jahreseinkommen in der Periode 2001 – 2010 um 20‘000 Franken.

Daneben enthält die Studie eine Fülle weiterer Erkenntnisse:

  • Der Grad der Einkommensmobilität ist substanziell, aber nicht unbeschränkt. So gibt es eine Grundneigung, in der angestammten Einkommensklasse zu verbleiben. Trotzdem steigt eine zum Teil deutliche Mehrheit der Haushalte innert zehn Jahren auf oder ab.
  • Innerhalb des Mittelstandes ist die Einkommensmobilität am höchsten. Dies ist einerseits zu erwarten, denn in der Mitte sind die Möglichkeiten zum Auf- oder Abstieg naturgemäss am grössten, und die mittleren Einkommen liegen näher beieinander als die hohen. Die grosse Mobilität erklärt andererseits aber auch die Sorgen und das verbreitete Unbehagen im Mittelstand. Immerhin sind die Chancen für den Auf- oder Abstieg symmetrisch verteilt, d.h. es ist keine Grundtendenz für den Abstieg auszumachen.
  • Nicht überraschend ist die Einkommensmobilität in jungen Jahren wesentlich höher als in späteren Phasen der Erwerbskarriere. In der Alterskategorie 18-24 Jahre ist noch fast alles im Fluss. Von ärmsten 20% der Haushalte steigen immerhin 8% in die Klasse der 20% Bestverdienenden auf, weitere 16% in die nächste tiefere Einkommensklasse. Im Alter von 35 – 44 Jahren wird eine durchschnittliche Mobilität der Einkommen erreicht. Im Rentenalter ist die Einkommensschichtung hingegen weitgehend starr, was angesichts der geänderten Einkommensquellen (von Löhnen zu Renten und  Kapitaleinkommen) nicht erstaunt.
  • Die Einkommensmobilität hat sich in der untersuchten Dekade nur wenig verändert. Sie liegt auch in etwa auf gleicher Höhe mit den Verhältnissen in den 90er Jahren. Es gibt aber Hinweise für einen leichten Zusammenhang mit der Konjunktur: Bei guter Wirtschaftsentwicklung nimmt die Einkommensmobilität zu. Boomphasen und die damit verbundenen Innovationen erleichtern den Aufstieg von Motivierten und Begabten, führen – durchaus im Sinne Schumpeters «creative destruction»  – aber auch zum Abstieg oder gar zum Scheitern anderer.
  • Im internationalen Vergleich nimmt der Kanton Zürich bezüglich Einkommensmobilität eine leicht unterdurchschnittliche Position ein. Sie bewegt sich etwa auf der Höhe von Deutschland und Österreich. Die Unterschiede unter den entwickelten westlichen Ländern sind allerdings generell klein. Da die Methodik und vor allem die Datengrundlagen der Vergleichsstudien unterschiedlicher nicht sein könnten, muss dieser Vergleich aber mit Vorsicht genossen werden.