Vergessenes Schweizer Erfolgsmodell

Entscheidend ist, wie der Arbeitsmarkt verteilt

Es sollte uns gelassen stimmen, dass sich die Ungleichheit an verschiedenen Orten doch sehr anders entwickelt. Das ist ein Hinweis darauf, dass kluge Politik zumindest einer von mehreren Faktoren ist, der die Ungleichheit beeinflusst (ourworldindata.org). Welche Massnahmen aber sind klug – und welche eher nicht?

Die Schweiz, dies gleich vorweg, greift im internationalen Vergleich wenig in die Verteilung der Einkommen ein. Nur gerade drei Länder weisen kleinere Veränderungen auf: die Türkei, Chile und Südkorea. Das lässt sich in der Grafik auf Basis von OECD-Zahlen erkennen, die Länder nach dem Ausmass ihrer Umverteilung von oben links nach unten rechts ordnet. In der Schweiz ändert sich der Gini-Index als Mass für die Ungleichheit mit der Umverteilung (schwarzer Strich) vergleichsweise wenig: Er nimmt nur gerade um 0,1 Indexpunkte ab im Vergleich zum Ausgangswert der Markteinkommen (Balken). Selbst die USA und einige der baltischen Staaten, die nicht gerade für überbordende Sozialstaaten bekannt sind, greifen stärker in die Verteilung ein (Schwarz 2013).


Der Grund für diese Schweizer Zurückhaltung ist offensichtlich: Es gibt schlicht wenig Anlass zur Umverteilung. Der Schweizer Arbeitsmarkt schafft bereits ohne staatliche Eingriffe einen viel gleichmässigeren Output als andere Länder. Der Gini-Index vor Umverteilung beträgt in der Schweiz nur knapp 0,4. In den USA (0,51), Grossbritannien (0,53) und etwa auch im als egalitär bekannten Frankreich (0,5) sind die Einkommen deutlich ungleicher verteilt.
Das also ist das Erfolgsrezept der Schweiz: Eine gleichmässige Verteilung lässt sich auch erreichen, indem dafür gesorgt wird, dass bereits die Löhne gleichmässig verteilt sind. Hier setzt kluge Politik an: unter anderem mit breit zugänglicher, guter Bildung, einem liberalen Arbeitsmarkt (Schlegel 2017), einer funktionierenden Sozialpartnerschaft und einem hohen Anteil an Erwerbstätigen. Das ist deutlich erfolgsversprechender als Eingriffe durch staatliche Umverteilung, die immer auch mit Wohlstandsverlusten verbunden sind.

Zusätzliche Informationen
Daten

  • Es wurden Daten verwendet für das Jahr 2013. Verglichen wird der Gini des Markteinkommens mit jenem des verfügbaren Einkommens.
  • Das Markteinkommen entspricht der Summe der Arbeitseinkommen und dem Kapitaleinkommen. Das verfügbare Einkommen entspricht der Summe der Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen und Transfereinkommen abzüglich Steuern und Abgaben für die soziale Sicherheit.
  • Die Daten stammen von der OECD. Sie wurden bereitgestellt auf ourworldindata.org. https://ourworldindata.org/income-inequality/.

Begriffe

  • Gini-Index: Eine oft verwendete Kennzahl zur Verteilung. Am Beispiel der Einkommen bedeutet sie, dass bei einem Wert von 0 alle Personen genau das gleiche Einkommen erhalten und bei einem Wert von 1 eine Person alles und der Rest nichts erhält.

Quellen

Teil des Beitrags:

Wie gut geht es uns?

https://www.avenir-suisse.ch/microsite/verteilung/vergessenes-erfolgsmodell