Während Stifter in den angelsächsischen Ländern grosse Wertschätzung geniessen, begegnet man ihnen in der Schweiz und in anderen Ländern Kontinentaleuropas häufig mit Skepsis. Regelmässig wird ihnen etwa vorgeworfen, sie wollten Steuern sparen oder wären von Eitelkeit getrieben. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele dieser Vorurteile als wenig stichhaltig. 

Auch das Resultat eines Stifter-Engagements: Das Zentrum Paul Klee in Bern (Bild Wikimedia Commons)

Auch das Resultat eines Stifter-Engagements: Das Zentrum Paul Klee in Bern (Bild Wikimedia Commons)

In der Schweizer Debatte um reiche Wohltäter pflegt man viele Vorurteile. So fragte etwa der «Tages-Anzeiger» kürzlich: «Wie schützt man sein Vermögen vor dem Zugriff ungeliebter Familienmitglieder? Wie setzt man sich selber ein Denkmal? Wie frönt man seiner Leidenschaft und lässt die Öffentlichkeit daran teilhaben? Und: Wie hält man sich bei alldem den Fiskus vom Hals? Man gründet eine gemeinnützige Stiftung.» Was ist an diesen Kritikpunkten dran?

Ressentiments ohne Substanz

1. Stiftungen als Steuersparmodell.

Es stimmt zwar, dass Zuwendungen für gemeinnützige Zwecke zum Teil steuerfrei sind. In der Schweiz sind das Spenden und Stiftungen bei der Bundessteuer bis zur Höhe von 20 Prozent des Jahreseinkommens steuerfrei. Dies allerdings unter der Bedingung, dass man dieses Geld auch verschenkt. Der Stifter profitiert also persönlich nicht von der Steuerersparnis. Gemeinnützige Stiftungen machen den Schenker finanziell ärmer – und höchstens ideell reicher.

2. Stiftungen als Vehikel für Hobbys. Dass für Mäzene ihre Stiftungen eine Herzensangelegenheit sind, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, zumal die gemeinnützigen Interessen der Stifter breit gestreut sind und somit unterschiedliche gesellschaftliche Bedürfnisse abdecken. Untersuchungen zu dem Arbeitsschwerpunkten Schweizer Stiftungen zeigen: Soziales, Bildung und Forschung, Kunst und Kultur, Gesundheit und Umweltschutz – das Spektrum des philanthropischen Engagements ist ausgesprochen vielfältig. Es ist keineswegs so, dass Stifter nur einschlägigen «Reichen-Hobbies» frönen.

3. Instrumente der Enterbung. Auch das Enterben unliebsamer Verwandter ist selten Hauptgrund für Stiftungsgründungen. Im Gegenteil: Ein häufiges Motiv für Stifter ist die Kinderlosigkeit und das Fehlen direkter Erben. Andererseits gibt es viele Stifter, die ihre Familien in ihre Philanthropie einbeziehen. Aber selbst wenn das Enterben ein Motiv wäre: Es steht dem Erblasser doch zu, seinen Erben jenseits des gesetzlichen Pflichtteils frei zu wählen. Vor allem: Was ist daran verwerflich, sein Vermögen der Allgemeinheit zu vermachen?

4. Lückenbüsser für einen schwachen Staat. Ein spezifisches Vorurteil gegenüber der Philanthropie amerikanischer Prägung lautet: «Die Reichen müssen so viel spenden, um die Schwächen des Staates zu kompensieren.» Aber allein die Tatsache, dass der Staat in den USA schlanker ist als in Europa, zwingt niemanden zur Kompensation. Zahlreiche andere Länder mit einem schwachen Staat haben keine vergleichbare Kultur des Gebens – wie etwa Russland oder lateinamerikanische Länder. In der Schweiz mit ihrem finanziell üppig ausgestatteten Staatswesen zieht dieser Vorwurf ohnehin nicht.

5. Ein Denkmal für Reiche. Soziale Anerkennung über den Tod hinaus ist sicher ein Motiv, das beim Stiften mitschwingt. Aber Untersuchungen über die Beweggründe für Altruismus zeigen: Religiöse Überzeugungen und der Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückgeben, sind meist wichtiger sind als Eitelkeit. Aber selbst wenn: Gemeinnütziges Engagement ist sicher eine edlere Form von Eitelkeit als Statussymbole wie teure Jachten oder Immobilien.

Schweizer Stifter sind zu diskret

Gerade in der Schweiz kann man zudem Stiftern eher den umgekehrten Vorwurf machen: Sie spenden oft mit extremer Diskretion, und zu viele meiden den Kontakt mit den Medien. Das führt dazu, dass die Öffentlichkeit wenig über den gemeinnützigen Sektor und über die Motive der Mäzenaten weiss. Und es erschwert die Debatte über moderne Formen der Philanthropie, die sich zusehends auch in Europa verbreiten. Weniger Bescheidenheit wäre wünschenswert, denn die Schweiz könnte Wohltäter vom Schlage Zuckerbergs – und die Debatten, die sie entfachen – dringend brauchen. Mehr Goodwill gegenüber Wohltätern würde deren Bereitschaft fördern, sich gegenüber den Medien zu erklären. Es ist daher an der Zeit, mit dieser Art von Vorurteilen gegenüber Mäzenen aufzuräumen.

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt im «Tages-Anzeiger» vom 30. Januar 2016.
Mit freundlicher Genehmigung des «Tages-Anzeigers».

Eine vertiefte Analyse des Stiftungswesens mit internationalen Vergleichen findet sich in der Avenir Suisse-Studie «Schweizer Stiftungswesen im Aufbruch – Impulse für ein zeitgemässes Mäzenatentum»