Die Diskussion um die Festlegung des Zeitpunkts der Stilllegung der Schweizer Kernkraftwerke wird oft als weitgehend faktenfreie Glaubensfrage diskutiert. Dabei ist gerade bei einem so komplexen Thema eine differenzierte Betrachtung notwendig.

Luftaufnahme vom AKW Gösgen. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Jules Vogt)

Sofort stilllegen oder Deckungsbeiträge erwirtschaften? Luftaufnahme vom AKW Gösgen. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Jules Vogt)

Vier verschiedene Betrachtungswinkel ergeben eine differenziertere Sicht auf die Diskussion, die oft allzu verkürzt dargestellt wird.

Technische Betrachtung

Ein Kernkraftwerk (KKW erzeugen im langjährigen Schnitt rund 38% des Stroms in der Schweiz) liefert Bandenergie (auch Grundlast genannt), deckt also primär jene Energienachfrage, die rund um die Uhr und unabhängig von der Saison, den täglichen Nachfrageschwankungen oder dem Wetter anfällt. Der Grund liegt in den technischen bzw. physikalischen Eigenschaften eines KKW, das zwar rasch vom Netz getrennt bzw. ans Netz angeschlossen werden kann, aber längere Vor- oder Nachbereitung benötigt, um Strom zu produzieren, bzw. um die Stromproduktion zu stoppen. Bei einem unmittelbaren Bedarf an Energie lässt sich ein abgestelltes KKW nicht rasch hochfahren, ein laufendes kann nur in geringem Masse seine Leistung erhöhen. Ebenso bedeutet eine Abschaltung nicht, dass mit dem Umlegen des Schalters die Arbeit getan ist. Die Kühlung der Brennstäbe muss weiter aufrechterhalten und überwacht werden.

Neben den KKW liefern auch die Flusskraftwerke der Schweiz Bandenergie, wobei hier bereits das Wetter eine grössere Rolle spielt: Sie müssen bei einem markanten Rückgang des Wasservolumens, z.B. in Trockenperioden, abgestellt werden. Im Gegensatz dazu sind in der Schweiz insbesondere Pumpspeicherkraftwerke in der Lage, rasch Energie bereitzustellen. Ähnlich verhält es sich mit Wasserkraftwerken, bei denen jedoch das einmal genutzte Wasser bei einem Energieüberschuss nicht mehr in den Stausee hochgepumpt werden kann.

Nochmals anders sind die erneuerbaren Energien zu betrachten. Photovoltaik- und Wind-Kraftwerke liefern je nach Tageszeit und Wetter unterschiedliche Energiemengen. Teilweise lässt sich mit ihnen die Spitzenlast am Mittag glätten, da die Sonne dann den höchsten Punkt erreicht. Bei einer «Dunkelflaute» lässt sich aber kein Strom erzeugen, die Einspeisung erneuerbarer Energien ins Netz ist deshalb schwankend und muss vom Netzbetreiber antizipiert werden, um jederzeit die Netzstabilität zu gewährleisten. Einspeisung und Bezug von Strom müssen stets im Gleichgewicht sein, da sonst ein «Blackout» droht.

Speichermöglichkeiten für die Energie, um den Verbrauch zeitlich unabhängiger von der Produktion zu machen, werden erprobt, eine grossflächige Anwendung ist jedoch noch nicht effizient. Bandenergie ist deshalb für eine stabile Energieversorgung aktuell unabdingbar, ein Wegfall der KKW muss deshalb durch ähnlich stabil produzierende Kraftwerke ersetzt werden.

Ökologische Betrachtung

Bei einer Stilllegung der Schweizer KKW muss – ohne hohe Investitionen in den Aufbau einer Ersatzkapazität im Inland – der Strom importiert werden, man geht von rund 9000 GWh pro Jahr aus. Glücklicherweise gibt es seit mehreren Jahren in Europa genügend (auch vorübergehend stillgelegte) Kraftwerke, und die Schweiz ist grundsätzlich eng ins europäische Stromnetz integriert. Ein Ausbau des Netzes vorausgesetzt, ist ein vermehrter Stromimport grundsätzlich möglich. Jedoch ist es beinahe unmöglich, Gewissheit über die Erzeugungsart des importierten Stroms zu haben. Aufgrund des Kraftwerksparks in den Nachbarländern Frankreich und Deutschland kann aber davon ausgegangen werden, dass ein vermehrter Import des sogenannten «grauen Stroms» wahrscheinlich aus Kernkraft, Gas oder Kohle stammen wird. Insbesondere der kurzfristigere, zusätzliche Bedarf an Strom (Grenzkonsum), wenn er nicht durch die Energieerzeugung im Inland abgedeckt werden kann, wird höchstwahrscheinlich in Form von Gas- oder Kohlestrom aus dem Ausland kommen.

