Anlässlich des 15. Geburtstags von Wikipedia dominierten in der Berichterstattung die Sorgen um die Zukunft des Online-Lexikons. Die Zahl der Nutzer stagniert, Autoren ziehen sich zurück, es gibt interne Querelen um die künftige Strategie. Obwohl diese Sorgen ernst zu nehmen sind, ist der Eindruck verfehlt, bei Wikipedia handle es sich um ein notleidendes Projekt. Vielmehr sollte bei der Zwischenbilanz die enorme Leistung hervorgehoben werden, die bislang erbracht wurde.

Wikipedia gehört zu den zehn meistbesuchten Websites im weltweiten Netz. Vom Schüler bis zum Wissenschafter – die digitale Enzyklopädie ist inzwischen eine unentbehrliche Quelle des Allgemeinwissens, die dank Smartphones und mobilem Internet jederzeit und überall abrufbar ist. Es gibt Wikipedia in 300 Sprachen und Dialekten. Die umfangreichsten Ausgaben sind die englische mit fünf Millionen Einträgen und die deutsche mit knapp zwei Millionen. Zehntausende Ehrenamtliche haben in nur 15 Jahren 37 Millionen Artikel verfasst. Eine gemeinnützige Stiftung ist Hüterin dieses Wissensschatzes.

Klare Regeln, hochqualifizierte Experten

Während analoge Vorgänger wie der Grosse Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica als Luxusgüter einer kleinen Elite vorbehalten waren, ist Wikipedia kostenlos und weltweit zugänglich. Wie das Internet grundsätzlich trägt Wikipedia zu einer Demokratisierung und Globalisierung des Wissens bei. Statt einer gedruckten Neuauflage einmal pro Dekade wird das Online-Lexikon permanent à jour gehalten. Es ist ein dynamisches Wissens-Kompendium für eine schnelllebige Welt. Und es ist derart gut, dass selbst Google das Konkurrenzprojekt «Knol» 2012 diskret beendete.

Denis Diderot

Der Urvater von Wikipedia: Denis Diderot, Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Bildquelle Wikimedia Commons.

Wikipedia ist ein Paradebeispiel für das Funktionieren der digitalen «Wissensallmende», in der auch Open-Source-Software eine grosse Rolle spielt. In all diesen Fällen werden durch eine Vielzahl weltweit verstreuter, freiwilliger Mitarbeiter in einem auf den ersten Blick oft chaotisch wirkenden Prozess öffentliche Güter produziert und kostenlos zugänglich gemacht. In der Realität erfordern solche Produkte der oft beschworenen «Schwarmintelligenz» jedoch ein System mit klaren Regeln und das Engagement einer oft überschaubaren Gruppe hochqualifizierter Experten.

Ein Schlüsselprojekt der Aufklärung

Auch die Schwarmintelligenz von Wikipedia funktioniert nur dank einer stringenten Methodik und klaren Regeln. In Beiträge eingepflegte Informationen müssen durch seriöse Quellen unterlegt werden, und im Rahmen eines ausdifferenzierten «Peer Review»-Systems kontrollieren und korrigieren sich die Autoren gegenseitig. Streitigkeiten werden in geordneten Verfahren beigelegt und Verstösse gegen den wissenschaftlichen Kodex sanktioniert (bis zur Sperrung eines Autors). Auch für volle Transparenz wird gesorgt: Sämtliche Änderungen sind in der Chronologie eines Beitrags einsehbar.

Die Digitalisierung und die offenen Netzwerke, die sie ermöglicht, haben mit Wikipedia letztlich ein Werk vollendet, das im 18. Jahrhundert als ein Schlüsselprojekt der europäischen Aufklärung lanciert wurde: Die «Enzyklopädisten» um den Franzosen Denis Diderot erstellten über einen Zeitraum von zwanzig Jahren (1751-72) die erste umfassende Enzyklopädie mit einem Umfang von 17 Bänden. Ihr Anspruch war es, das Wissen der Menschheit zusammenzutragen (17 Bände reichten damals!) und allgemein zugänglich zu machen. 250 Jahre später verwirklicht Wikipedia diese ambitionierte Vision.