Die Schweizer Unternehmen sind derzeit besonders gefordert, produktiver zu werden und den Kostennachteil durch den starken Franken mit innovativen Produkten zu kompensieren. Aufgabe der Politik ist es, die bestmöglichen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen.

Gerade unter den jetzigen Umständen ist es entscheidend, dass die Firmen bei der Umsetzung von Massnahmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, nicht behindert werden.|Avenir Suisse

Gerade unter den jetzigen Umständen ist es entscheidend, dass die Firmen bei der Umsetzung von Massnahmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, nicht behindert werden. (Bild: © Fotolia/Valerie Potapova)

Der Entscheid der Nationalbank vom 15. Januar, den Euromindestkurs aufzuheben und die damit verbundene Aufwertung des Frankens hinterlassen deutliche Spuren. Die Konjunktur hat sich seither deutlich abgekühlt und die Bremswirkung des Aussenhandels ist nicht zu übersehen. Besonders betroffen sind auf den EU-Markt ausgerichtete Unternehmen der Maschinen-, Elektro– oder der Metallindustrie; aber auch der Tourismus leidet unter der Verteuerung seiner Dienstleistungen. Bisher resistente Branchen wie die Chemie/Pharma oder die Uhrenindustrie spüren den Effekt des erstarkten Frankens ebenfalls. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden sich mit einer Zeitverzögerung auch bemerkbar machen.

Trotzdem ist Panikstimmung weder gerechtfertigt noch hilfreich. Einerseits war die Abkehr vom Mindestkurs im volatilen europäischen Umfeld nicht mehr abzuwenden – es war die einzig ökonomisch sinnvolle Option für die Notenbank. Nur so kann sie die Risiken der Geldpolitik wieder in eigener Verantwortung übernehmen. Eine unabhängige Notenbank ist der beste Garant für langfristig stabile monetäre Verhältnisse – einer der wichtigsten Standortvorteile der Schweiz. Zudem gibt es durchaus gute Möglichkeiten für den Umgang mit einem starken Schweizerfranken.

Die starke internationale Verflechtung der Schweiz erweist sich dabei als Vorteil. Die im Ausland bezogen Vorleistungen verbilligen die Produktionskosten. Dies gilt insbesondere für die Textilindustrie, die Chemie und die Pharma, bei denen der Vorleistungsanteil nahezu 50% beträgt. Zudem nehmen neben dem Euro andere Währungen wie der Dollar eine immer wichtigere Rolle im Aussenhandel ein. Gemessen an einem handelsgewichteten realen Wechselkurs betrug die Aufwertung des Frankens weniger als 10%. Auch der niedrige Erdölpreis kompensiert durch tiefere Produktionskosten (teilweise) die rückläufigen Erträge .

Geforderte Unternehmen

Trotz dieser relativierenden Faktoren sind die Unternehmen stark gefordert. Sie müssen ihre Geschäftsstrategien überprüfen, nach weiteren Möglichkeiten von Produktivitätssteigerungen suchen und möglicherweise auch einzelne Elemente der Wertschöpfung ins günstigere Ausland verlagern. Nur die qualitativ besten und innovativsten Produkte und Dienstleistungen vermögen langfristig den Wohlstand in unserem Land zu sichern .

Der starke Franken beschleunigt den Strukturwandel hin zu Bereichen mit einer hohen Wertschöpfung. Diesen gilt es zuzulassen und von Seiten der Wirtschaft aktiv mitzugestalten. Besonders der Tourismus, der sich kaum durch Vorleistungen aus dem Ausland absichern kann, ist gefordert, seine Kräfte zu bündeln: im Standortmarketing, durch Einkaufsgemeinschaften oder mit neuen Leuchtturmprojekten.

Dabei muss aber klar im Auge behalten werden, das sich die Massnahmen je nach Branche und Unternehmen unterscheiden. Es liegt in der Verantwortung der Unternehmensführungen, mögliche Schritte zu prüfen und umzusetzen. Der oft diagnostizierte Vertrauensschwund zwischen Wirtschaft, Politik und Bevölkerung könnte jedoch die Umsetzung erschweren. Gerade unter den jetzigen Umständen ist es aber entscheidend, dass die Firmen bei der Umsetzung von Massnahmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, nicht behindert werden.

