Europa: Wer bekommt wie viel vom Ganzen?

Ein innerkontinentaler Vergleich

Vergleiche mit dem Gini-Index, einem oft verwendeten Mass für Ungleichheit, sind praktisch. Besonders differenziert aber sind sie nicht. Der Gini-Index reduziert die ganze Komplexität der Wohlstandsverteilung auf einen einzigen Wert. Über die detaillierte Einkommensverteilung zwischen verschiedenen Schichten sagt er nichts aus – doch genau diese kann aussagekräftig sein, um die Situation der Menschen in verschiedenen Ländern zu vergleichen. Welchen Anteil an den Einkommen ihres Landes halten beispielsweise die 10 % der Spanier mit den niedrigsten Löhnen? Welchen die 10 % der Topverdiener? Und wie sehen diese Kennzahlen in Norwegen oder der Schweiz aus? Soviel vorweg: In wohlhabenderen Ländern geht es auch den Ärmsten deutlich besser.

Um zu verstehen, wie die Einkommensschichten in verschiedenen Ländern im internationalen Vergleich dastehen, können wir uns beispielsweise am europäischen Durchschnitt orientieren. Im europäischen Durchschnitt erhielten 2015 jeweils die ärmsten 10 % eines Landes 3 % der Einkommen, die zweitärmsten 5 %, und die reichsten 24 % der Einkommen.


Wie unterscheiden sich diese Anteile innerhalb Europas? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein kleines Gedankenspiel. Denn die unterschiedlichen Anteile kommen erst dann zur Geltung, wenn sie ins Verhältnis zum europäischen Mittel gestellt werden. Im Folgenden wird gezeigt, um wie viel die Anteile der verschiedenen Einkommensschichten vom europäischen Durchschnitt abweichen. So wird deutlich, ob im europäischen Vergleich unter- oder überdurchschnittliche Anteile der gesamten Einkommen eines Landes an eine bestimmte Einkommensschicht fliesst. Zunächst die Situation in der Schweiz: Wie gut zu erkennen ist, weichen die Anteile in der Schweiz am unteren und in geringerem Masse auch am oberen Ende der Verteilung vom europäischen Durchschnitt ab. Das bedeutet, dass hier ein grösserer Teil der Einkommen zu den Ärmsten und (in geringem Ausmass) auch zu den Reichsten der Bevölkerung fliesst als im Mittel aller Länder.

Wie dieser Vergleich der Einkommensanteile in anderen europäischen Ländern ausschaut, zeigt die untenstehende Abbildung. Die Länder sind sortiert nach den Anteilen der Einkommen, die den Ärmsten zufliessen. Oben links, in Finnland, erhalten die ärmsten 10 Prozent einen um 60 Prozent höheren Anteil an den gesamten Einkommen ihres Landes als im europäischen Durchschnitt. Unten rechts, in Serbien hingegen sind die Armen relativ gesehen deutlich schlechter gestellt als im Rest von Europa – ihr Anteil an den gesamten Einkommen beträgt gerade einmal 50 Prozent des europäischen Durchschnitts.

Das Muster in dieser Verteilung spiegelt sich in der Farbe der Linien. Je grösser der Wohlstand (gemessen als Medianeinkommen) in einem Land ist, desto dunkler die Linie. Insgesamt zeigt sich: In der Regel erhalten die unteren Einkommensschichten in den reicheren Ländern einen grösseren Anteil vom gesamten Einkommen als in ärmeren Ländern. Es geht ihnen also nicht nur absolut besser als anderswo, sondern auch im Vergleich mit ihren Mitbürgern.

Zusätzliche Informationen
Begriffe

  • Gini-Index: Eine oft verwendete Kennzahl zur Verteilung. Am Beispiel der Einkommen bedeutet sie, dass bei einem Wert von 0 alle Personen genau das gleiche Einkommen erhalten und bei einem Wert von 1 eine Person alles und der Rest nichts erhält.

Daten

  • Die Abbildung beruht auf Daten der SILC (Statistic on Income and Living Conditions). Diese Daten werden mittels Umfragen erhoben und dann gewichtet, um ein repräsentatives Bild zu erhalten. Die Umfrage wird europaweit in standardisierter Form erhoben. Für die Schweiz entspricht die Stichprobe rund 8000 Haushalten, respektive rund 17‘000 Personen.
  • Die Darstellungen zeigen die Anteile am gesamten verfügbaren Einkommen. Das heisst, sie sind bereinigt um obligatorische Ausgaben (beispielsweise Steuern).
Teil des Beitrags:

Wie gut geht es uns?

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