Die Schweiz ist über ihr Stromnetz so eng mit ihren Nachbarn verknüpft wie kein anderes Land in Europa. Elektrizität fliesse über 41 grenzüberschreitende Leitungen durch die Schweiz, sagte Jörg Spicker vom Netzbetreiber Swissgrid anlässlich einer Diskussionsveranstaltung an der ETH Zürich. Barbie Kornelia Haller von der Bundesnetzagentur beleuchtete das Thema «Versorgungssicherheit» aus deutscher, bzw. europäischer Sicht.

Orientierungswissen bereitzustellen sei die Aufgabe des Think-Tank-Bereichs am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich, erklärte dessen Leiter Oliver Thränert zur Einführung ins Thema «Versorgungssicherheit im Strommarkt». Das Institut CSS hatte gemeinsam mit Avenir Suisse zu einer Diskussionsveranstaltung an die ETH geladen. Die Ausführungen von Jörg Spicker, Leiter Market der Swissgrid, und Barbie Kornelia Haller, Leiterin des Referats «Wirtschaftliche Grundsatzfragen der Energieregulierung» der Bundesnetzagentur (BNetzA) Deutschland, führten die Komplexität des europäischen Energiemanagements eindrücklich vor Augen.

Diskussion über Versorgungssicherheit im Strommarkt. (Foto Lukas Meyer CSS)

Podiumsdiskussion zum Thema Versorgungssicherheit im Strommarkt: Patrick Dümmer, Severin Fischer, Barbie Kornelia Haller und Jörg Spicker (v.l.n.r.) (Foto Lukas Meyer CSS)

Die Schweiz ist über 41 grenzüberschreitende Leitungen so eng mit den umliegenden Ländern verknüpft wie niemand sonst in Europa. Dies führt laut Spicker zu einer substanziellen Abhängigkeit vom internationalen Strommarkt. Weil die Netzkapazitäten nur begrenzt vorhanden sind, müssen sie von Energiehändlern bei den Übertragungsnetzbetreibern in der EU ersteigert werden. Dieses «Market Coupling» schafft die Voraussetzung dafür, dass die Kapazitäten zwischen den sogenannten Regelzonen effizient genutzt werden können. Weil die Schweiz nicht Teil des europäischen Market-Coupling-Systems ist, erweist es sich für Swissgrid als zusätzlich herausfordernd, das Netz stabil zu halten. Erschwert wird die Stabilisierung des Schweizer Stromnetzes durch «fluktuierende Erzeugung», das heisst durch Strom, der aufgrund der fehlenden Schweizer Marktintegration unkontrolliert in unser Netz fliesst. Ein europäisches Stromabkommen würde aus Sicht von Swissgrid die Netzstabilität deshalb verbessern.

Potenzial für die Strombranche

Es ist allein schon technisch illusorisch, Versorgungssicherheit durch nationale Autonomie gewährleisten zu wollen. Sicherheit entsteht im Gegenteil durch möglichst integrierte grenzübergreifende Zusammenarbeit. Eine Beteiligung am europäischen Markt würde es der Schweiz ermöglichen, die Elektrizitätsflüsse noch besser zu managen. Ein Stromabkommen mit der EU wäre ausserdem eine Chance für die darbende Elektrizitätswirtschaft: Das Geschäftspotenzial für Schweizer Stromhändler liegt in dreistelliger Millionenhöhe pro Jahr.

Dass Versorgungssicherheit auch im liberalisierten Markt gewährleistet ist, davon ist Barbie Kornelia Haller von der Bundesnetzagentur überzeugt. Die Ziele der Liberalisierung gälten in der Energiewende mehr denn je. Denn im Unterschied zu konventionellen Kraftwerken komplizieren die erneuerbaren Energien das Netzmanagement – die Stromfachleute fürchten sich vor einem Gespenst, das sie Dunkelflaute nennen. Photovoltaik ist abhängig von der Sonneneinstrahlung, und die Energie von Offshore-Windparks muss über Hunderte von Kilometern in den Süden transportiert werden. Entsprechend ist das deutsche Stromnetz chronisch überlastet. Wie in der Schweiz wird der Bau von neuen Leitungen durch verschiedenste Einsprachemöglichkeiten verzögert – und dies, obwohl der Ausbau des Netzes dringend ist: Bis 2030 sollen die Offshore-Kapazitäten auf 15GW mehr als vervierfacht, Onshore um einen Drittel auf 58,5GW erweitert und die Photovoltaik auf 66,3GW knapp verdoppelt werden.

Engpässe im Netz

Mangelnde Netzkapazitäten sind laut Swissgrid nicht zuletzt auf neue oder im Bau befindliche Pumpspeicherwerke zurückzuführen. Aber auch der internationale Verbund sowie die Versorgung nachgelagerter Netze gehören zu den  Treibern eines Netzausbaus. Die grössten Engpässe befinden sich entsprechend auf der Nord-Süd-Achse, im Wallis sowie im Engadin. «Die Politik macht Vorgaben, die Technik schafft die Umsetzung», kommentierte Barbie Kornelia Haller die Vorgaben zur Energiewende. 50-60% erneuerbare Energie vertrage das System, mit einem höheren Anteil werde es möglicherweise teurer. Die Liberalisierung ist aus Sicht der Bundesnetzagentur vor allem für die nationale Versorgungssicherheit von grosser Bedeutung: Die Marktkräfte sollen durch höhere Preise in einzelnen Stunden das Gesamtsystem regulieren helfen. Dazu sei es wichtig, dass auch die Erneuerbaren auf die Preise reagieren.

Die in der Schweiz fehlende Steuerung über den Preis vermisste der Avenir-Suisse-Energieexperte Patrick Dümmler in der abschliessenden Podiumsdiskussion. Die Schweiz sei in der Liberalisierung auf halbem Weg steckengeblieben. Wir seien, ergänzte Spicker, aufgrund fehlender internationaler Abkommen nicht nur vom Decision Making ausgeschlossen, sondern auch von der Mitsprache. Darüber hinaus sei es aller Regulierung zum Trotz unklar, wer im System des Strommarktes die Gesamtverantwortung trage. Dunkel, so das Fazit der Veranstaltung, dürfte es in absehbarer Zeit auch bei Flaute nicht werden, die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Aber etwas frischer Wind in der Energiepolitik könnte gleichwohl nicht schaden.