 Standortbedingungen verbessern

Der Wirtschaftspolitik kommt die Aufgabe zu, die Standortbedingungen für die Wirtschaft laufend zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit und damit den Wohlstand für die Schweiz zu erhalten. Bereits seit einiger Zeit zeichnet sich jedoch ab, dass die Pflege dieser Standortbedingungen vernachlässigt wurde. Die Schweiz fällt in internationalen Rankings zurück, das letzte Beispiel ist die Rangliste der wettbewerbsfähigen Länder des IMD. Die Liste der notwendigen Anstrengungen zur Wiedererlangung eines Spitzenplatzes ist weder innovativ, noch neu. Dazu gehören insbesondere Verbesserungen der steuerlichen Rahmenbedingungen (keine höheren Kapitalsteuern im Tiefzinsumfeld), die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes (die Problematik von starren Nominallöhnen und Renten bei sinkender Teuerung wird thematisiert) bei gleichzeitiger Stabilisierung der Sozialwerke (Avenir Suisse schlägt eine Koppelung des AHV-Rentenalters an die Lebenserwartung vor) . Hinzu kommt die zwingend notwendige Sicherstellung des Marktzuganges zum europäischen Binnenmarkt und die Stärkung des Wettbewerbes im Inland (die Stichworte dazu sind: eine konsequentere Marktöffnung auch im Agrarbereich, die Durchsetzung des Casis-de-Dijon Prinzips sowie der Abbau von Handelshemmnissen, nicht zuletzt durch den zügigen Ausbau des Netzes von Freihandelsabkommen). Die Politik ist hier gefordert.

Regulierungsstopp

Viel zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit kann mit einem konsequenten und zügigen Abbau von administrativen Belastungen der Wirtschaft erreicht werden. Mit einer konsequenten Umsetzung der auf dem Tisch liegenden Vorschläge wären Einsparungen bis zu 5% des Bruttosozialproduktes innert nützlicher Frist möglich. Ein Einheitssatz bei der Mehrwertsteuer allein würde die Kosten für die Unternehmen um mehrere 100 Mio. Fr. reduzieren. In der Bauwirtschaft machen die Regulierungskosten bis zu einem Drittel des Projektvolumens aus (Quelle: SECO, 2014.). 26 unterschiedliche Gesetzgebungen im Planungs- und Baurecht erschweren deren Anwendung besonders für Unternehmen, die in verschiedenen Kantonen tätig sind. Und immer kommen noch neue Gesetze dazu.

Aber nicht nur bei bestehenden Regulierungen muss eine rigorose Überprüfung stattfinden. Der Fokus sollte auch bei der Ausarbeitung von neuen Gesetzesvorlagen vermehrt auf die Kostenfolgen gelegt werden. So schiessen beispielsweise die umfangreichen Vorlagen im Finanzbereich weit über die Ziellinie hinaus. Konkret schlägt Avenir Suisse zur Eindämmung der Regulierungsflut drei Massnahmen vor: 1.) Eine standardisierte und normierte Berechnung der Regulierungskosten über alle Bereiche. 2.) Eine unabhängige Prüfstelle zur Verbesserung der Qualität neuer Regulierungen. 3.) Einfache und klare Reduktionsziele für die administrative Belastung der Wirtschaft und Bürger.

Keine Konjunkturpakete

Umfangreiche konjunkturpolitische Massnahmen sind weder notwendig, noch erfolgsversprechend. Die Schweiz hat mit der Arbeitslosenversicherung, insbesondere auch mit der flexiblen Handhabung der Teilzeitarbeitslosigkeit, sowie mit der Schuldenbremse bereits wirksame automatische Stabilisatoren im System eingebaut.

Die Erfahrung mit früheren Frankenaufwertungen hat gezeigt, dass die Schweizer Wirtschaft in Bezug auf Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit gestärkt aus einer solch schwierigen Phase herausfinden kann. Dazu braucht sie die Unterstützung der Politik. Auch hier hat die Vergangenheit gezeigt, dass in schwierigen Situationen der Mut zu Reformen zunimmt.

Weitergehende Informationen finden Sie im neuen avenir spezial «Wettbewerbsfähig mit starkem Franken» (Juni 2015).