«Wir verlassen uns zu sehr auf Regeln statt auf das Denken»: Der renommierte Psychotherapeut Allan Guggenbühl präsentierte an einer Diskussionsveranstaltung bei Avenir Suisse sein neues Buch «Die vergessene Klugheit». Er zeigte anhand von Beispielen aus Politik, Bildung und Wirtschaft auf, dass auch vermeintlich kompetente Gremien immer wieder Entscheide treffen, die von einem Denken in vorgespurten Bahnen zeugen.

Allan Guggenbühl

Allan Guggenbühl im Gespräch bei Avenir Suisse.

Warum verabschieden Expertengremien immer wieder Regelwerke, die sich in der Praxis als untauglich erweisen? Allan Guggenbühl glaubt, dass Überregulierung zunehmend die menschliche Klugheit aushebelt. Normen, Regeln und die allgegenwärtige Einführung von «Best practice» seien eine Antwort auf die menschliche Unvernunft, auf tragische (Einzel-) Fälle menschlichen Versagens. Oft sei einfach der öffentliche politische Druck, Regeln aufzustellen, grösser als der gesunde Menschenverstand. Das bestätigte in der Diskussion auch Alt Bundesrätin Ruth Metzler. Doch gesellschaftliche Herausforderungen könnten nicht mittels Checklisten gelöst werden. Für Guggenbühl ist klar: «Es braucht Normen, die das Zusammenleben regeln, aber die heutigen Standards sind oft zu eng.» Auch, weil diese meist in geschlossenen Gruppen entwickelt würden. Es fehle die praktische Klugheit der Basis der Facharbeiter, Lehrer, Polizisten oder Lernenden.

Neue Ideen entstehen durch Irritation

Guggenbühl plädiert für mehr eigenständiges Denken. Unser Handeln sei stark vom jeweiligen Umfeld beeinflusst, vom öffentlichen Diskurs, der gewisse Themen aufbausche und andere tabuisiere. Beides schränke das eigenständige Denken ein. Dem gelte es Rechnung zu tragen. Organisationen empfiehlt er eine möglichst breite Beeinflussung zuzulassen, statt mehrheitlich Gleichgesinnten zuzuhören. «Neues entsteht nicht durch Bestätigung, sondern durch Irritation», sagt er. Dabei helfe echte Interdisziplinarität – und dem Einzelfall mehr Beachtung zu schenken. Insgesamt wünscht sich Guggenbühl eine bessere Debatten- und Dialogkultur. Es brauche vermehrt Herausforderer, die die Rolle des «Advocatus Diaboli» übernähmen. Dazu gehörten aber Fehlerakzeptanz und Vertrauen. Gerade Letzteres könne in einer Gesellschaft nicht durch Normen ersetzt werden. Er ist überzeugt, dass sich Menschen besser eignen, um Menschen zu führen, als Regeln.

Soziopathen als Symptom

Gesprächsrunde mit Allan Guggenbühl

Prominente Teilnehmer an der Avenir-Suisse-Gesprächsrunde: Allan Guggenbühl (l.) und Ruth Metzler (r.). (Bilder Avenir Suisse)

In der abschliessenden Diskussion wurde die Frage gestellt, wann man merke, dass die Standards zu eng gesetzt sind, die Reglementierung zu weit gehe. Ein Symptom für eine Überreglementierung sei beispielsweise, wenn Soziopathen plötzlich über grosse Attraktivität verfügten, gab Guggenbühl zu bedenken. Es gelte, früh genug Stimmen ernst zu nehmen, die konträre Meinungen vertreten, auch (oder gerade) wenn sie nicht dem Mainstream-Diskurs folgen. Am dynamischsten seien nach Guggenbühls Erfahrung «halb-chaotische» Gesellschaften wie die USA ‒ im Gegensatz zu stark normierten Ländern wie etwa China oder Japan. Man müsse es ‒ gerade in der Politik ‒ auch aushalten, einmal nichts zu tun. Es brauche eine Kultur des Scheiterns, dass man breite Beeinflussung zulasse und ‒ nicht zuletzt: mehr Bescheidenheit.

Allan Guggenbühl: Die vergessene Klugheit. Wie Normen uns am Denken hindern. Hogrefe Verlag, 272 S., Bern 2016.