Die Schweiz befindet sich verglichen mit ihren Nachbarn in einer komfortablen Situation. Dadurch steigt die Gefahr der Selbstzufriedenheit. Sie ist Gift für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft.

Welche Fragen beschäftigen die Schweiz? In einer direkten Demokratie liegt es nahe, die Antwort nicht bei Intellektuellen oder Politikern zu suchen, sondern in der Bevölkerung. Gemäss dem  jährlich publizierten Sorgenbarometer wird seit 2003 die Arbeitslosigkeit als Hauptsorge wahrgenommen. Zudem werden die Themen «Ausländer/Personenfreizügigkeit» und «Flüchtlinge/Asylfragen» zunehmend sorgenvoller beurteilt. Fragte man die Politiker, stünden  vielleicht das Bankkundengeheimnis, der Knatsch mit den USA oder die Beziehungen zur Europäischen Union auf der Liste. Unternehmer wiederum würden wohl den starken Franken, den Fachkräftemangel oder die zunehmende Regulierung – nicht zuletzt des Arbeitsmarktes – nennen.

All diesen Themen ist gemeinsam, dass es sich um Sorgen handelt und dass der Schuh sehr unmittelbar drückt. Verdrängt werden dadurch zum einen die längerfristigen Probleme, die nicht etwa weniger wichtig sind, nur, weil sie nicht unmittelbar unter den Nägeln brennen, im Gegenteil, und die oft auch schwer erkennbar sind, weil sich die Schweiz in einer weniger schwierigen Situation befindet  als ihre Nachbarn. Die Gefahr der Selbstzufriedenheit ist da gross – und sie ist Gift. Vergessen gehen zum anderen die Chancen, die zwar oft schlecht sichtbar – aber nicht minder  real – sind, die zu erkennen und zu ergreifen sehr anspruchsvoll sein kann, und deren Nutzung eine entsprechende Politik voraussetzt.

Zukunft als Chance

In der Publikation «Ideen für die Schweiz. 44 Chancen, die Zukunft zu gewinnen» hat Avenir Suisse versucht, diese beiden Perspektiven im Visier zu behalten, die lange Frist ebenso wie das Verständnis der Zukunft als Chance. Zu den zwar oft erst schwelenden, aber langfristig vielfach brandgefährlichen Herausforderungen zählen unter anderem die Finanzierung der Sozialwerke, die Alterung der Gesellschaft, die 9- oder gar 10-Millionen-Schweiz mit Zersiedelung und Verkehrsinfarkt, die allgemeine Kurzfristigkeit des Denkens in Politik und Wirtschaft oder die Erosion einer fein austarierten und stabilen gesellschaftlichen Kohäsion. Zu diesen und vielen anderen Entwicklungen hat Avenir Suisse Vorschläge entwickelt, die ein Anstoss für eine breite Diskussion über alle Lager hinweg  sein wollen. Das Spektrum der Vorschläge reicht von der freien Wahl der Pensionskasse durch die Mitarbeiter, um den individuellen Präferenzen der Arbeitnehmer Rechnung zu tragen bis zu einer Abgabe von Unternehmen bei Neueinstellungen aus dem Ausland zur besseren Ausschöpfung des einheimischen Arbeitskräftereservoirs; von einem Energiefonds der Kantone mit Blick auf eine effektivere Privatisierung bis zur «Kumulusaktie», einem Aktientypus, der loyale Anleger belohnt; von einem allgemeinen Bürgerdienst mit dem Wehrdienst als einem wichtigen Pfeiler, um der schwindenden Wehrgerechtigkeit und dem Rückgang des Milizgedankens zu wehren, bis hin zu mehr Kostenwahrheit im Verkehr aus ökologischen, siedlungspolitischen und finanziellen Gründen.

Hinter allen Vorschlägen steckt die Überzeugung, dass das frühzeitige Anpacken von Problemen diese zu veritablen Chancen werden lässt. Die Schweiz könnte anders und vor allem noch besser sein! Das ist der Grundsatz hinter jeder Idee.  Dafür braucht es eine gute Debattenkultur, den Willen, zu reüssieren, die innere Kraft, nicht mit dem grossen Strom zu schwimmen, sowie Kreativität,  Mut und Offenheit für Unkonventionelles – kein Leichtes in einem konsensorientierten Land wie der Schweiz.

Die brennendste Frage wäre aus dieser Sicht: Wie behält die Schweiz das nötige Interesse an ihrer eigenen Zukunft, den  Willen, diese Zukunft aktiv zu gestalten, und das Selbstbewusstsein (nicht die Überheblichkeit), dass sie das in einem beträchtlichen Ausmass auch kann? Weder Selbstzufriedenheit noch sorgenvolle Resignation, sondern nur optimistische Entschlossenheit werden es erlauben, die Zukunft zu sichern.

Dieser Artikel wurde in der NZZ-Verlagsbeilage «Swiss Economic Forum» 
vom 5. Juni 2013 publiziert.