In der Politik bewegen sich die Bürger nicht auf einem «Marktplatz der Ideen», sondern vielmehr auf einem «Marktplatz der Geschichten». Es sind Narrative, sogenanntes «Storytelling», die den Menschen Politik emotional näherbringen. Keine noch so eindeutig datenbasierte Evidenz oder auch keine Auflistung von Vorschlägen ist so wirkmächtig wie eine gute Geschichte.

Was in den USA – John F. Kennedys «New Frontier» oder Lyndon B. Johnsons «Great Society» – und in vielen europäischen Staaten zum professionellen Rüstzeug in der Politik gehört, steckt in der Schweiz erst in den Anfängen. Den Parteien fehlt die Einsicht in die Wichtigkeit der Narrative in der Politik, auch fehlt es an Geld. Das Milizsystem, das Stolzsein auf das Amateurhafte, Nebenberufliche in der Politik oder auch der Aufbau von unten nach oben – all dies versperrt den Weg zu professionellen Erzählungen. Konsens- oder Konkordanzsystem tragen das ihre bei: Wo eine Allparteienregierung herrscht, wie sie der Bundesrat ist, wird notgedrungen vor allem auf Sachlichkeit, Daten und konkrete Kompromissvorschläge abgestellt.

Diese Haltung verkennt aber, dass Parteien Erzählungen brauchen, um klarzumachen, wohin sie steuern. Narrative interpretieren die Vergangenheit, um in der Gegenwart Zukunftswege zu beschreiben. Sie zeichnen sich aus durch eine bewusste Selektivität. Es müssen kongruente Geschichten sein, die sinnbildend wirken und Orientierung bieten. Es geht um die Interpretation, woher ein Land kommt, wo es steht und welche Zukunft es ansteuern sollte.

Ein wesentliches Merkmal widerstreitender Narrative sind nationale Mythen. In der Schweiz führen die Parteien kaum einen Kampf um das hegemoniale Geschichtsbild. Die einzige Partei, die nationale Mythen aufnimmt, ist die SVP. Sie führt im wesentlichen jenes Narrativ fort, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und das bis 1989 glaubwürdig war: das Bild einer widerständigen Schweiz, die ungeachtet ihrer Umgebung ein Sonderfall ist; eine Schweiz, wo alles zum besten bestellt ist, solange die äusseren Einflüsse minim bleiben. Interessant ist, dass die anderen Parteien und auch der Bundesrat diesem Bild heute kein Narrativ entgegensetzen können oder wollen. Klar, der Bundesrat ist wegen seiner Rolle als Konsenssucher nicht dazu geeignet, ein neues Narrativ zu prägen, aber auch den Parteien fehlt es offensichtlich an narrativer Kraft, Kompetenz oder Willen. Die SP hat ihre Zukunftsvision verloren, darum wirkt sie seltsam gegenwartsbezogen, pragmatisch und übt sich nur mehr in taktischer Brillanz. Ein Narrativ bringt sie nicht mehr zustande. Ausdruck davon war etwa ihre ständig ändernde Haltung zur Personenfreizügigkeit. Die CVP hat eben ihr neues Programm vorgestellt; niemand hat es gemerkt oder erinnert sich daran – auch ein schlechtes Zeichen. Was bedeutet das Christlichsein heute? Niemand weiss es.

Und die FDP? Auch sie hat keine erkennbare Erzählung. Dies ist eigentlich am erstaunlichsten, da wohl keine andere Partei so gute Voraussetzungen hätte, ihres zu präsentieren: Denn der Schweiz geht es nach 166 Jahren Bundesstaat ausgesprochen gut, und die einzige Partei, die immer dabei war und diesen Weg prägte, ist die FDP. Letztlich stünde also die Tür weit offen. Das Narrativ müsste ihre Erfolgserlebnisse der Vergangenheit selektiv so interpretieren, dass sie in den Köpfen hängen bleiben und in die Zukunft weisen.

Eine solche Story, gleichbedeutend mit einer Erzählung der Schweiz, könnte ein Ereignis sein. Je besser sich Vergangenheit und Zukunft zusammenbringen lassen, umso glaubwürdiger würde die FDP. Der Fortschrittsgedanke als zentrales Element wäre ein Eckpfeiler einer solchen Story. Die Erneuerung des Fortschrittsgedankens bedeutete auch eine Ablehnung des Status quo-Denkens, denn den Kindern würde eine bessere Zukunft versprochen als ihren Eltern.

Die Bevölkerung sucht nach Orientierung. Es gibt einen Kampf der grösseren Parteien um dieses «Zentrum des Wesens der Schweiz». Wer ist Treiber der Geschichte? Ein liberales Narrativ hätte die besten Chancen, diese Nachfrage zu bedienen. Wenn es die relevanten Akteure denn wollten.

Dieser Artikel erschien im «Schweizer Monat» vom Juli 2014. 
Mit freundlicher Genehmigung des «Schweizer Monat».