Wir werden reicher – und keiner merkt’s

Was Lohnstatistiken verbergen

Stellen Sie sich vor, Sie fordern an Ihrem nächsten Mitarbeitergespräch mehr Lohn und gleichzeitig eine kürzere Arbeitswoche. Sie müssten schon sehr gute Argumente haben, um mit einer solchen Forderung durchzukommen. Doch genau dieser Doppelerfolg ist der Gesellschaft gelungen. Immer und immer wieder – und zwar so lange die Daten zurückreichen.

1950 arbeitete der durchschnittliche Beschäftigte (Teilzeit und Vollzeit) rund 1900 Stunden pro Jahr gegen Entgelt. Knapp 70 Jahre später hat sich diese mittlere Jahresarbeitszeit um mehr als einen Fünftel auf 1570 Stunden reduziert. Bei einer gleichbleibenden Arbeitswoche von 42 Stunden würde das rund zehn Wochen zusätzlicher Ferienzeit pro Kopf entsprechen. Eingelöst wird diese mit mehr Teilzeitarbeit, weniger Wochenstunden oder mehr Auszeiten.

Damit ist aber erst ein Teil der Erfolgsgeschichte erzählt, wie die Abbildung oben zeigt. Wir generieren trotz kürzeren Arbeitszeiten viel mehr Wohlstand: Das BIP pro Beschäftigter ist in der gleichen Zeit von 40‘000 internationalen Dollar auf über 96‘000 internationale Dollar angestiegen – also um mehr als das Doppelte (zu Preisen von 2014). Und das liegt nicht etwa daran, dass die Anzahl Beschäftigter abgenommen hätte – sie ist im Gegenteil gestiegen. Natürlich ist eine Reduktion der Arbeitszeit nicht immer freiwillig, sondern manchmal auch wirtschaftliche Realität in Form von kurzfristiger Kurzarbeit oder Unterbeschäftigung. Und es geht um Trends, nicht um genaue Werte, die von steigender Teilzeitarbeit (bei höherer Erwerbsquote), Umrechnung von Wechselkursen und methodischen Eigenheiten beeinflusst sind (Schwarz 2013). Doch Studien und jüngere Statistiken des Bundes, deren Zahlen auf Vollzeitäquivalente hochgerechnet wurden, bestätigen die Tendenz: Wir arbeiten insgesamt weniger bei grösserem Output.

Eine wichtige Frage – und historisch auch eine der politisch brisantesten – ist die Folgende: Haben wir als Arbeitnehmer darüber hinaus auch noch in finanzieller Hinsicht etwas davon? Anders gefragt: Sind auch die Löhne entsprechend gestiegen?

Nicht jede Lohnstatistik eignet sich für einen Vergleich über die Zeit

Die Frage, wie sich die Löhne in der Schweiz entwickeln, ist eigentlich eine einfache. Doch sie zu beantworten, verlangt nach besonderer Sorgfalt – je nach Datengrundlage fällt die Antwort anders aus. Zunächst: Alle Quellen sind sich einig, dass die Reallöhne gestiegen sind. Das Ausmass jedoch beziffern sie unterschiedlich, wie ein Vergleich von Daten der AHV-Löhnen und des Lohnindexes des Bundes zeigt. Nimmt man Letzteren zum Anhaltspunkt, wird das Wachstum der Reallöhne oft deutlich unterschätzt. Zu den Gründen hierfür gleich mehr.
Gemäss dem schweizerischen Lohnindex sind die Löhne zwischen 1982 und 2014 für Männer um 19 % und für Frauen um 24 % gestiegen. Das ist bereits stattlich, doch AHV-Daten zeigen ein noch optimistischeres Bild. Sie verweisen auf einen Anstieg des Durchschnittslohns von 54 % bei den Frauen und von 32 % bei den Männern. Woher also kommt diese Differenz?

Der Lohnindex des Bundes wird oft zitiert und oft verwendet. Doch seine Methodik eignet sich im Grunde nicht, um die Entwicklung der Löhne über einen längeren Zeitraum hinweg zu beschreiben. Dies deshalb, weil er die Veränderung der Arbeitslandschaft und damit die Zusammensetzung aller Arbeitnehmenden nicht ausreichend berücksichtigt (BFS 2015). Der Lohnindex nimmt vielmehr nur eine möglichst konstante und homogene Arbeitseinheit an und berechnet deren «reine» Preisentwicklung. Die steigenden Qualifikationen und das steigende Anspruchsniveau der Jobs schlagen sich so nicht nieder. Entsprechend wird die Statistik immer unzuverlässiger, je länger die Zeitspanne zwischen dem Basisjahr und der damit verglichenen Periode ist. Er ist so ungeeignet, um unsere Frage, um wie viel die Löhne in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen sind zu beantworten. Fazit: Die Reallöhne sind seit den 1980-ern insgesamt stärker gestiegen, als dies angenommen wird – um nahezu die Hälfte bei den Frauen und nahezu ein Drittel bei den Männern. Weniger Arbeitsstunden, mehr Output, höhere Löhne: Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Schweiz eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat.

Haben nur die Reichsten profitiert?

Schön und gut, dieser Lohnzuwachs, aber profitiert haben nur die Reichen. Die Armen hingegen gehen unter, in der Statistik genauso wie im Leben – könnte man sagen.

Die Statistik des Bundes spricht dazu eine andere Sprache, wie die Abbildung unten zeigt. Sie teilt die Schweizer Bevölkerung nach ihrem Einkommen in zwanzig gleich grosse Bevölkerungsteile auf (Ventile). In der ersten Gruppe (links in der Grafik) sind die Ärmsten der Bevölkerung, in der zwanzigsten Gruppe ganz rechts sind die Reichsten abgebildet. Für jede dieser Gruppen wird das durchschnittliche Einkommenswachstum zwischen 2008 und 2015 dargestellt. Das Verdikt ist relativ überraschend: Real am stärksten zugelegt hat die hier unterste Einkommensschicht. Im Durchschnitt über die Jahre sind ihre Einkommen um über zwei Prozent gestiegen. Am anderen Ende der Verteilung dagegen beträgt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate im selben Zeitraum rund 1,2 Prozent. Der obere Mittelstand hat ein Einkommenswachstum von knapp unter 1,5% und damit weniger zugelegt als die unteren Einkommensschichten – aber in der Tendenz immer noch mehr als die Oberschicht.

Zusätzliche Informationen
Daten

  • Äquivalenzeinkommen: Der Vergleichbarkeit halber werden die Einkommen auf einen Einpersonenhaushalt heruntergerechnet. Sie umfassen das verfügbare Einkommen. Das heisst, obligatorische Ausgaben (beispielsweise Steuern) sind bereits abgezogen.
  • Die Auswertungen basieren auf Daten der Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen (SILC). Die Daten basieren auf einer Stichprobenerhebung bei rund 8000 Haushalten, das heisst bei rund 18‘000 Personen. In der Schweiz wird die SILC seit 2007 durchgeführt.
  • Das reichste Zwanzigstel wird, wie auch bei Eurostat, wo die Resultate der SILC europaweit zugänglich gemacht werden, nicht dargestellt. Wie üblich bei Einkommensdaten, die auf Umfragewerten basieren, sollte die Aussagekraft der Werte für die obersten Einkommen trotz Gewichtung nicht überschätzt werden.

Quellen

Teil des Beitrags:

Wie gut geht es uns?

https://www.avenir-suisse.ch/microsite/verteilung/wir-werden-reicher-und-keiner-merkts