Auge um Auge, Zoll um Zoll: Im aktuellen Handelskonflikt zwischen den USA und den restlichen G7-Staaten verfestigen sich die Fronten. Dabei folgen viele Staaten dem Grundsatz aus dem Alten Testament buchstabengetreu.

Auf die Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, Zölle auf Stahl und Aluminium einzuführen, reagierte die internationale Gemeinschaft prompt. China, Russland, Mexiko und Kanada haben Vergeltungsmassnahmen gegen die USA angekündigt. Die EU wird demnächst ebenfalls Strafzölle auf Importe im Wert von 3,8 Mrd. $ erheben– nicht nur auf Stahl und Aluminium, sondern auch auf ausgewählte andere Dinge wie Harley-Davidson-Motorräder oder Kentucky-Bourbon-Whiskey.

Vergeltungsmassnahmen in der Höhe der amerikanischen Strafzölle sind nach den internationalen Handelsregeln der WTO legitim. Darüber hinaus möchten die EU, Kanada und Co. mit ihren selektiven Vergeltungszöllen wohldefinierte taktische Ziele erreichen: Sie versuchen, jene Gruppen zu treffen, die Trump mit seinen Zöllen bevorteilt (etwa die US-Stahlindustrie) oder die den grössten Einfluss auf die amerikanische Regierung ausüben können. Dies, ohne den Konsumenten und Unternehmen in der EU wehzutun. Daher trifft die Vergeltung die erwähnten, zum Teil skurril anmutende Auswahl an Gütern.

Die Parabel des zornigen Nachbarn

Ist das die korrekte Reaktion? Eine Antwort könnte man in einer «Parabel des zornigen Nachbarn» formulieren – die so weder im Alten noch im Neuen Testament vorkommt, aber hiermit zur Aufnahme angeboten wird:

Ein schroffer und zorniger Mann liess sich im Dorfe nieder. Er entschied sich für ein Leben in Autarkie und weigerte sich kategorisch, das ihm von den Nachbarn angebotene Obst und Gemüse zu kaufen. Verwirrt ob dieser Unsitte, baten die Bewohner den Dorfweisen um Rat. «Wenn es sein Wille ist, so sei es», lautete die Antwort. «Diese Haltung wird ihm ein Leben voller Mühen bescheren und eine abwechslungsarme Diät.» Man könne zwar bedauern, dass der Nachbar nicht am Reichtum der Gemeinschaft teilhaben wolle, so der Weise, denn dadurch nähmen die Tauschmöglichkeiten im Dorf ab, was auch den Reichtum des Dorfes verringere. «Aber richtet nicht.» Nun ergab es sich aber, später an jenem Tag, dass sich der zornige Nachbar plötzlich bereit erklärte, den vorzüglichen Saft seiner Reben für wenige Sesterzen zu offerieren. Die Dorfbewohner baten erneut den Weisen um Rat. Dieser sprach abermals klar und offen: «Begegnet allen Menschen mit Achtung, auch dem Zornigen.» Denn nur die Törichten würden sich weigern, den fast geschenkten Wein zu kaufen, bloss weil der Verkäufer die eigene Ware meidet. Wer mit Vergeltung drohe und den Wein aufgebe, werde sich in einer noch schlechteren materiellen Situation wiederfinden.

Comic zum Thema Handelsstreit aus dem Jahr 1831, USA (Henry Clay: Project Gutenberg)

Der Streit um Handelshemmnisse ist so alt wie der Handel selbst. (Wikimedia Commons)

Ökonomen nehmen heutzutage Parabeln bekanntlich nur dann ernst, wenn sie in mathematischen Formeln geschrieben sind. Und sie reden technisch lieber von «unilateraler Zollliberalisierung» als von günstigem Rebensaft. Doch sie meinen damit ein und dasselbe: Dass es sich lohnt, Zölle und weitere Handelshemmnisse einseitig zu senken – also ohne auf Reziprozität zu pochen –, um den Wohlstand in der eigenen Volkswirtschaft zu maximieren.

Diese Idee sollte sich in der aktuellen Auseinandersetzung auch Europa zu Herzen nehmen. Die ökonomisch sinnvollste Antwort auf die Zölle von Trump ist: Cool bleiben! Und die heimischen Zölle senken, die trotz mehrerer Liberalisierungsrunden in den letzten Jahrzehnten noch bestehen blieben.

In seiner Kolumne in der «New York Times» bemerkte der US-Ökonom Paul Krugman kürzlich, dass «die einfachsten ökonomischen Zusammenhänge» in der Handelspolitik leider kaum eine Rolle spielten. Die Feststellung ist in der Tat bitter. Was Krugman allerdings übersieht, ist, dass eine konziliante, ohne Vergeltung auskommende Politik nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch politisch klug wäre.

Die weltwirtschaftliche Verflechtung fördern

Viele Länder haben in den letzten drei Jahrzehnten ihre Zölle ohne Gegenleistung gesenkt. Das geschah weder aus Nächstenliebe, noch weil sie besonders neoliberal ticken. Vielmehr lag es in ihrem eigenen Interesse.

Indem sie beispielsweise die Einfuhrbarrieren für halbfertige Produkte senkten, konnten aufstrebende Länder wie China einen Teil der Produktionskette der Industrienationen übernehmen. Damit setzte eine weltweite Spezialisierung ein. Das Smartphone bleibt zwar designed in California, die arbeitsintensiven Verarbeitungsprozesse der einzelnen Komponenten finden jedoch in zwei Dutzend Ländern statt. Und die chinesische Regierung konnte ihr Ziel erreichen, eine Industriemacht zu werden.

Quasi als Nebenprodukt davon hat die Verzahnung der Weltwirtschaft stark zugenommen. Heute sind viele US-Konzerne auf ihre chinesischen Partner angewiesen, sofern sie international wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Wenn andere Länder also innerhalb der USA Verbündete gewinnen wollen – etwa in der Technologie- oder Pharmabranche –, die beim zornigen Donald Trump vorsprechen und gegen dessen Zölle lobbyieren würden, sollten sie dafür sorgen, dass möglichst viele Vorleistungen für US-Firmen aus den Vereinigten Staaten nach Asien oder nach Osteuropa ausgelagert werden.

Eine Eskalationsspirale vermeiden

Genau dazu würde eine einseitige Zollsenkung seitens der EU beitragen. Sie würde zu einer noch enger verflochtenen Weltwirtschaft führen – in der die Anreize immer kleiner würden, dass ein Land von sich aus Zölle beschliesst. Und genau deshalb wäre es auf die lange Sicht auch schädlich, wenn die von Trump angegriffenen Länder nun mit Gegenmassnahmen auf die Provokationen mit flächendeckenden Zollerhöhungen reagierten.

Und sowieso. Wenn der zornige Nachbar auf seinem Wege weitergeht und es zu einer Eskalationsspirale bei den Zöllen kommt, muss früher oder später ohnehin eine Zeit kommen, in der wir das Gesetz der Vergeltung aufgeben.

Darum macht es für alle von Trump bezollten Länder Sinn, dessen Erstschlag nicht mit einem Gegenschlag zu beantworten. Besser wäre es, sie würden dem US-Präsidenten nach der einen auch noch die andere Wange hinhalten.

Dieser Beitrag ist am 12. Juni 2018 in der «Republik» erschienen.