Der Tourismuskritiker Benedikt Loderer hat in Graubünden mit durchaus provokativen Aussagen eine Diskussion über die Nachhaltigkeit des Tourismus losgetreten. Daniel Müller-Jentsch stellte in diesem Zusammenhang in einem Gastbeitrag fest, dass die Thesen Loderers zu kurz greifen und der Bündner Tourismus bei einer ganzheitlichen Betrachtung durchaus nachhaltig ist. 

Loderer-These 1: «Nachhaltigen Tourismus gibt es nicht»

In Graubünden ergänzen sich Massentourismus und sanfter Tourismus in vielerlei Hinsicht, im Bild die Bergeller Gemeinde Soglio (Quelle: Fotolia)

Auf den ersten Blick hat Benedikt Loderer mit dieser These einen validen Punkt getroffen: Die Nachhaltigkeit vieler Tourismusprodukte am Urlaubsort wird durch die Umweltbelastung der An- und Abreise zunichte gemacht, und dies wird in der Diskussion um nachhaltigen Tourismus häufig ausgeklammert.

Aber die These von Loderer ist nicht konsequent zu Ende gedacht. Der Grad der Nachhaltigkeit ergibt sich immer relativ zu den Alternativen, und da Ferien in entwickelten Ländern zu den Grundbedürfnissen gehören, stellt sich die Frage, ob wir mehr oder weniger Ressourcen verbrauchen. Nicht Loderers «Stubenhocker» ist der relevante Vergleichsmassstab, um die Nachhaltigkeit des Tourismus zu beurteilen, sondern Ferien in anderen Destinationen.

Und hier kommt die An- und Abreise der Ökobilanz zugute, denn die meisten Touristen kommen aus der Schweiz und den Nachbarländern. Für die meisten ist die Alternative ein Flug nach Spanien, Dubai oder Thailand und somit eine ökologisch deutlich weniger nachhaltige Form der Freizeitgestaltung. Ein Grund für den Rückgang der Logiernächte in Graubünden war in den letzten Jahren auch der Preisverfall bei Fernreisen. Wenn es Graubünden gelingt, Marktanteile zu behaupten, schont dies – relativ gesehen – die Umwelt.

Aber auch was das Tourismusprodukt vor Ort betrifft, sind Ferien in Graubünden sicher nachhaltiger als an vielen anderen Destinationen. Graubünden hat viele Angebote im sanften Tourismus, in Graubünden spielen regionale Produkte eine grosse Rolle ebenso wie naturnahe Freizeitaktivitäten. Die neuen Beschränkungen des Zweitwohnungsbaus werden künftig den Landschaftsverschleiss deutlich reduzieren. Und wenn es Graubünden gelingt, den Tourismus in der Sommersaison auszubauen, wird sich die Ökobilanz nochmals verbessern, denn der Wintertourismus ist ressourcenintensiver.

Vor allem aber hat Nachhaltigkeit nicht nur eine ökologische Dimension, sondern auch eine soziale und eine ökonomische. Der Tourismus als wichtigster Wirtschaftszweig im Berggebiet ist essenziell, um in weiten Teilen Graubündens die Lebensgrundlage zu sichern und die Sozialstrukturen, kulturellen Traditionen und Lebensweisen zu erhalten. Bei einer solch umfassenderen Betrachtung ist der Tourismus im Bündnerland durchaus nachhaltig.

Loderer-These 2: «Graubünden hat die Wahl zwischen Massentourismus und Armut»

Wie viele zugespitzte Thesen Loderers enthält auch diese einen wahren Kern. Der Massentourismus in den grossen Destinationen ist das Rückgrat der Tourismusbranche in Graubünden – hier entsteht ein Grossteil der Wertschöpfung, der Arbeitsplätze und somit des Wohlstands. Aber der Erfolg des Massentourismus basiert auch auf seiner hohen Effizienz: ProTourist oder Logiernacht ist er häufig weniger ressourcenintensiv als der Individualtourismus.

In Graubünden ergänzen sich Massentourismus und sanfter Tourismus in vielerlei Hinsicht. Der Massentourismus ist die Pflicht, der sanfte Tourismus ist die Kür. Destinationen wie Davos oder St. Moritz sind regelrechte Tourismusmaschinen. Wenn man deren verschandelte Ortsbilder betrachtet, sieht man wenig von Nachhaltigkeit. Aber die räumliche Konzentration des Massentourismus hat auch dazu geführt, dass in unmittelbarer Umgebung intakte Natur- und Kulturlandschaften erhalten werden konnten und weite Teile noch viel von ihrer Urtümlichkeit und ihrer Authentizität behalten haben. Gerade das macht die Qualität von Graubünden als Tourismusdestination aus, und dies gilt es zu bewahren.

Dieser Artikel erschien in «Die Südostschweiz» vom 03. Mai 2013
unter dem Titel «Nicht konsequent zu Ende gedacht».