Sind Freiheit und Verantwortung überhaupt erstrebenswert? Liberale werden das fast bedingungslos mit einem Ja beantworten. Aber es ist nicht gesichert, dass die breite Bevölkerung das auch so sieht. Dafür gibt es vier Gründe:

  • Erstens sind wir freiheitsverwöhnt, wir wissen längst nicht mehr, was Unfreiheit bedeutet, wie menschenverachtend sie ist.
  • Zweitens kommen, wie erwähnt, all die Einschränkungen  der Freiheit schleichend, auf leisen Sohlen und in oft kaum merklichen Schritten daher.
  • Drittens werden die Einengungen ja fast immer mit hehren Zielen begründet, die den Verlust der Freiheit als kleinen Preis erscheinen lassen für die Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe, für die Förderung der Frauen, für den Weltfrieden, für die Gesundheit – wer wollte (und dürfte) da kleinlich sein?
  • Viertens und vor allem aber versprechen Freiheit und Verantwortung nicht das Schlaraffenland. Freiheit ist eine unbequeme Idee, Verantwortung erst recht.

Freiheit stellt einen Menschen vor schwierige Entscheide, sie verlangt auch, dass man sich informiert und überlässt einem der Qual der Wahl. Dementsprechend reissen sich nur wenige um wirkliche Verantwortung, denn sie bedeutet wohl Gestaltungsmöglichkeit und Macht, wenn auch beschränkte, aber sie ist eben keine Einbahnstrasse, sie verlangt ein manchmal schweres Ringen um richtige Lösungen, das Aushalten von Unsicherheit und Ungewissheit, das Eingehen von Risiken, oft enormen Einsatz und sie mündet, richtig verstanden, schliesslich in die Haftung für die getroffenen Entscheide. So soll es auch sein.

Dennoch wird im helvetischen Hang zum Perfektionismus insofern etwas übertrieben, als man in der Schweiz bei Führungskräften, die nicht wegen eines schlechten Charakters, sondern aus irgendwelchen anderen Gründen irgendwie scheitern, den Tolggen im Reinheft zu sehr betont, alle unbestrittenen Leistungen vergisst und nur noch den Fehler sieht – und das noch dazu nachtragend und unversöhnlich.

Weil Freiheit und Verantwortung vermutlich von einer Mehrheit eher als Last empfunden werden, sollten die Anhänger von Freiheit und Verantwortung dafür kämpfen, dass zwar das Prinzip der Haftung hochgehalten wird, dass aber zugleich etwas mehr Fehlertoleranz praktiziert wird.

Fast müsste das Begriffspaar «Freiheit und Verantwortung» um diesen dritten Begriff «Fehlertoleranz» ergänzt werden. In diesem Dreiklang liegt nicht nur mehr Menschlichkeit, sondern in einem kleinen, nicht mit einer Überzahl an Verantwortungswilligen gesegneten Land auch mehr Chance auf eine gedeihliche Entwicklung.

Diese Gedanken stammen aus einem Vortrag von Gerhard Schwarz bei der Aargauischen Stiftung für Freiheit und Verantwortung im Oktober 2013. 

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Verantwortung als Grundlage der Fairness (1)