Gegenwärtig geniessen die wirtschaftlichen Eliten einen so schlechten Ruf wie selten zuvor. Die Kritik gilt vor allem der Gier und den Exzessen der Manager im Finanzsektor. Dagegen bleiben die «richtigen» Unternehmer der Realwirtschaft meist von der Kritik verschont. Aber was ist ein «richtiger» Unternehmer? Und welche Eigenschaften zeichnen ihn aus?

Ein in der Haftung stehender Visionär

Für den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883-1950) sind Unternehmer «dynamisch-energische» Menschen, die durch ihre wirtschaftlichen Handlungen die Bedingungen des Wirtschaftens selbst verändern wollen. Unternehmer ist demnach keine Berufsbezeichnung, sondern eine – unter Umständen temporäre – Eigenschaft, die in der Herstellung neuer Güter, der Entwicklung neuer Produktionsprozesse, der Erschließung neuer Absatzmärkte oder der Vornahme organisatorischer Neuerungen ihren Ausdruck findet. Unternehmer sind schöpferische, innovative Menschen. Es gibt sie auf allen Stufen, in allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft. Der Zürcher Pfarrer Sieber mit seinem unermüdlichen Einsatz für Randständige ist in diesem Sinne ein wahrer Unternehmer.

Doch so überzeugend die Schumpeter’sche Begrifflichkeit ist, es fehlt ihr eine Dimension, die den «klassischen» Unternehmer vom Manager unterscheidet: Die Haftung mit dem eigenen Kapital. Eigentümer-Unternehmer können freier und längerfristiger handeln; sie können risikoreichere Strategien verfolgen, können Neues ausprobieren. Natürlich können Manager ihr Verhalten dem von Eigentümer-Unternehmern angleichen. Mittels der  Entlöhnungspolitik (z.B. über Jahre gebundene Gewinnbeteiligungen) kann man die Interessen der Manager mit jenen der Eigentümer gleichschalten. Auf der anderen Seite wird die in Kleinbetrieben ins Auge springende Unterscheidung zwischen Manager und Unternehmer mit zunehmender Grösse eines Unternehmens schwieriger. Besitzer multinationaler Unternehmen wie Alfred Schindler, Mehrheitsaktionär, Verwaltungsratspräsident und CEO einer Firma mit 44‘000 Angestellten in über 100 Ländern, können kaum mehr als klassische Patrons wirken, und wie Manager sind auch sie einem (Minderheits-)Aktionariat verpflichtet. Immerhin können sie vielleicht noch etwas stärker als Manager einen Konzern als Spiritus rector visionär steuern.

Wünschenswerte Eigenschaften

Für unternehmerischen Erfolg braucht es mehr als eine gute Idee und juristische Haftung. Welche Eigenschaften sollten Unternehmer haben, um langfristig Erfolg zu haben?

  • Führungswille: Unternehmer sind Pioniere, stets bereit, Neues zu entdecken und zu neuen Ufern aufzubrechen. Dafür brauchen Unternehmer Visionen und Risikobereitschaft ebenso wie Freude an der Führung und an der Macht.
  • Optimismus: Unternehmer brauchen eine gesunde Portion Optimismus. Sie ist Voraussetzung für das „Why not?“ anstelle jenes skeptischen „Why?“, das vielen Intellektuellen eignet und in allem Neuen die Risiken sieht. Optimismus bedeutet aber nicht Phantasterei, sondern eine Paarung von Zukunftsglaube und Realismus.
  • Emotionalität: Unternehmer sind eher selten sture mathematische Denker. Statt rational sind sie oft emotional und intuitiv. Nur mit Emotionalität kann man andere motivieren und begeistern.
  • Generalistentum: Unternehmer können sich keine zu einseitige Begabung leisten. Sie müssen in allen Gebieten zu Hause sein, ihrem Wesen nach Generalisten sein. Meist haben sie auch Interessen über das Geschäftliche hinaus, kulturelle, politische, soziale. Alfred Escher, Max Schmidheiny, Hans Bär, Nicolas G. Hayek sind Beispiele aus unterschiedlichen Branchen, Generationen, Regionen und Zeiten.
  • Zivilcourage: Unternehmer müssen mutig sein. Neues zu schaffen bedeutet fast immer, Gegebenes kritisch zu hinterfragen, gegen den Strom zu schwimmen, in der Minderheit zu sein. Deshalb kommen viele Unternehmer selbst aus Minderheiten.

Nicht Wolf, nicht Kuh, sondern Pferd

Diese Liste ist nicht vollständig. Sie bringt zum Ausdruck, was der Autor dieser Zeilen sich von Unternehmern wünscht, von ihnen erwartet. Unternehmer gehören als Gestalter zur Elite einer Gesellschaft, sie sollten sich auch entsprechend verhalten. Auf ihnen ruhen die Hoffnungen vieler, die für eine freiheitliche Ordnung kämpfen. Winston Churchill meinte einst:

«Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht.» 

Nicht ganz zu Unrecht bleiben die echten «Pferde» in der Finanzkrise bisher von Kritik verschont. Man braucht sie, um den Karren Weltwirtschaft aus dem Dreck zu ziehen.

Lesen Sie nächste Woche, welche Voraussetzungen es für erfolgreiches Unternehmertum in der Marktwirtschaft braucht.