Es kann mit grosser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass der Stromverbrauch der Schweiz bei einer raschen Stilllegung der Kernkraftwerke CO2-lastiger wird als bisher. Dies ist nicht im Sinne der Schweizer- und der globalen Klimaziele. Ein verstärkter Bezug von Strom aus Frankreich verringert den erwähnten CO2-Ausstoss, verlagert aber das gerade von den Schweizer Kernkraftgegnern beschworene Unfall-Risiko einfach in unser Nachbarland.

Risikobetrachtung

Die Risikobetrachtung fokussiert auf die Möglichkeit eines allfälligen nuklearen Unfalls mit hohen Schäden. Für die Beurteilung der Kernenergie sind Eintrittswahrscheinlichkeit und erwartete Schadenhöhe eines Unfalls die relevanten Grössen. Redundante Sicherheitssysteme reduzieren die Eintrittswahrscheinlichkeit, können aber, wie auch in der Aviatik, das Risiko nie ganz auf null senken.

Ein zentrales Problem ist, dass Menschen psychologisch schlecht mit extrem geringen Risiken umgehen können. Sind diese auch noch verbunden mit beinahe unvorstellbaren Schadenskosten, versagt eine auf wissenschaftlichen Belegen fundierte Einschätzung. Diese psychologische Anomalie führt dazu, dass die Risiken der Kernkraft fundamental höher eingeschätzt werden, als es rational angezeigt wäre. Die Position für oder gegen Atomkraftwerke ist für viele Personen deshalb eher eine Glaubens- denn eine rational wissenschaftliche oder gar ökonomische Frage.

Ökonomische Betrachtung

Basierend auf den tiefen europäischen Handelspreisen für Strom ist der Betrieb der KKW in der Schweiz heute nicht gewinnbringend. Die Erträge dürften die Gestehungskosten («Produktionskosten» eines KKW) in vielen Fällen nicht decken. Dennoch kann mit einer raschen Stilllegung der Werke netto nichts eingespart werden, im Gegenteil muss mit immensen zusätzlichen Kosten gerechnet werden. Das relevante Wort heisst «Deckungsbeiträge».

Läuft ein Kraftwerk und ist es ans Netz angeschlossen, erwirtschaftet es Erträge. Diese Erträge (Deckungsbeiträge) helfen, die Fixkosten zu decken, die gerade bei einem KKW im Vergleich zu den variablen Kosten (Kosten in Abhängigkeit der produzierten Menge an Strom) den Löwenanteil der Kosten ausmachen. Zu den fixen Kosten gehören beispielsweise die Amortisation der Investitionen (Bau der Anlage und bisher getätigte Ausgaben für zusätzliche Sicherheit), ein Grossteil der Personalkosten sowie die Rückbau- und Endlagerkosten.

Wird nun die Laufzeit der KKW verkürzt, werden weniger Deckungsbeiträge erwirtschaftet als ursprünglich geplant. Die Investitionen können nicht mehr vollständig amortisiert werden, die Fonds für den Rückbau der Anlage und die Endlagerung der Abfälle können nicht mehr wie vorgesehen geäufnet werden. Es entstehen somit Kostenlöcher, die anderweit gedeckt werden müssen. Da die Eigentümer der KKW zu einem grossen Teil der öffentlichen Hand gehören, besteht das Risiko, dass am Ende die Steuerzahler die Löcher werden stopfen müssen.

Ein weiterer ökonomischer Punkt ist die Investitionssicherheit. Vermehrt führen Volksinitiativen und teilweise extreme politische Forderungen zu Unsicherheiten bei Investoren, insbesondere beim Bau langlebiger Infrastruktur. Dies ist dem guten Ruf der Schweiz als Wirtschaftsstandort auf die Dauer abträglich.

Fazit

Jenseits der Glaubensfrage in Bezug auf das Risiko sind die Kosten eines überhasteten Abschaltens der Schweizer KKW hoch, ökonomisch unnötig und ökologisch bedenklich.