Unter dem Vorwand der Versorgungssicherheit wird gerne gegen eine weitere Integration der Schweiz in die Weltwirtschaft oder für staatliche Unterstützungen einzelner Sektoren mobil gemacht. Verpasste Exportchancen und höhere Kosten für Konsumentinnen und Konsumenten sind die Folge. Dabei würde gerade eine Vertiefung der Handelsbeziehungen die Versorgung des Landes mit Gütern am besten sicherstellen.

Der Begriff der «Versorgungssicherheit» steht seit jeher prominent im Repertoire der politischen Schlagworte. Egal ob in der Debatte um die Energiestrategie 2050 oder bei der Diskussion um die hängige Initiative zur Ernährungssicherheit: eine hohe Selbstversorgung gehört zu den zwar meist schwammigen, aber sicher immer zentralen Zielen. Dabei geht das Anliegen ausnahmslos Hand in Hand mit dem Ideal einer autarken Produktion. Die Versorgungssicherheit der Schweiz, so die Vorstellung, werde nur dann gestärkt, wenn das jeweilige Produkt möglichst innerhalb der Landesgrenzen hergestellt wird. Autarkie und Versorgungssicherheit scheinen als zwei Seiten derselben Medaille. Unterstützung findet die Idee auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Die Linke ist skeptisch gegenüber der Globalisierung und wünscht sich im Ideal eine Kontrolle aller Produktionsprozesse, die Rechte betont vor allem die Unabhängigkeit gegenüber anderen Staaten.

Autarke Produktion als Utopie

Die autarke Wirtschaftsproduktion ist eine utopische Wunschvorstellung. So musste sogar das hermetisch abgeriegelte und «offiziell» autarke Nordkorea für die Seilbahnen seines neuen Wintersportressorts auf ein Schweizer Produkt zurückgreifen. Keine Volkswirtschaft der Welt ist heute auch nur annähernd in der Lage, sämtliche benötigten Güter selbst herzustellen. Gerade in der Schweiz wird fast kein Produkt mehr produziert, das irgendwann im Wertschöpfungsprozess nicht auf importierte Vorleistungen angewiesen wäre.

Exporte und Importe relativ zum BIP

Dass es trotzdem einen reflexartigen Hang zur Autarkie, bzw. zumindest zu einer Verstärkung der «Selbstversorgung» gibt, ist der Sorge geschuldet, den territorialen und damit politischen Schutz bzw. die Kontrolle über die Produktion gewisser Güter aus der Hand zu geben. Ein fremder Staat könnte im Extremfall den Zugang zu diesen Gütern erschweren, ohne dass etwas dagegen getan werden könnte. So unwahrscheinlich so ein Fall auch scheint, von der Hand zu weisen ist die Gefahr nicht. Nur ist die Reaktion, dieser Problematik mit einer politisch erzwungenen Erhöhung der Eigenproduktion (typischerweise mittels Subventionen) oder durch Marktabschottung zu begegnen, nicht zielführend. Im Gegenteil: Verstärkter Handel und Austausch tragen am besten und effizientesten zur Erhöhung der Versorgungssicherheit bei. Folgende Mechanismen spielen dabei eine zentrale Rolle:

Schutz vor eigenen Engpässen. Der Zugang zu bzw. die Offenheit gegenüber internationalen Märkten ermöglichen es, allfällige Engpässe der eigenen Wirtschaft zu kompensieren. Dies gilt insbesondere für Güter, deren Produktion nicht beeinflussbaren Schwankungen unterworfen ist, beispielsweise aufgrund des Wetters oder der Jahreszeit. Man denke an die tiefe Schweizer Stromproduktion während der Wintermonate. Gerade eine kleine Volkswirtschaft wie die Schweiz kann allfällige Angebotsdefizite problemlos am Weltmarkt decken.

Diversifikation. Das effizienteste Mittel gegen ökonomische Abhängigkeit ist grundsätzlich die Diversifikation. Was für Investitionen an Finanzmärkten eine Binsenwahrheit darstellt, hat auch für die Versorgungssicherheit mit Gütern seine Gültigkeit. Je mehr Volkswirtschaften zu den Handelspartnern gezählt werden können, desto tiefer ist die Gefahr, dass der Zugang zu gewissen Gütern aufgrund politischer Vorgänge zu versiegen droht. Freihandelsverträge und die Erschliessung neuer Märkte erhöhen die Versorgungssicherheit daher für alle Güter, selbst wenn die erhöhte Konkurrenz dazu führen sollte, dass der Output einzelner Produkte im eigenen Land sinkt.

Gegenseitiger Austausch. Der Hang zur Autarkie entspringt oft auch einer Angst vor einseitiger Abhängigkeit. Allerdings sind Handelsbeziehungen in den seltensten Fällen von Einseitigkeit geprägt, sondern von gegenseitigem Austausch und folglich von gegenseitiger Abhängigkeit. Damit sinkt die Gefahr einer künstlichen (d.h. politischen) Angebotsverknappung, je vertiefter die Handelsbeziehungen zwischen zwei Ländern sind. Denn die Gegenseite müsste jederzeit mit entsprechenden Retorsionsmassnahmen zum eigenen Nachteil rechnen. Vor diesem Hintergrund kann die ständig stärkere Verflechtung der Schweiz mit der Weltwirtschaft (sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite) als Verbesserung der eigenen Versorgungssicherheit gewertet werden.

Wirtschaftliche Öffnung erhöht die Versorgungssicherheit

Handels- und Wettbewerbsbeschränkungen führen zu Wohlstandsverlusten – dies hat die Wirtschaftsgeschichte immer wieder gezeigt. Trotzdem neigt die Politik dazu, solche im Hinblick auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung mit Gütern in Kauf zu nehmen. Dies ganz im Sinne eines Abwägens zwischen den zwei sich vermeintlich konkurrierenden Zielsetzungen der ökonomischen Wohlfahrt und der Versorgungssicherheit. Jedoch erweist sich der identifizierte Zielkonflikt bei näherer Betrachtung als Trugschluss. Im Gegenteil: eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft verbessert die Sicherheit der Versorgung mit Gütern. Für einen rohstoffarmen Kleinstaat wie die Schweiz gilt dies noch mehr als für andere Volkswirtschaften.